
Wir begleiteten kürzlich die Uiguren bei ihrer Demonstration, in der sie gegen ihre repressive Unterdrückung durch die chinesische Regierung protestierten. Vielen Passanten in Berlin Mitte aber waren befremdet – befremdet, weil die Uiguren immer wieder laut “Allah akhbar” riefen. Nach dem 11/9 und den vielen Terroranschlägen ist so eine Reaktion irgendwie nachvollziehbar. Es gab dann noch von Christian Zimmermann mahnende Worte – es stimmt, dass es Bewegungen von unterdrückten Minderheiten gibt, die Gefahr laufen, von nationalistischen, chauvinistischen Strömungen unterlaufen, manipuliert oder gar dominiert zu werden. Dass hier gerade die pantürkischen Bewegungen gefährlich sind, wissen neben den Uiguren zum Beispiel auch die Krimtataren. Die Gesellschaft für bedrohte Völker ist sich dessen seit vielen Jahren bewusst. Die GfbV mahnt vor Ort genau das an, was viele fordern: nämlich einen friedlichen, demokratischen Widerstand. Das ist auch unsere Politik, was andere Bewegungen betrifft, genannt seien hier als Beispiel nur die Tschetschenen.
Was aber auch wichtig ist, der deutschen Öffentlichkeit gewisse Ängste zu nehmen, die ich häufig als unbegründet finde – denn was wissen wir schon vom Islam? Ich selbst habe einige Jahre in Kairo gelebt und weiß nur eines: dass ich trotzdem wenig weiß vom Islam. Es gibt nun ein sehr schönes, kleines Buch, auf das ich an dieser Stelle nur kurz hinweisen möchte: “Papa, woher kommt der Haß?”. Der bekannte marokkanische Schriftsteller Tahar ben Jelloun sprach mit seiner Tochter, die ihm diese Frage immer und immer wieder stellte.
Das Buch las ich, nachdem ich folgende Besprechung bei amazon fand, die ich an dieser Stelle gerne wiedergebe:

“Wie hat der 11. September 2001 unsere Welt verändert? Was geht uns der Nahostkonflikt an? Weshalb nehmen rassistische Übergriffe zu? Soll man Mädchen verbieten, in der Schule ein Kopftuch zu tragen? Gehört die Türkei zu Europa? Und was hat das alles miteinander zu tun? Sechs Jahre nach “Papa, was ist ein Fremder?” ist die veränderte Weltlage Anlass für ein erneutes Gespräch zwischen Vater und Tochter. Dabei geht es um Terrorismus, um den Unterschied zwischen Islam und Islamismus, die gescheiterte Integration von Einwandererkindern, die Furcht vor Muslimen und um den neuen Antisemitismus. Droht uns wirklich ein “Kampf der Kulturen”? Und wenn ja, wie lässt er sich vermeiden? Tahar Ben Jelloun spricht über die Gründe für den Hass und die erhöhte Gewaltbereitschaft. Doch er entschuldigt sie an keiner Stelle. Seine Position ist eindeutig: Er verteidigt die Werte der Aufklärung gegen einen falsch verstandenen oder politisch missbrauchten Islam.”
Dabei herausgekommen ist ein Dialogbuch, dass vielen anderen Menschen dabei hilft, ebenfalls Orientierung zu finden. Trotz oder gerade aufgrund des Medienhypes, der häufig verzerrten Darstellung des Islams und des Mißbrauchs des Korans durch gewaltbereite Fanatiker haben viele Menschen weltweit das Bedürfnis, diese Weltreligion näher kennenzulernen. Umso empfehlenswerter sind eben solche Bücher wie die von Tahar ben Jelloun, dem dadurch ein grundlegender Beitrag zum gegenseitigen Verständnis gelingt. Ich hoffe, dass es jedem, der das Buch liest, ebenfalls so geht wie mir: man fängt an zu lesen und kann das Buch erst wieder beiseite legen, wenn man durch ist….schließlich spannt ben Jelloun den Bogen von der Integration von Muslimen in Europa über den Nahostkonflikt, die Innenpolitik arabischer Staaten bis hin zum islam-fundamentalistischen Terror. Trotz des doch schwierigen und sensiblen Themas gelang es ihm, ein leicht lesbares Buch zu schreiben, wobei er sehr verständlich formuliert. Deswegen ist das Buch auch für Kinder ab 10 Jahren geeignet (sagt zumindest der Rowohlt-Verlag, bei dem es entstanden ist). Tahar ben Jelloun hebt sich dabei wohlwollend ab von solchen Kollegen wie Hendryk M. Broder, der aus meiner Sicht mit heißer Feder häufig zu unreflektiert einseitig über den Islam schreibt….
Der 1944 in Marokko geborene Taher ben Jelloun gilt jedenfalls als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb und wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman “Die Nacht der Unschuld” ausgezeichnet. Schriftsteller wie Tahar ben Jelloun helfen vielleicht auch zu verstehen, wie wir mit Menschen anderer Religionen, anderer Konfessionen und kulturellen Herkunft umgehen. Denn viele Stereotypen, viele Vorurteile über andere Völker, “andere” ethnische Gruppen kommen doch nur zustande, weil wir, weil “sie” uns nicht genug kennen. Autoren wie ben Jelloun jedenfalls geben mir einen guten, konstruktiven Einstieg in arabisch-islamische Denkweisen und helfen zu verstehen, wie der Nahostkonflikt zustande kommt, wie Fundamentalismus entseht und funktioniert. Was aber auch bleibt, ist die Hoffnung, dass viele deutsche Nicht-Muslime diesen kurzen, essayistischen Band lesen – denn so werden kluge arabische Intellektuelle wie Tahar ben Jelloun zu Brückenbauern zwischen den verschiedenen Kulturen. Wer übrigens häufiger etwas aktuelles über Islam und den Nahen Osten lesen und erfahren möchte, sei auf qantara.de verwiesen.
