Berit Stehr berichtete in diesem Blog kürzlich von ihrer Reise nach Hebron. Sie erlebte konkret, was es in Israel und Palästina an Sperrzonen, mobilen Kontrollpunkten, Mauern, Barrieren, Blockaden oder Vorposten gibt und wie sehr sich dies auf die Menschen vor Ort auswirkt. Nun ist kürzlich Eyals Weizmann Buch “Sperrzonen” erschienen. Für Weizmann ist “Israel ein Labor für die Erprobung und Erforschung des politischen Raums, der durch eine Besatzung geschaffen wird”. Er beschreibt sehr konkret, wie vielfältig die Versuche sind, “Land zu besetzen, zu zerschneiden, zu teilen, auszuweiden, wieder zusammenzufügen und wieder zu bombardieren” – um so ein zerstörtes und unbewohnbares Land zu hinterlassen.
Mit seinen “Sperrzonen” spricht Weizman ein hochemotionales, schwer zu fassendes und kontrovers diskutiertes Thema an. In seinem Bericht verfolgt er die Entwicklung dieser Architektur-Ideen in Israel zurück: von den baurechtlichen Maßnahmen zum Erhalt des demografischen Verhältnisses zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung, der Planung und dem Bau der Siedlungen bis zur urbanen Kriegsführung mit gezielten, luftgestützten Tötungen. Er untersucht Israels Methoden, die Landschaft und die gebaute Umgebung in Werkzeuge von Herrschaft und Kontrolle umzuwandeln. Mit vielen Karten und Fotos versucht er, diese These zu belegen.
Nun arbeitet Eyal Weizman mit verschiedenen Menschenrechtsgruppen im Nahen Osten zusammen. Er veröffentlichte “A Civilian Occupation” sowie die Serie “Territories”. Dies sollte man bei der Lektüre beachten und die Bereitschaft mitbringen, sich auch auf diesen Blickwinkel einzulassen. So meinte Casten Hueck in seiner Besprechung im Deutschlandradio, dass “Weizmans Buch jenseits üblicher Perspektiven ein ungewöhnlich tiefenscharfes Bild der israelischen Besatzung und ihrer Folgen für die palästinensische Bevölkerung vermittelt.” Er kommt zu dem Schluss, dass Weizmans Ergebnisse deswegen so niederschmetternd seien, weil sie zeigten, wie selbst das kleinste Detail einem Plan dient, der eine partnerschaftliche Lösung des Konflikts ausschließt.
Mit seiner Architekturkritik zeigt Weizman, wie sehr der Bau der Mauer wie auch die Errichtung von Straßen und Siedlungen bei allen sehr berechtigten israelischen Sicherheitsbedürfnissen einer Sicherheitslogik folgt, die die Spirale von Feindseligkeit und Gewalt fortschreibt. So entstand bei mir der Eindruck, hier würde Gewalt mit Gegengewalt beantwortet und Wasser auf die Mühlen der palästinensischen Terroristen gespült – ein Teufelskreis? Die ARD lobte jedenfalls in ihrer Sendung “Titel, Thesen, Temperamente” Weizmans Ansatz, weil er aus ihrer Sicht einen wertvollen Beitrag leiste zu einer “neuen ›Roadmap‹ für eine ›neue‹ Architektur in Palästina: eine Vision für die Zukunft, in der Bauten nicht länger den Krieg fortschreiben, sondern vielmehr dem Frieden dienen.”
Letztlich gibt mir Weizmans “Sperrzonen” einen tiefergehenden Eindruck in die Logik des Konflikts jenseits der herkömmlichen Kategorien von Armee und Gewalt – denn er erzählt nicht nur anschaulich von den Mechanismen der Besatzungsarchitektur, sondern analysiert, wie sich in Verschiebungen im Bereich militärischer Strategien, rechtlichen Denkens und technischer Möglichkeiten im Nahen Osten eine global bedeutsame Neuformulierung von Territorialität und Souveränität abzeichnet. Letztlich habe ich nach der Lektüre dieses Buches den Eindruck bekommen, nach langer Zeit einen profunden, sachlich begründeten und nachvollziehbaren Diskussionsbeitrag zur Lage in Nahost bekommen zu haben, der mir wertvolle Einblicke gibt in die Struktur und die Ursachen des israelisch-palästinensischen Konflikts gibt.
Das Buch wurde von Sophia Deeg und Tashy Endres aus dem Englischen übersetzt, kostet in Deutschland 24,90 Euro und ist im Nautilus-Verlag erschienen. Letztlich gibt Weizman mit seinem Band einen wertvollen Beitrag, so wie das auch “Das Herz von Jenin” tut – es wird ein Konflikt mit all seinen menschlichen Facetten, mit all seinen Problemen offen angesprochen, es werden menschliche Schicksale und Hintergründe vorgestellt, bei denen wir eigentlich nicht mehr weggucken können. Oder doch?





Eben las ich auf Qantara.de einen sehr interessanten Artikel über Jerusalem – empfehlenswert, weil es die Lage vor Ort zeigt:
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_id=1161
Von: Joachim Fulda am 19. Februar 2010
um 4:56 pm
Wie das Leben nach der Zerstörung im Gaza-Krieg weiterging, zeigt Nicolas Wadimoffs Gaza-Film “Aisheen”. Auf Qantara.de, deren Informationsdienst ich ausdrücklich empfehlen kann, gibt es dazu ein Interview mit Wadimoff:
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=299&wc_id=774
Von: Joachim Fulda am 1. März 2010
um 2:34 pm
Das Buch “Sperrzonen” wurde inzwischen zum Glück auch auf Qantara besprochen und mit aktuellen Beispielen ergänzt, ich will den link an dieser Stelle als zusätzliche Infoquelle gerne angeben:
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=299&wc_id=787
Von: Joachim Fulda am 9. April 2010
um 3:44 pm
[...] diesem Blog stellte ich bereits Eyal Weizmanns „Sperrzonen“, Joe Saccos „Palästina“ und Rutu Modans „Blutspuren“, den [...]
Von: Death in Gaza – eine Dokumentation « GfbV Berlin – der Blog am 31. Januar 2011
um 2:28 pm