Verfasst von: joachimfulda | 21. April 2009

Stell Dir vor, Du wachst auf…

…mitten in der Nacht und Dein Haus wird angegriffen. Das passiert Tag für Tag – in Darfur.

Der Völkermord in Darfur zählt zu den schlimmsten humanitären Tragödien und Verbrechen gegen die Menschlichkeit des 21. Jahrhunderts. Zum dritten Mal führt das sudanesische Militärregime unter General Omar Hassan Al Bashir Krieg gegen die eigene schwarzafrikanische Bevölkerung. Zuerst der Genozid im Südsudan, der zwischen1955 bis 2003 fast 2,5 Millionen Toten forderte, dann der in den Nuba-Bergen mit etwa 500.000 Toten zwischen 1987 bis 2003. Seit 2003 führt Khartum mit Hilfe der arabischen Janjawid – Milizen einen Vernichtungskrieg gegen die muslimischen Schwarzafrikaner im westsudanesischen Darfur. Diese gehören mehrheitlich dem Volk der Fur an. Dieser Völkermord hat bereits bis zu 400.000 Menschenleben gefordert. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden vertrieben. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete diese Tragödie als die gegenwärtig größte humanitäre Krise weltweit.

Die GfbV engagiert sich deswegen mit vielen kreativen Mitteln, um eine breite Öffentlichkeit auf diesen Völkermord hinzuweisen. So haben wir im Februar am Brandenburger Tor demonstriert. Mit Weckern klingelten wir so laut, um unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy aus ihrem Tiefschlaf zu wecken. Auf ihren Nachttischen fanden sie dann die vielen Berichte zum Sudan hin – die GfbV und viele andere Menschenrechtsorganisationen dokumentieren den Völkermord in Darfur, doch in der Öffentlichkeit regt sich kaum ein Mensch….

Daher kommuniziert die GfbV auf verschiedenen Kanälen, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Unter anderem durch Aktionsvideos „Völkermord – bitte nicht stören.“, das auf youtube geschaltet ist. Der Grundgedanke ist visuell gut umgesetzt: Ähnlich den Hotels hängt ein Schild an der Tür mit der Bitte, doch die „Privat- und Intimspähre“ dahinter zu respektieren. Jedenfalls solange, bis sich die schreiende Ungerechtigkeit durch die Türritzen hindurch zwängt und in kurzen Einblendungen gezeigt wird, was hinter der Tür passiert: Brandschatzung, Vergewaltigung und Vertreibung, Mord und Totschlag. In einem anderen Video verschwinden Kinder auf dem Weg zur Schaukel, auf dem Bolzplatz, verschwinden Erwachsene an der Bushaltestelle oder auf dem Weg zum Einkaufen.

Besonders interessant an solchen Videos sind die Kommentare derjenigen, die sich diese Videos anschauen: von den knapp achthundert Nutzern haben acht den Beitrag als „genial“ bewertet. Schade, dass es nur so wenige sind. Aber es gibt immerhin drei Kommentare. Die haben es aber in sich. Bemerkenswert besonders jene Ausführungen einer „FrauGladys1980Meza“, die wir hier an dieser Stelle zumindest teilweise widergeben müssen, um zu zeigen, mit was für Menschen wir es teilweise zu tun haben:

„was ihr gefickten azerbeischener hocali war nicht der anfang ihr soltet euch vorsehen was wir haben den geiseln in hocali gift in die puls adern gespritst“

Nun gut, es versteht sich von selbst, dass solche im schlechtesten Deutsch geschriebenen Aussagen sofort gespamt werden. Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand wird diesen Kommentar sicherlich richtig einzuschätzen. Und wir von der GfbV sehen an solchen Kommentaren, warum unsere Arbeit wichtig ist. Es reicht eben nicht aus, Politiker wie Sudans Präsidenten Bashir zur Verantwortung zu ziehen. Denn der internationale Haftbefehl ist nur ein erster Schritt. Es geht auch um die Täter vor Ort. So wie in den 1960ern dem verdienten hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken ist, dass die KZ-Wächter von Auschwitz zur Verantwortung gezogen wurden. Und die aus diesem Gerichtsprozess folgende gesellschaftliche Debatte war wichtig, zeigte sie doch, dass die Täter von einst heute mitten unter uns als„unbescholtene Bürger“ lebten, ohne je für ihre Morde zur Verantwortung gezogen worden zu sein.

Solche Gerichtsprozesse, ähnlich wie Videos, Demonstrationen oder Computerspiele (wie Last Exit Flucht, das im letzen Blog besprochen wurde) können einen Beitrag leisten, um jeden einzelnen Menschen zu sensibilisieren. Zu sensibilisieren für das Schicksal von Menschen, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder politischen und sozialen Herkunft verfolgt, diskriminiert und ermordet werden.

Solche Kommentare wie von „FrauGladys1980Meza“ zeigen, dass es genügend Menschen unter uns gibt, denen es an Mitgefühl fehlt, die aber auch so feige sind, dass sie sich aus der Anonymität des Internets zu Wort melden und ihre Hasstiraden loslassen. Hierin liegt die eigentliche Herausforderung jeder Menschenrechtsarbeit: Zu zeigen, dass wir offen und ehrlich eintreten für jene Opfer, die eben keine Stimme haben, sie zu verteidigen und mit ihnen solidarisch zu sein. Und das nicht nur gegenüber den Politikern oder den Sicherheitskräften, die für die Morde und Vergewaltigungen verantwortlich sind. Sondern auch gegenüber jenen aus der Mitte unserer Gesellschaft, die mehr oder weniger offen Sympathie dafür zeigen. Denn in diesem geistigen Klima gedeihen mörderische Gedanken besonders gut.

Es sei denn, es gibt so eine Organisation wie die GfbV. Anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels meinte der Violinvirtuose Yehudi Menuhin: „Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker sind der starke Arm des Weltgewissens, die ersten Elemente einer weltweit geübten Gerechtigkeit, wozu kein Staat, seiner Definition nach, die Möglichkeit hat.“. Dem kann eigentlich nichts mehr hinzugefügt werden. Bis zum nächsten Kommentar, den wir filtern müssen. Man kann es aber auch als Ansporn nehmen, noch mehr für den Schutz bedrohter Völker zu unternehmen.


Antworten

  1. [...] In meinem vorletzten Blog schrieb ich über unsere Darfur-Kampagne. Dazu gab es interessanter Weise Kommentare, die weniger [...]

  2. [...] Videos: Rebecca Sommer, Paul Polansky und unsere Aktionsvideos zu Darfur (über die ich kürzlich schrieb) sind auch nicht von schlechten Eltern. Daher nur die Bitte: guckt nach, welche Videos ihr da [...]

  3. [...] die Kommentar-Funktion von Blogs oder you tube sehr schnell sehr übel mißbraucht. Wie schon beim Darfur-Video, wo sich Armenier und Kurden intensiv beharkten, ergeht es uns von der GfbV auch bei unserem Video [...]


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