Wenn jemand noch nicht mal mehr seine Musik praktizieren kann und sein eigenes Schicksal in Liedern verarbeiten kann, verliert als Volk sehr leicht und schnell seine kulturelle Identität. Was man dabei aber auch sehr schnell vergisst: Musik ist mehr als nur Tradition. Das man durchaus offen sein kann für Musikrichtungen anderer Länder und Kulturen, zeigen die kolumbianischen Rapper von “Los Renacientes”, die jetzt in Deutschland auf Tournee gehen.
Ihre Musik ist etwas neues, obwohl sie viele bekannte Elemente in sich vereinigt:
“Los Renacientes” haben sich der Wiederentdeckung und -aneignung überlieferter Traditionen, wie der Musik, dem Tanz und kultureller Legenden verschrieben. In ihrer Musik mischen sie traditionelle Rhythmen, wie beispielsweise Cumbia, Chirimía und Alabao mit modernem Rap.
Diese Rap-Band der etwas anderen Form kommt aus den afrokolumbianischen Gemeinden im Cacarica-Flussbecken, im Nordwesten Kolumbiens im Bundesstaat Chocó, nahe der Grenze zu Panamá. Ja, so schön ist Panama, mag Janosch meinen. Aber so schön ist dieses Gebiet nicht, da geostrategisch wichtig und reich an Reourcen. Aber nicht für die Artenvielfalt – die stört doch nur bei der Ausbeutung von Bodenschätzen, oder?
Jedes Bandmitglied musste von Kindesbeinen an groß werden mit gewaltsamen Vertreibungen und dem Kampf der Eltern für die Rückkehr auf ihr Land. 1997 waren viele der Gemeinden in einer gemeinsamen Militäroperation der kolumbianischen Streitkräften und paramilitärischer Gruppen vertrieben worden. 85 Menschen wurden dabei getötet. Diese persönlichen Erfahrungen thematisieren die Bandmitglieder von „Los Renacientes“. Ihre Lieder erzählen vom Widerstand gegen den Krieg, vom Kampf gegen Ungerechtigkeit und von der Verteidigung ihrer afrokolumbianischen Identität.
Die Gruppe wurde 1998 direkt nach den Vertreibungen gegründet. In der Turnhalle, wo sie mit ihren Familien notdürftig untergracht waren, gründeten Henry Angulo, Onel Martínez, Jefferson Orejuela (Ali), Edison Palacio (Pacho) y Jarlenson Angulo (Amin) eine Rapgruppe. Sie verfolgten damit zwei Ziele: erstens mussten sie ihre schmerzhaften Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Aber sie fordern auch eine bessere Zukunft. Mit der Musik stärken sie nebenbei den inneren Zusammenhalt der Gemeinde – indem sie mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Ihre Musik ist ihr Mittel, die Geschehnisse aus ihrer Sicht zu beschreiben – und die hinter ihrer Vertreibung stehenden wirtschaftlichen Interessen anzuklagen.
Für mich die perfekte Abrundung des Ashaninka-Besuchs Ende Mai – so habe ich nicht nur visuell (durch den Dokumentar-Film), kulinarisch (durch das gemeinsame Essen beim Brasilianer in Kreuzberg) und im Vortrag etwas über die Kultur indigener Völker kennengelernt, sondern kann auch zu einem Soli-Konzert, bei dem man tanzbare Musik gespielt wird. Das ist deswegen wichtig, weil die Musiker mit ihrer Deutschland-Tournee aufmerksam nicht nur gute Musik darbieten, sondern auch eine große Öffentlichkeit auf das Schicksal ihrer Gemeinschaft hinweisen. Und das Konzert zeigt neben der politischen Dimension noch etwas ganz besonderes: Menschenrechtsarbeit macht dann doch auch Spaß, oder? Hörbar bei myspace. Ihre Tourdaten, zumindest die von ihren Berliner Auftritten, findet man über das Haus der Demokratie.




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