Verfasst von: joachimfulda | 29. Juli 2009

Vorurteile über Roma – quo vadis Europa?

Letztes Wochenende sah ich einen Bericht im „ZDF Auslandsjournal”, bei dem auch der Leiter des GfbV-Büros im Kosovo, Paul Polansky, zu Wort kam – er erzählte von Roma-Familien im Kosovo, die auf einer bleiverseuchten Müllhalde leben müssen. Dieser Beitrag interessierte mich, da ich gerade an einer längeren Roma-Reportage arbeite.

Was auffällt, sind die vielen verschiedenen Roma-Ghettos. Ich habe den Eindruck, dass mitten im “europäischen Wohlstandsghetto” kaum Interesse an, aber umso mehr Vorurteile über Roma existieren. Diese werden an den Rand der Gesellschaft geschoben. Das prominenteste Beispiel ist Usti-nad-Ladem . Ich sprach sowohl mit dem tschechischen Grünen-Politiker Horáček und dem in Prag lebenden Journalisten Markus Pape über Usti. Dort wurden die Roma 1999 – zehn Jahre nach Fall der Mauer, die Europa trennte, regelgerecht ghettoisiert. Mit fadenscheinigen Argumenten. So verwiesen die „weißen“ Nachbarn auf die Vermüllung des Geländes, übersahen dabei aber auch, dass die städtische Müllabfuhr in diesem Wohn-Silo gar nicht Müll abholte. Erst nachdem eine regelmäßige Abholung gewährleistet wurde, sah es „ganz plötzlich“ doch recht sauber aus. Dass dann aber Ratten über das Gelände liefen, wurde als weiterer Beleg genommen für „schmutzige Roma“. Aber erst Wochen später wurde die marode Kanalisation des Geländes saniert.

Am Rande angemerkt: Roma beschwerten sich auch über unmöglichen Urin-Gestank. Wo der herkam? Von der „weißen Tschechen“, die abends von ihrer nahegelegenen Stammkneipe auf dem Weg nach Hause sich mal eben „bei den Roma“ erleichterten. Begründung: Bei denen sei sowieso „schon genug Dreck, Müll und Gestank“, da komme es auf das bisschen Urin mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an. Es gibt Umfragen des Eurobarometer, nach denen immer mehr Menschen sich weigerten, Roma als Nachbarn zu akzeptieren. Horáček sagte mir persönlich nach dem Interview, dass er darin die Gefahr einer „Spirale abwärts“ sähe. Dadurch wird der Teufelskreis aus schlechter Bildung, hoher Arbeitslosigkeit, schlechten Wohnungen und Armut weiter verstärkt.

Es ist bedauerlich, dass sich die Roma aufgrund dieser Erfahrungen selbst noch stärker abschotten (was wiederum vordergründig das Vorurteil von Roma-Clans zu bestätigen scheint) oder ins kanadische Exil flüchten. Man kann es leider nur zu gut nachvollziehen. So erreichen die tschechischen Nationalisten scheinbar doch ihr Wahlversprechen von „einer Lösung der Zigeuner-Frage“. Ich sehe deswegen die eigentliche Herausforderung, dass Menschenrechtsorganisationen wie die GfbV in diesem Zusammenhang vermitteln, in die Öffentlichkeit gehen und auf die massiven Probleme hinweisen, die es gibt – denn wenn erst die vorhandenen Probleme totgeschwiegen werden, wird es keinen Ausweg mehr geben aus dem Teufelskreis aus Armut und Vorurteilen.

Was fehlt, ist ein fairer und gleichberechtigter Dialog zwischen Mehrheitsgesellschaft und Roma. Mit der Roma-Dekade gibt es ein erstes koordiniertes europäisches Programm. Erste erfolgreiche Ansätze von Seiten der Roma gibt es ja schon: Dosta! (Genug!), die Roma Union Grenzland e.V, den roma-service in Österreich (herzlichen Gruß an Roman Urbaner!) und den hier in Berlin handelnden Bashe Rroma e.V., einem Roma Elternverein, der sich verdient macht für die Integration seiner Kinder ins Berliner Bildungssystem (link). Das alles wird aber in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen – dazu passten die im Görlitzer Park erum“zigeunernden“ Roma (beispielslink) zu gut ins öffentliche Klischee.

Der Gründer der GfbV, Tilman Zülch, fordert in diesem Zusammenhang, Europa müsste Zusammenschlüsse und kulturelle Aktivitäten der Sinti und Roma als ethnische Minderheit mit eigener Sprache, Kultur und Tradition finanziell fördern und die Minderheit als eingesessene Volksgruppe anerkennen. Als Vorbild nennt er Deutschlands Minderheitenpolitik gegenüber Sorben und Dänen. Doch bis so ein Zustand erreicht wird, werden wohl lange Jahre vergehen. Es ist an uns, diesen Dialog zu führen und unsererseits einen ersten Schritt auf die Roma zu tun. Wir werden feststellen, dass das genauso Menschen sind wie Du und ich.


Antworten

  1. [...] Ihnen fürchten ein ähnliches Schicksa wie jene fünfhundertsechzig Roma, die in den Lagern von Cesmin Lug und „Osterode“ auf dem verseuchten Gelände einer ehemaligen Bleischmelzanlage in Nordmitrovicë/Mitrovica leben [...]


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