Verfasst von: joachimfulda | 11. Juli 2009

Srebrenica 2009 – eine verelendete Stadt

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Gestern gedachten wir des Massakers von Srebenica. Diese Gedenkveranstaltung zum 14.Jahrestag organisierten wir zusammen mit dem Zentrum für politische Schönheit, dem Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken (IKB), dem ZZI (Kultur- und Wissenschaftsnetzwerk) und Südost Europa Kultur. Wir erinnerten zusammen mit bosnischen Überlebenden des Völkermords an die über 8000 Toten – und an das Versagen der westlichen Staatengemeinschaft. Den Aktionskünstlern des Zentrums für politische Schönheit ist dank zu sagen, dass sie die entscheidende Situation im Nato-UN-Kontrollrat nachspielten, in der die Entscheidung gegen einen Luftangriff fiel.

Wir begrüssen übrigens ausdrücklich die Entscheidung des Europäischen Parlamentes, den Opfern von Srebenica mit einem eigenen Ehrentag zu gedenken. Wir entrollten vor dem Reichstagsgebäude ein 60 Meter langes Transparent mit den Namen der Ermordeten. Gleichzeitig erinnerten wir daran, dass sich alle deutschen Parteien geweigert haben, einer Intervention zur Beendigung des Völkermordes zuzustimmen. Deshalb mussten die Einwohner der europäischen Olympiastadt Sarajevo vier Jahre lang ertragen, dass sie täglich bombardiert wurden.

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Zehntausende weibliche Gefangene durchlitten in serbischen Vergewaltigungslager unerträgliche Misshandlungen. Die serbischen Konzentrations- und Internierungslager mit mehr als 200.000 Insassen wurden nicht gewaltsam geöffnet. Seit Kriegsbeginn hatten insbesondere die britische und die französische Regierung die Politik der Serbenführer Radovan Karadzic, Ratko Mladic und Slobodan Milosevic unterstützt.

Am 11. Juli 1995 besetzten Truppen des serbischen Kriegsverbrechers General Ratko Mladic auf Befehl des damaligen Präsidenten des serbisch besetzten Teils Bosniens, Radovan Karadži?, die von der Außenwelt abgeriegelte ostbosnische Stadt. Dorthin hatten sich Zehntausende bosniakische Zivilisten aus den umliegenden Dörfern geflüchtet. Unter den Augen der in Srebrenica stationierten Blauhelme ermordeten sie Tausende unbewaffnete bosnisch-muslimische Jungen und Männer, die von den Frauen und Kindern getrennt worden waren. Ihre Leichen wurden in Massengräber geworfen. Um Spuren zu verwischen, wurden sie später oft mit Bulldozern wieder ausgegraben und in Zweit- oder Drittgräbern verscharrt.

275 Massengräber wurden bisher im ostbosnischen Drina-Tal gefunden, aus denen die sterblichen Überreste von etwa 7.000 Srebrenica-Opfern geborgen wurden. Etwa 6.200 von ihnen wurden bisher identifiziert. Erst 3 307 identifizierte Opfer wurden auf dem Friedhof der Gedenkstätte in Potocari bei Srebrenica beigesetzt, denn nach der systematischen Verwüstung der Massengräber wurden oft nur Teile ihrer Gebeine gefunden. Am 11. Juli 2009 werden in Potocari wieder 520 Identifizierte bestattet.

Das als Völkermordverbrechen anerkannte Massaker von Srebrenica gilt als der schlimmste Massenmord in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges und dessen Folgeverbrechen. Die überlebenden Witwen, Mütter, Töchter, Schwestern der Ermordeten leben heute verstreut in aller Welt oder verarmt in Bosnien.

Von 37 211 Einwohnern der Stadt Srebrenica 1991 waren 72,88 % muslimische, 25,21 % serbisch-orthodoxe und 1,91 % andere Bosnier, vor allem Roma. Heute ist Srebrenica eine verelendete, von den serbischen Tätern dominierte Stadt in der “ethnisch gesäuberten” serbisch kontrollierten Hälfte Bosniens. Mindestens 810 mutmaßliche Kriegsverbrecher üben in der heute serbisch verwalteten “Republika Srpska” unbehelligt öffentliche Ämter aus. Ratko Mladic ist noch immer auf freiem Fuß.

Nur rund 4500 muslimische Bosnier – meist Witwen mit ihren Kindern – sind nach Srebrenica und in die umliegenden 56 Dörfer zurückgekehrt. Viele von ihnen müssen in Bretterverschlägen, Kellern oder Ruinen hausen. Nur etwa 1.700 der rund 6.500 zerstörten Häuser der Bosniaken wurden wiederaufgebaut. Die Straßen, Strom- und Wasserleitungen sind zerstört. Viele Dörfer sind im Winter kaum erreichbar. Die Qualität des Wassers aus den Brunnen wurde bis heute nicht überprüft. Die medizinische Versorgung der Rückkehrer ist völlig unzureichend. Es gibt nur eine kostenpflichtige Ambulanz in Srebrenica. Internationale Hilfswerke haben sich zurückgezogen. Viele Kinder müssen zu Fuß kilometerlange Wege zur Schule zurücklegen.

Vier Mütterbewegungen der Überlebenden von Srebrenica leisten versuchen, Hilfe für die Rückkehrer zu mobilisieren. Auch die Vorsitzende des Vereins “Srebrenica-Mütter”, Hatidza Mehmedovic, ist im Oktober 2002 dorthin zurückgekehrt. Sie ist Koordinatorin der GfbV. Ihre beiden minderjährigen Söhne, ihr Ehemann und andere männliche Familienmitglieder gehören zu den Opfern des Massakers.

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Antworten

  1. [...] gedachten wir dem 14.Jahrestag des Srebenica-Massakers. Damals äußerten sich diverse bekannte Personen über den Zerfall Jugoslawiens und die Massaker [...]

  2. In besonderem Licht erscheinen in diesem Zusammenhang die Bemühungen der EU, unter Anderen den Staatsangehörigen der Republik Serbien Reisefreiheit ohne Visumzwang zu ermöglichen. Das heisst mit anderen Worten, dass sich mindestens 810 mutmassliche Kriegsverbrecher und mehrere hundert Mörder, die im zur Schutzzone erklärten Srebrenica über 8000 Unbewaffnete eigenhändig getötet haben, frei in dem Land bewegen dürfen, in dem ich versuche, eine eigene, möglichweise nicht serbische Meinung zu haben!
    Ich bin kein Feigling, aber da fürchte ich mich!
    Und unglaubliche Wut steigt in mir hoch, wenn ich des Weiteren von der EU höre, dass sie Staatsangehörigen von Bosnien dieselbe Reisefreiheit mit dem Argument verweigern will, Bosnien wäre” technisch noch nicht so weit.”
    Schade, dass Serbien technisch offenbar auch noch nicht so weit ist, den vom Haager Tribunal gesuchten, dezidierten Massenmörder und Schlächter Mladic aufzutreiben und auszuliefern.
    Wie muss sich auf diesem Globus eine zigfach vergewaltigte Witwe und Mutter von getöteten Kindern aus Srebrenica fühlen?

  3. [...] EU-Visumsregelung für Bosnien-Herzegowina [...]


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