Am 11. Juli 2009 jährt sich zum vierzehnten Mal das Massaker von Srebrenica. Bis heute gilt das Massaker in Europa als das schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Armee der Republik Srpska ermordete damals mindestens 7800 bosnische Muslime. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?
1993: Im Winter jenes Jahres befinden sich in Srebrenica mehr als 40.000 Menschen. Es sind Bürger von Srebrenica und Flüchtlinge, welche Zuflucht und Schutz gesucht hatten. Sie kamen vor allem aus den benachbarten Dörfern und Städten, die nach und nach an die übermächtige Armee der Republik Srpska gefallen waren, nachdem sich bereits im März 1993 das bosnisch-serbische Militär unter der Führung von Ratko Mladic erfolgreich reorganisiert hatte. Durch eine großangelegte Offensive reduzierte das bosnisch-serbische Militär den Einflussbereich der Bosniaken auf ca. 150 Quadratkilometer. Trotz der erfolgreichen Offensive um Ratko Mladic verkündete der damalige Kommandant der United Nation Protection Force (UNPROFOR) in Bosnien, General Philippe Morillon, „(…) es gibt keinen Grund zur Sorge. Ab jetzt steht diese Stadt unter dem Schutz der UN.“
Noch im gleichen Jahr hatte der Weltsicherheitsrat die Stadt zu einer Schutzzone erklärt. Darauf hin wurden fast alle Angehörigen der Armee von Bosnien und Herzegowina, die sich noch in dieser Stadt aufhielten, entwaffnet und ein Blauhelm-Bataillon übernahm die Verantwortung für die Sicherheit der Bewohner. Dennoch geriet die Stadt zu diesem Zeitpunkt immer wieder an den Rand einer Katastrophe: UN-Hilfskonvois, welche auf dem Weg nach Srebrenica waren, kehrten immer wieder unverrichteter Dinge heim, weil die Armee der Republik Srpska sie nicht in die belagerte Stadt ließ. Somit blühte in der Stadt der Schwarzhandel mit Nahrungsmittel auf, bis es schließlich 1995 in der Schutzzone ohne Schutz zu einer schweren Hungersnot kam.
Juni 1995: Die Armee der bosnischen Serben verstärkt die Umzingelung der Stadt und bombardiert dabei UN-Beobachtungsposten. Die unter Beschuss stehenden holländischen UN-Soldaten ziehen sich darauf hin in den Innenbereich der UN-Schutzzone zurück. Wenige Wochen später, am 6. Juli 1995, erfolgt der offene Angriff auf die gesamte Schutzzone. Zu diesem Zeitpunkt konnte der Abhördienst der bosnischen Armee einen Befehl aufzeichnen, den General Ratko Mladic abgab: „Schießt nur auf die Lebenden, nur auf die Lebenden! Sie haben keine Waffen. Sie haben nur die eine oder andere Panzerfaust. Sie haben normale Gewehre und das ist alles.“
Juli 1995: Nachdem Holland vergeblich weitere Hilfe und Luftangriffe der NATO verlangt, herrscht im UN-Stab offenbar noch der Glaube, dass Mladic nicht die Absicht hat, die Stadt einzunehmen. Auch in den kommenden Tagen blockiert der französische General Janvier den Befehl für Luftangriffe. Erst am 11. Juli gibt es kurze und erfolglose Angriffe der NATO.
11. Juli 1995: Um genau 16:30 Uhr erklärt der UN-Sonderbeauftragte Yasushi Akashi, dass serbische Kräfte Srebrenica eingenommen hätten, inklusive der holländischen Militärbasis.
Erst nach und nach zeigt sich das Versagen der Blauhelme: Etwa zwei Drittel der ungefähr 40.000 Menschen aus Srebrenica zogen sich in die UN-Basis in Potocari zurück, in der Hoffnung auf Schutz durch die Blauhelme. Mehr als 10.000 Menschen, die meisten davon Männer, versuchten sich durch die Wälder nach Tuzla durchzuschlagen. Nur etwa die Hälfte von ihnen kam dort an. In Potocari selbst halfen holländische Soldaten den bosnischen Serben dabei, Frauen von Männern zu trennen. Eine überlebende Bürgerin sagt später, dass die holländischen Soldaten sich bewusst waren, was geschehen würde. Was folgt ist ein organisierter Mord an den verhafteten Männern, unter denen sich auch kleine Kinder und alte Menschen befanden, welcher später durch UN-Gerichte als Völkermord klassifiziert worden ist. Die Gefangenen wurden in Stadien, Schulen und Industrie-Hallen aufgeteilt, in denen sie erschossen wurden.
Für das, was sich in den Juli-Tagen abgespielt hat, war eine umfassende logistische Vorbereitung nötig. Busse zum Abtransport der Gefangenen, Bagger zum Ausheben von Massengräbern und Lastkraftwagen um den Inhalt dieser Gräber später mehrmals an anderen Orten neu zu verscharren, um dadurch die Spuren des Massenmordes zu verwischen, musste beschafft werden.
Die Spuren des Massakers waren aber auch für US-Aufklärungsflugzeuge durchaus zu erkennen. Forensische Expertengruppen haben seitdem über 40 Massengräber anhand dieser Luftaufnahmen identifiziert und somit die sterblichen Überreste von 7.000 Menschen gefunden.
Nachdem nach zwölf Jahren Flucht der Hauptangeklagte frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gefasst wurde, befindet sich der Schlächter Ratko Mladic offenbar weiter auf der Flucht, doch die Hoffnung auf Gerechtigkeit besteht weiter.
Quelle: Deutsche Welle.