Verfasst von: joachimfulda | 16. April 2009

Einmal Flüchtling sein?

Danke, aber eigentlich lieber nicht. Mir reicht es, wenn ich jeden Morgen einfach zur Arbeit kann, ohne Angst haben zu müssen, ob ich hier überhaupt meines Lebens sicher bin oder fliehen soll. Zum Glück lebe ich in einem Land, dass sogar so sicher ist, dass hier Menschen Zuflucht finden können, die von zuhause fliehen müssen. Wie kürzlich ein junger Tschetschene, der schwer krank Kirchen-Asyl in Berlin- Friedrichshain fand. Ein anderer Tschetschene hatte nicht so viel Glück: Er wurde Anfang des Jahres in Wien ermordet.

Dennoch bestehen immer wieder Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen. Als unsere Kollegen in Göttingen irakische Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland empfingen, gab es anschließend Anfeindungen, warum wir überhaupt unseren Sozialstaat mit solchen Flüchtlingen belasten, es gäb doch „genug arme Deutsche“. Darum ist politische Bildungsarbeit wichtig – Deutschen nahe zu bringen, warum andere Menschen aus ihrer geliebten Heimat fliehen müssen und es wichtig ist, Verantwortung für sie zu übernehmen.

In diesem Zusammenhang gibt es ein interessantes Spiel des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR): Last Exit Flucht. Besonders für den Schulunterricht eignet es sich gut, um die Lage, in der sich Flüchtlinge befinden, zu verdeutlichen.

In diesem Spiel können Jugendliche die Rolle eines Flüchtlings übernehmen. Es wechseln sich Wissensfragen (zum Beispiel bei der Unterscheidung, wer Migrant und wer Asylant ist) ab mit dynamischen Elementen bei der nächtlichen Flucht, wo man mit der Tastatur durch die Stadt hindurch navigiert und dabei den gefährlichen Patrouillen aus dem Weg gehen muss. Das Spiel soll jungen Menschen nahe bringen, was es bedeutet, die eigene Heimat verlassen und in einem fremden Land ganz von vorn anfangen zu müssen. Dazu liefert es Hintergrundinformationen zu Menschenrechten und einen Leitfaden für Lehrer. Darin gibt es viele Vorschläge für den Unterricht.

Das Spiel besteht aus drei Teilen: In „Krieg oder Konflikt“ muss sich der Spieler einem Polizeiverhör stellen. Da kann schon mal das Blut spritzen, wenn die Antworten dem Regime nicht passen. Sollte das Verhör aber irgendwie überstanden werden, hat der Spieler nur noch eine einzige Möglichkeit, der Haft zu entgehen: die Flucht. In rund einer Minute muss er entscheiden, was er für die ungewisse Zukunft in einem ganz neuen Land braucht. Dazu die nächtliche Flucht durch die Straßen der geliebten Heimatstadt, wo scharfe Militär-Hunde und Denunzianten nur darauf warten, den Flüchtling zu fangen.

Doch auch nach erfolgreicher Flucht ist man erst im zweiten Teil des Spiels angekommen: dem Asylverfahren. Man trifft zum Beispiel Rassisten, die einen zusammenschlagen, so man nicht rechtzeitig abhaut. Auch der erste Schultag in einer neuen Klasse ist nicht leicht, wenn Kultur und Sprache völlig fremd sind.

Der dritte und letzte Teil des Spiels beginnt mit dem genehmigten Asylantrag – was für ein Glück! Denn nur die wenigsten bekommen das erhoffte Bleiberecht. Wer mehr wissen will über Zahlen und Hintergründe, dem mögen die Daten von Pro Asyl und der Kirchen genügen (www.proasyl.de).

Die konkreten Aufgaben in diesem letzten Teil: Einen Sommerjob finden, ein Handy kaufen, die neuen Nachbarn kennen lernen. Bei alldem ist man ständig mit Vorurteilen konfrontiert: „Der nimmt uns die Arbeit weg!“, „Der stiehlt sicher, sobald man ihm den Rücken zudreht“. Stammtischparolen eben, die man immer wieder hört; Parolen, die menschenverachtend sind.

Das ganze Spiel ist für Jugendliche sicher leicht zu spielen. Die Navigation ist leicht zu handhaben. Es kann zwar den regulären Unterricht nicht ersetzen, aber durchaus sinnvoll ergänzen. Der pädagogische Leitfaden enthält Vorschläge für Rollenspiele und Gruppendiskussionen zu den jeweiligen Spielabschnitten und regt darüber hinaus zum eigenen Forschen an. Mit Hilfe eines Fakten-Webs erfährt der Spieler Näheres über Flüchtlingsfragen. In Texten und Videosequenzen kommen Flüchtlinge selbst zu Wort und es wird ein Einblick in die Situation in verschiedenen Ländern gegeben. Alles in allem ein schönes Spiel und gut geeignet für die Menschenrechts-Bildung.

Das Spiel ist gut geeignet für Jugendliche ab 13, 14 Jahren und kann ruhigen Gewissens empfohlen werden: endlich ein sinnvolles Spiel, das trotz des Inhaltes altersgerecht aufbereitet ist. Man kann nur hoffen, dass der eine oder andere spielende „Flüchtling“ auch merkt, dass Flucht und Vertreibung mehr als nur ein Spiel, sondern für viele Menschen auf unserer Welt ein bitteres Schicksal ist, das sie bis an ihr Lebensende verfolgt. Das Spiel bietet hier einen ersten Schritt, eine andere Lebenswelt besser verstehen zu können. Es ist zwar ein schmaler Grat zwischen Realität und Fiktion, aber das Spiel wird dieser Herausforderung mehr als gerecht.


Antworten

  1. [...] Viele Menschenrechtsorganisationen wie die GfbV, amnesty und Avaaz gehen davon aus, dass die Militärjunta inzwischen richtig schwere Angst hat um den Erhalt ihrer Macht – warum sie umso stärker gegen die Opposition vorgehen: Tausende Menschen sind gefangen in unmenschlichen Haftbedingungen, ihnen wird jegliche medizinische und rechtliche Betreuung verweigert. Aber auch ethnische Gruppen werden weiterhin massiv unterdrückt und weitere Menschenrechte verletzt. Wir müssen aufgrund der uns zugrundeliegenden Angaben und Hinweise davon ausgehen, dass über eine Million Menschen inzwischen im Grenzgebiet auf der Flucht sind vor diesem unmenschlichen Regime – und dies ist dann kein Spiel mehr wie im UNHCR-Spiel “Last Exit Flucht”. [...]

  2. [...] nähern möchte oder seinen Kindern einen ersten Einstieg geben möchte, sei das UNHCR- Spiel “Last exit Flucht” empfohlen, über das ich im April bereits [...]

  3. [...] behandelt.“ GfbVInternational Das in diesem Blog bereits besprochene „Spiel“ LastExitFlucht des UN-Flüchtlingsrates ist bei allen wertvollen didaktischen Einblicken nur ein Spiel, das angesichts dieser Schicksale [...]


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