Verfasst von: joachimfulda | 30. Juni 2009

Die unbekannten Nachbarn – Minderheiten in Osteuropa (Buchhinweis)

dieunbekanntennachbarnImmer wieder tauchen in unseren deutschen Medien Minderheiten auf. Aber eher selten jene aus Osteuropa. Ich hab auch das Gefühl, dass gerade unsere östlichen Nachbarn nicht so in unserer (medialen wie persönlichen) Wahrnehmung auftauchen, wie es ihnen angemessen wäre – sowohl kulturell, wirtschaftlich wie politisch. Zum Glück gibt es da neben dem “Netzwerk Ost” ein gutes Buch, dass als erste Anlaufstelle für interessierte Neueinsteiger sehr gut geeignet ist: Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa, herausgegeben von Ruth Leiserowitz. Drum eine kurze Besprechung und Empfehlung dieses Buches an den geneigten Leser…..

Milan Horáček erzählte mir in unserem Gespräch, dass die Roma im Kommunismus große Probleme hatten – kein Wunder, galten doch nationale Minderheiten bis auf wenige Ausnahmen als rückständig und überholt galten. Zwar durften sie kleinere folkloristische Beiträge bringen, aber ihr Schicksal und der Roma-Holocaust kaum wahrgenommen. Schließlich sollte der “Homo Kommunismus” ein Mensch sein, der Sozialist aus Überzeugung war. Die ethnisch-kulturellen Identitäten der Bürger störten da nur. Somit waren die verschiedenen Ethnien der breiten Öffentlichkeit im eigenen Land unbekannt. Jetzt, zwanzig Jahre später, hat sich das zum Glück zumindest in Ansätzen besser innerhalb der osteuropäischen Staaten:

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde offensichtlich, dass die vermeintlich homogenen Gesellschaften gar nicht so homogen waren, sondern vielfältig, bunt gerade zu. Vielen Minderheiten gelang es, sich von dem Image des „Störfaktors“ der jeweiligen homogenen Gesellschaft zu befreien. Der in den neunziger Jahren einsetzende Prozess der 5. und 6. EU-Erweiterung lieferte gute Bedingungen für die weitergehende Förderung der Minderheiten, ihrer Sprachen und Kulturen.

Das Buch “Die unbekannten Nachbarn” verfolgt nun das Ziel, dem interessierten Leser einen Überblick über die Geschichte der Minderheiten in Ostmitteleuropa im 19./21. Jh. zu geben, wobei ein Schwerpunkt auf den letzten 20 Jahren liegt.Die Anthologie besteht aus Reportagen von Journalisten bzw. ehemaligen Lektoren der Robert Bosch Stiftung: Vivi Bentin hat eine polnische Familie in Litauen porträtiert, Ulrike Butmaloiu Weissrussen in Polen besucht. Laura Căpăţână Juller erforschte eine jüdische Familiengeschichte in Rumänien, Alexandra Frank unternahm eine Reise zu den Seto in Estland. Blahoslav Hruška unterhielt sich mit einem alten deutschen Holzfäller in Tschechien und Zuzana Kleknerová schildert das Leben der Roma in der Slowakei. Diljana Lambreva dokumentiert die Geschichte einer türkischen Familie in Bulgarien, Melanie Longerich war zu Gast bei Sorben in Deutschland. Nikola Richter schrieb über Deutsche in Ungarn, Roland Stork interviewte Russen in Lettland und Veronika Wengert war bei einem kroatischen Ehepaar in Slowenien zu Gast.

Diese Porträts sind journalistisch sehr gut aufbereitet, gerade zu bunt. Sie zeigen, wie vielfältig Osteuropa ist. Abgerundet werden sie dann durch gut recherchierte Hintergrundinfromationen und harte Fakten. Darüber gibt das Literaturverzeichnis sinnvolle Vertiefungsmöglichkeiten: Neben Angaben zu der Minderheitenpolitik stehen kurze Übersichten über die Geschichte der verschiedenen Ethnien, statistische Angaben sowie Informationen über die jeweiligen Interessenverbände und -vertretungen mit den genauen Bezeichnungen in der Landessprache.

Für alle, die sich mit den Minderheiten Osteuropas näher beschäftigen wollen, ist dieses Buch als Einstieg zu empfehlen. Die Problematik wird tiefergehend und dennoch übersichtlich behandelt. Das Buch besticht in seinen Länderberichten durch eine sinnvolle Mischung aus journalistisch gut aufbereiteten und interessanten Porträts und harten Fakten. Es ist geeignet, unseren “mentalen eisernen Vorhang” zumindest in Ansätzen zu lüften – was fehlt ist der Mut jedes Einzelnen von uns, nicht nur das Buch lesen zu wollen, sondern auch selber sich vor Ort umzutun. Wie wäre es denn mal in den nächsten Sommerferien mit einer Familienreise nach Polen statt der fast schon traditionellen Italien-Reise?

Das Buch erschien jedenfalls letztes Jahr im Christoph Links Verlag und ist im “normalen” Fachhandel erhältlich für 19,90. Doch wem dies zu viel sein sollte: das Buch von der Landeszentrale für politische Bildung Berlin, die es in Lizenz abgeben darf – da es der politischen Bildung dient. Damit ist es auch zu noch erschwinglicheren Preisen erhältlich.


Antworten

  1. [...] was interessantes wissen wollen über unseree “unbekannten Nachbarn”, dem sei das Buch von Ruth Leiserowitz [...]

  2. Die Problematik wird tiefergehend und dennoch übersichtlich behandelt.

  3. Mir wird zwar nicht direkt ersichtlich, was ein Türkei-Urlaub mit einer Buchbesprechung zu Osteuropa zu tun hat. Aber mir soll es deswegen recht sein: weil ich bei Recherchen zu Türkei-Reisen gemerkt habe, dass das politische System, Menschenrechte und Minderheiten häufig in Reiseführern leider kaum eine Rolle spielen. So, wie es hier mit diesem wenn auch wohlmeinenden Kommentar gilt: ich fand auf deren Seiten kaum mal was interessantes über TurAbdin und die Religionsfreiheit. Schade, dass Hinweise auf Minderheitenrechte, Menschenrechte und interkulturelles Fingerspitzengefühl zu selten sind.


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