
Selbst Skeptiker und Kritiker des Internets müssen zugeben: Es hat definitiv in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen . Was wären beispielsweise die Demonstrationen im Iran ohne Blogs, Twitter und youtube? Diese Entwicklung gilt weltweit, auch und gerade in arabischen und muslimischen Gesellschaften. Doch was wissen wir über Internet und Islam?
Für Menschenrechtler und Blogger sind Bücher wie der kürzlich erschiene Sammelband “Von Chatraum bis Cyberjihad” (Herausgeber: Matthias Brückner und Johanna Pink, mit Beiträgen unter anderem von Amin Azimi, Alev Inan und Jens Kutscher) besonders wichtig, geben sie schließlich wichtige Hintergrundkenntnisse und Bewertungskriterien über unsere Informationsquellen. Denn wenn wie im Iran eine freie Berichterstattung durch staatlich gelenkte iranische Medien, aber auch durch Ausschluss von ausländischen Fernsehsendern wie ARD, ZDF oder BBC nicht mehr möglich ist, muss man sich anderweitig schlau machen – und das geht vor allem übers Internet. Schließlich nutzen Muslime in der islamischen Welt wie auch in westlichen Ländern das Internet in vielfältiger Weise. Sowohl für die Darstellung ihres Glaubens, um mit anderen Menschen darüber zu diskutieren – aber auch zu politischen, sozialen und kulturellen Zwecken, die oft eng mit der Werte- und Gesellschaftsordnung ihrer Herkunftsländer verknüpft sind. Dazu brauchen wir als Blogger, als Menschenrechtler, als Medienkonsumenten insgesamt zuverlässige und validen Kriterien, mit denen wir den Wert unserer virtuellen Informationsquellen sinnvoll erfassen könenn.
Im Irak-Krieg, aber auch bei der Ermordung des US-Journalisten Daniel Pearl sahen wir die pervertierte Form dieser Internet-Nutzung. Doch was wissen wir sonst vom Islam und von der Internetnutzung im islamischen Raum? Diese ist vielfältiger, als Skeptiker auf den ersten Blick wahrhaben wollen. Aber selbst Wohlwollende wissen wenig über den Islam und die virtuelle Meinungsbildung – auch wenn sich nach 9/11 die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen verdient gemacht haben, mit “Qantara.de” eine online-Brücke zwischen “uns” und “dem Islam” zu bauen.
Das gesamte Problem ist einfach zu beschreiben: Wir wissen zu wenig über die Internetnutzung im arabischen Raum und von Muslimen generell. Es gibt nur wenige Veröffentlichungen zu dem Thema. Zum Glück gibt es immer mehr Islamwissenschaftler, Orientalisten und Kommunikationswissenschaftler, die sich mit großer Begeisterung tiefergehend mit der ganzen Bandbreite muslimischer Internetnutzung auseinander setzen – zum Beispiel eben jenen mit dem schönen Titel “Von Chatraum bis Cyberjihad”. Dieser zielt darauf, den aktuellen Forschungsstand zu skizzieren. Es wird aber auch die ganze Breite und Vielschichtigkeit des Themas vermittelt – eben vom Chatraum bis hin zum Cyberjihad. Die insgesamt acht Beiträge machen sich in ihrer Vielfalt verdient: So behandeln sie eine große Bandbreite inhaltlicher Aspekte, zeigen aber auch spezifische Probleme des Forschungsgegenstandes “Internet”.
Der erste Teil des Sammelbandes befasst sich mit der sozialen und politischen Funktion des Internets in Ländern des Nahen Ostens. An den Beispielen Marokko, Afghanistan und Ägypten beleuchten Ines Braune, Amin Azimi und Johanna Pink die Internetnutzung in Ländern der islamischen Welt. So kann beispielsweise einerseits gezeigt werden, wie die Internetnutzung den Alltag marokkanischer Jugendliche bereichert, andererseits wird auch bei ägyptischen Bloggern, die sich für Bahai einsetzten, die beschränkte Wirkungskraft von Bloggern gezeigt. Ein interessantes Spannungsfeld, das von den Beiträgen sehr interessant und vielfältig aufgezeigt wird.
Der zweite Teil geht auf die Aushandlung von Identität durch Muslime im deutschsprachigen Internet ein. Alev Inan schreibt über die Außendarstellung islamischer Verbände in Deutschland, Matthias Brückner analysiert anhand diverser Internetforen schiitischer Webseiten. Ein dritter Teil behandelt die religiöse Dimension des globalen Internets und ihre Implikationen. Jens Kutscher analysiert online-Fatwas und politische Partizipation, Rüdiger Lohlker analysiert eine zentrale Plattform des globalen dschihadistischen Diskurses und Florian Harms setzt sich mit Formen islamischer Mission im globalen Internet auseinander.
Dieses Buch ragt heraus aus einer qualitativ wie quantitativ eher dürftigen Literaturlage – den Herausgebern Matthias Brückner und Johanne Pink tut man Unrecht, wollte man ihrem Sammelband vergleichen mit all den Berichten und Büchern, die nach 9/11 (teilweise mit fragwürdiger Qualität) wie Pilze aus dem Boden schossen. Es ist ein qualitativ hochwertiger Sammelband – absolut empfehlenswert! Erschienen ist das gute Stück im Ergon Verlag für den stolzen Preis von 32 Euro, ist aber auf jeden Fall sehr lesenswert – gerade dann, wenn man sich überlegt, welche Rolle Handys, Twitter, Blogs und Youtube bei den iranischen Unruhen nach der Präsidentschafts-Wahl spielten. Jeder, der mehr über die Hintergründe solcher Phänomene im Nahen Osten wissen möchte, sei dieses Buch empfohlen.
Ach ja, und wenn es interessiert: unser Islambild wird natürlich auch durch unsere Medien geprägt – dazu hat der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez vor zwei Jahren eine umfassende Studie herausgegeben. Ich sprach vor längerer Zeit mit ihm in einem anderen Zusammenhang über diese Problematik – in einem Podcast-Interview über das Islambild von ARD und ZDF.

[...] stellt sich jeder die Frage, warum ich über Cyberjihad, über Taher ben Jelloun und nun auch über zenith berichte. Nun gut, das eine ist: ich habe selbst [...]
Von: Der Orient rückt näher « GfbV Berlin – der Blog am 12. August 2009
um 5:38 pm
Ich las dieser Tage einen Artikel über den syrischen Blogger Ali Sayed al-Shihabi, der über das Internet massiv Menschenrechtsverletzungen anprangert. In dem Artikel von Linniy Bieber im Orientmagazin Zenith wurde auch darüber diskutiert, ob solche Blogs überhaupt Wirkung erzielten – für einen Menschenrechtsblog wie diesen natürlich eine mehr als interessante Frage. Dabei gibt es aber keine einheitliche Meinung – denn während Julien Pain von Reportern ohne Grenzen im Internet großes Potential sieht, mit der wir stärker mitkriegen, was in Ländern wie Syrien passiert, betont der in Erfurt lehrende Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez die begrenzte Wirkungsmacht des World Wide Web. Er sieht in Ali Shihabi eher einen “Eigenbrötler mit einer symbolischen Aufgabe”. Doch für eben diesen Ali Shihabi ist es “manchmal besser zu schreiben als zu sprechen”. Jedenfalls sieht das syrische Regime in ihm und dem Internet eine potentielle Gefahr mit Sprengkraft – sonst hätten sie ihn nicht schon mehrfach verhaftet.
Von: Joachim Fulda am 21. September 2009
um 6:30 pm
Immer wieder diskutieren wir, wie wirkungsmächtig das Internet beim gesellschaftlichen Wandel sein kann. Jetzt las ich auf qantara.de, dass im arabischen Raum die Wirkungsmacht der Blogsphäre nicht so groß ist:
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_id=1136
Dennoch werden wir uns weiterhin für bedrohte und verfolgte Blogger einsetzen, ist uns ihr Recht auf (auch virtuelle) Meinungsfreiheit sehr, sehr wichtig und trotz aller Beschränkungen ein langfristig hilfreiches Instrument, Mißstände anzuprangern….
Von: Joachim Fulda am 5. Januar 2010
um 2:13 pm