Verfasst von: Frank-R. Domes | 20. Mai 2009

Pakistan: Im Krieg gegen die Taliban geraten Menschen und Kultur zwischen die Fronten

Die Taliban in Pakistan entführen Kinder: Jungen für den Krieg, Mädchen für die Heirat. Das Militär Pakistans setzt seine Operation unter dem Beifall der USA fort. Die Zivilbevölkerung hat keine andere Wahl als die Flucht aus dem Kriegsgebiet. Nach Angaben der UNO-Flüchtlingsbehörde wurden allein seit dem 2. Mai 835.226 Menschen als Flüchtlinge registriert, zusätzlich zu den 500.000, die schon im letzten Jahr geflohen sind. Ihre Versorgung ist schlecht: Vor der Sommerhitze, die sie als Menschen aus dem Gebirge nicht gewohnt sind, werden sie nur durch dünne Zeltplanen geschützt, es fehlt an dringend benötigtem sauberem Trinkwasser, medizinische Versorgung gibt es in den hastig errichteten Zeltstädten nicht. Humanitäre Hilfe wird dringend benötigt. Auch die Kultur der geflohenen Menschen ist bedroht
In der North West Frontier Province (NWFP) Pakistans werden 26 Sprachen gesprochen, viele nur von wenigen tausend Sprechern: Wakhi wird von 12.000 Personen gesprochen, Yidgha hat 6000 Sprecher, Gawar-Bati 1500; die Sprache Kataviri, die einem eigenen Zweig der indoeuropäischen Sprachen angehört, sprechen 7.000 Personen. Die angrenzenden Nordgebiete Pakistans haben eine ähnliche Sprachenvielfalt. Viele Sprachen sind kaum erforscht, fast alle sind in ihrer Existenz gefährdet: Nach der UNESCO-Definition gilt das für alle Sprachen mit unter 10.000 Sprechern. Um die Sprachen zu dokumentieren und zu pflegen, wurde im Jahr 2002 in Peshawar das “Frontier Language Institute” gegründet (Homepage). Es erforschte unter anderem die im Kampfgebiet, dem Swat-Tal, gesprochenen Sprachen Torwali (60.000 Sprecher) und Gawri (1.500 Sprecher). Seit April 2009 hat es seinen Sitz nach Islamabad verlegt, schreibt die pakistanische Daily Times: Die Sicherheit ausländischer Forscher konnte in Peshawar nicht mehr garantiert werden.
Das mag wenig sein im Vergleich zu den Leiden der Menschen im Kriegsgebiet. Aber zur Kultur eines Menschen gehört seine Sprache, und jede verlorene Sprache ist ein Verlust für die Kultur der ganzen Menschheit.


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