Kürzlich führte ich ein Podcast-Interview mit Markus Pape über die Roma-Dekade. Ich erwähnte im Teaser seinen Einsatz für die Roma-Überlebenden der faschistischen Gewaltherrschaft – und für eine angemessene Erinerungskultur an den Roma-Holocaust. Ein besonders makaberes Vermächtnis des Kommunismus gibt es aber auch: denn auf dem ehemaligen Konzentrationslager für Roma im südböhmischen Lety wurde ein Schweinemastbetrieb errichtet. Schon seit Jahren kämpfen tschechische Roma-Verbände für die Beseitigung des Stalls und für ein würdiges Gedenken an diesem Ort. Bislang vergeblich. Im Gegenteil: In diesen Tagen versucht die rechtsextreme Partei NS sogar mit Demonstrationen die Deutungshoheit über den Ort zu erlangen.
Besonders dankbar bin ich, deswegen ein neues Buch besprechen zu können, dass sich mit dem Roma-Holocaust und die dazugehörende Gedenkkultur auseinandersetzt: “Der nationalsozialistische Genozid an den Roma Osteuropas – Geschichte und künstlerische Verarbeitung.”. Herausgegeben von Felicitas Fischer von Weikersthal, Christoph Garstka, Urs Heftrich und Heinz-Dietrich Löwe. Denn kaum einer kennt die Geschichte der Roma im nationalsozialistischen Europa. In der Verlagsankündigung heißt es:
“Die osteuropäischen Roma fielen als ›rassisch minderwertig‹, als angebliche Partisanen oder Spione dem Nationalsozialismus zu Hunderttausenden zum Opfer. Ihrer konnte nach 1945 kaum gedacht werden. Die kommunistische Ideologie und eine anhaltende Diskriminierung unterbanden fast jedes öffentliche Erinnern an den ›Roma-Holocaust‹. Erst die politische Wende hat die Selbstwahrnehmung der Roma und damit ihr Auftreten in der Gedenkkultur Osteuropas gestärkt. Der Band bietet zunächst einen geschichtlichen Überblick der NS-Verfolgung der ›Zigeuner‹ in einzelnen Ländern und befasst sich sodann mit individuellen Erinnerungsstrategien in Literatur, Bildender Kunst und Kino bis zur Gegenwart. Übergreifend werden so die Möglichkeiten und Grenzen eines öffentlichen und individuellen Gedenkens unter verschiedenen politischen Vorzeichen reflektiert.”
Im Nationalsozialismus unterlagen Sinti und Roma einer doppelten Verfolgung: als “Zigeuner” und als “Asoziale”. Durch die Propaganda der Kriegsjahre trat die rassistische Motivation in den HIntergrund, weshalb den Sinti & Roma auch nach Kriegsende mehrere Jahrzehnte die Anerkennung als rassisch verfolgte und damit eine Kompensation ihrer Leiden versagt blieben, offiziell wurde gar die These vertreten, sie seien schließlich als “Kriminelle” zurecht verfolgt und vernichtet worden. Erst seit Ende der 70er Jahre ist in Deutschland, in Osteuropa seit Fall des Eisernen Vorhangs bekannt geworden, dass es überhaupt einen Roma-Holocaust gegeben hat.
Die Anthologie zeigt in ihrer großen Bandbreite, weshalb die Erinnerung an dieses Kapitel der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Osteuropa über Jahrzehnte hinweg so rudimentär blieb. Der vorliegende Band macht sich verdient, spiegelt er den aktuellen Forschungsstand über den Roma-Holocaust und seine Gedenkkultur in einer großen Vielfalt wieder. Der vorliegende Sammelband ist kein Lehrbuch, aber guter Einstieg für jene von uns, die als Spätgeborene nicht wissen, was passierte – und wie die Opfer des Holocausts teilweise heute noch darunter leiden müssen.
Der erste Teil des Bandes versammelt Beiträge, in denen eine vorläufige Gesamtaufnahme der Situation in Osteuropa versucht oder exemplarisch die historische und aktuelle Lage eines Landes umrissen wird – so wie in Tschechien, wo noch heute, über sechzig Jahre nach Ende des NS-Rassenwahns, faschistoide Stereotypen und Roma-”Witze” im Europa-Wahlkampf beeinflussen. Wer da einen Schlussstrich ziehen wollte, denke bitte einfach nur daran, wie sehr ihn oder sie die Losung “Nie wieder Auschwitz” verpflichtet. Ich glaube, es ist großer Verdienst des Bandes, uns zu zeigen, wie aktuell noch nationalsozialistische Terminologie in unserer Mitte ist und wie sehr unser Denken über Roma durch jahrhunderte alte Vorurteile beeinflusst ist (mehr dazu unter Dosta, die sich verdient machen, eine Brücke zwischen Roma und Nicht-Roma zu bauen).
Im zweiten Teil des Bandes weden jedenfalls verschiedene künstlerische Strategien analysiert, mit denen Schriftsteller, bildende Künstler und Filmregisseure versuchen, dass der Genozid an den Roma nicht vergessen wird. Denn das passierte im kommunistischen Osteuropa: Es entwickelte sich dort nach 1949 keine umfassende Gedenkkultur, da das Massenverbrechen an den Roma tabuisiert wurde. Den Autoren dieser Anthologie gebührt Dank, dass sie zeigen können, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust sich entwickelt und was alles noch zu tun ist, dass wir allle uns bewusst werden, wie sehr unser Denken über Roma noch durch alte Vorurteile und nationalsozialistische Propaganda teils sehr unterschwellig beeinflusst ist. Am Beispiel Rumäniens wird gezeigt, wie umstritten die bisherige Definition des Holocausts ist – diese besagt, dass der Holocaust “die systematische Massenvernichtung der europäischen Juden in den nationalsozialistischen KZs während des 2.Weltkrieges” sei. Dies aber verdrängt die weiteren Opfergruppen wie die Roma oder Homosexuellen sowie weitere religiöse Minderheiten, aber auch die rumänische Verantwortlichkeit. Daher wird auch verständlich, warum die Leugnung des rumänischen Holocaust keine Ahndung oder Bestrafung nach sich zieht. Dies macht es heutigen Faschisten leicht, gegen die Roma zu hetzen, die gleichen Vorurteile wie damals zu nutzen – und den vermeintlich “asozialen Roma” selbst die Schuld an ihrer Ermordung und Verfolgung in die Schuhe zu schieben.
“Nie wieder Ausschwitz”? Letzlich zeigt der Sammelband, wie wenig das Unrecht, das Roma damals wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit erlitten, heutzutage anerkannt wird. Und Rumänien zeigt, wie sehr die Aufarbeitung der Geschichte den Minderheiten, den Betroffenen selbst überlassen wird, die Mehrheitsgesellschaft wäscht ihre Hände in Unschuld….
Letztlich kann ich das Buch allen empfehlen, die sich stärker mit der Geschichte der Roma und ihrer aktuellen Lage auseinandersetzen möchten. Denn es hilft, den Bannkreis wissenschaftlicher und allgemeiner Gleichgültigkeit zu durchbrechen. Den Autoren ist Dank zu sagen, dass sie mit dieser Anthologie eine Voraussetzung schaffen, um eine wertfreie, numerische und dokumentarische Aufarbeitung der damaligen Ereignisse zu realisieren. Es gelingt ihnen, Forschungslücken und ein konzeptionelles Manko der Geschichtsforschung aufzuzeigen. Erst dann kann eine objektive Deutungshohheit gegenüber heutigen Roma-Hassern und der nationalsozialistischen Propaganda gewonnen werden. Und erst dann findet der lange Weg zur Anerkennung als Opfer ein halbwegs versöhnliches Ende – denn wer als Opfer nicht erinnert wird, wird als Opfer nicht anerkannt und wird somit in seinem Leiden noch einmal bestraft…diesem Problem begegnet der Band dank seiner großen Bandbreite sowie seiner gut recherchierten und aufbereiteten Beiträge. Wer darüber hinaus sehen will, wie die Roma ihrerseits dem Schicksal ihrer Vorfahren gedenken und wie ihre Lage im kommunistischen Osteuropa diese Gedenkkultur negativ beeinflusste, sogar stigmatisierte – das zeigt der Band auf eine sehr einträgliche Art und Weise. Den Herausgebern und dem Verlag ist deswegen Dank zu sagen.
Die Herausgeber Felicitas Fischer von Weikersthal, Christoph Garstka und Urs Heftrich lehren übrigens am Slavischen Institut der Universität Heidelberg, Heinz-Dietrich Löwe leitet das dortige Seminar für Osteuropäische Geschichte.




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Von: In eigener Sache – Kommentarfunktion « GfbV Berlin – der Blog am 7. Juli 2009
um 9:01 am