Verfasst von: Frank-R. Domes | 27. August 2009

Presevo-Tal will eigenständige Region werden

Graffiti in Presevo (newkosovareport,CC-by-SA3.0)

Graffiti in Presevo (newkosovareport,CC-by-SA3.0)


Die Gemeinden Presevo, Medveda und Bujanovac im Süden Serbiens grenzen an den Kosovo. Presevo (89% von 36.000 Einwohnern) und Bujanovac (55%von 43.000) sind mehrheitlich albanisch bewohnt, Medveda hat eine starke albanische Minderheit (26% von 11.000 Einwohnern). In Bujanovac gibt es ausserdem eine Roma-Minderheit von 9%. Am 1. August richtete eine Versammlung von Amtsträgern der drei Gemeinden eine Petition an die serbische Regierung, in der sie ein Ende der Diskriminierung von Albanern und die Errichtung einer eigenständigen „Region Presevo-Tal“ forderten. Die serbische Regierung plant stattdessen im Rahmen einer Verwaltungsreform die Einbeziehung der drei Gemeinden in eine überwiegend von Serben bewohnte Südregion.
Die Errichtung einer eigenen Verwaltungsregion sei für die dort lebenden Albaner der einzige Weg zur Bewahrung ihrer nationalen, kulturellen und religiösen Identität, meint Riza Halimi, Abgeordneter der albanischen „Partei der demokratischen Aktion“ im serbischen Parlament. Im Juli gab es in der Region zwei Bombenanschläge, bei denen vier Personen, je zwei Serben und Albaner, verletzt wurden.
Bei der serbischen Volkszählung 2002 lebten etwa 58.000 Albaner in den drei südserbischen Gemeinden, nach Angaben der kosovo-albanischen Organisation „Vetevendosje“ wurden dabei aber 27.000 Albaner, die mehr als ein Jahr lang nicht dort lebten, nicht erfasst. In einem 1992 abgehaltenen Referendum votierte die Mehrheit der Bewohner für eine größere politische, kulturelle und religiöse Autonomie sowie engere Beziehungen zum damals noch serbisch verwalteten Kosovo. Im Anschluss an den Kosovokrieg wurde das Gebiet entmilitarisiert. Dies nutzte ein Ableger der UCK, die „UCPMB“, aus, um bewaffnet für die Abtrennung von Serbien zu kämpfen. Der Konflikt wurde zunächst mit dem von der NATO vermittelten „Abkommen von Konculj“, in dem den Albanern Autonomierechte zugesichert wurden, beigelegt. Die Erfüllung der Versprechen lässt jedoch auf sich warten. Im Dezember 2008 verlangten sieben albanische Parteien von der serbischen Regierung, die Rückkehr albanischer Flüchtlinge und Vertriebener zu ermöglichen. Das serbische Versprechen, eine pädagogische Fakultät in albanischer Sprache im Presevo-Tal zu eröffnen, wurde in sechs Jahren nicht eingehalten. Diplome der albanischen Universität Pristina werden in Serbien nicht anerkannt. Serbische Polizeieinheiten, in denen Albaner kaum repräsentiert sind, versuchen stattdessen, die Albaner der Region kollektiv zu kriminalisieren. Dagegen protestieren die Vertreter des Presevo-Tals und fordern eine proportionale Vertretung der Albaner in staatlichen Institutionen. Ausserdem verlangen sie, dass zehn Albaner, die im Dezember 2008 unter der Anschuldigung von Kriegsverbrechen während des Kosovo-Kriegs festgenommen wurden, entweder freigelassen oder vor ein internationales Gericht gestellt werden.


Antworten

  1. Daniel Leon Schikora schickte uns folgenden Kommentar, den wir hier mit Antwort veröffentlichen:

    Autor : Daniel Leon Schikora
    E-Mail : d.schikora@gmx.de
    URL : http://danielleonschikora.blogspot.com
    Whois : http://ws.arin.net/cgi-bin/whois.pl?queryinput=77.185.202.170
    Kommentar:
    Auch für das Presevo-Tal gilt: Völkischen Gewaltsezessionisten, wie sie insbesondere seit 1999 im albanisierten Kosovo-Metohija Serben, Roma und andere nichtalbanische lokale Minderheiten aller bürgerlichen Rechte beraubten und Hunderttausende von ihnen ermordeten, deportierten, folterten oder vertrieben, darf kein Quadratmeter eines bürgerlichen Rechtsstaates überlassen werden. Das republikanische Prinzip der Citoyenneté ist kompromißlos gegenüber dem völkischen resp. “ethnopluralistischen” Konzept einer Umgestaltung bestehender Nationalstaaten in ethnische Reviere zu verteidigen, innerhalb derer der Einzelne – wie in “klassisch” faschistischen Diktaturen oder der Islamischen “Republik” Iran – jeglicher individuellen Freiheitsentfaltung beraubt ist.

    Sehr geehrter Herr Schikora,

    Ihr Beitrag ist wenig hilfreich. Sie stellen die Dinge auf den Kopf. 1913 wurde das
    Kosovo gegen den Willen seiner albanischen Mehrheitsbevölkerung von Serbien
    überfallen und annektiert. In den folgenden Jahren und dann wieder in den 1920-ern und 1930-ern vertrieben serbischen Regierungen viele Zehntausend Albaner in die Türkei. Unter dem Regime Titos war Innenminister Rankovic verantwortlich für weitere Repressionen gegen Kosovo-Albaner. Es kam wiederum zu Vertreibungen in die Türkei. Bei einer albanischen Bevölkerung von damals etwa 600.000 wurden etwa 150.000 Geheimdienstdossiers angelegt. Erst später kam es zu einer einigermaßen erträglichen Lösung als nach dem Sturz von Rankovic Schritt für Schritt das Kosovo im Rahmen des sozialistischen Staates als Subregion Serbiens innerhalb
    Jugoslawiens Autonomie erhielt. Dass später Milosevic jeden zweiten Albaner
    vertrieb und etwa Zehntausend Menschen durch serbische Milizen ums Leben kamen, ist bekannt.

    Nach dem Einmarsch der NATO wandten sich albanische Chauvinisten gegen die
    Minderheiten im Kosovo, gegen Serben, aber nicht zuletzt auch gegen die Roma. Über 70 ihrer Dörfer und Stadtteile wurden zerstört, es kam zu einer panischen Flucht nach zahlreichen schweren Menschenrechtsverletzungen. Die NATO-Truppen schützten die Volksgruppe nicht. Der Unterzeichner war vor Ort, dokumentierte diese Unmenschlichkeiten mit einer Dokumentation, der Günter Grass eine Vorbemerkung vorweg stellte.

    Heute sind sowohl Serbien, als auch Kosovo selbstständig. Während das Kosovo im äußersten Norden eine mehrheitlich serbisch bewohnte Region einschließt, gehört eine mehrheitlich albanischsprachige Region, nämlich das Presevo-Tal im
    kosovarisch-mazedonisch-serbischen Dreiländereck zu Serbien.

    Offensichtlich sind Sie nicht gerade ein Kenner von Nationalitäten- und
    Sprachgruppenproblemen und schon gar nicht ein Befürworter von Minderheitenrechten.
    Das ergibt sich aus Ihrem Schreiben.

    Rechtsstaaten (wieso eigentlich „bürgerliche Rechtsstaaten“?) haben in Europa
    vielfach auf zivilisierte und rechtsstaatliche Weise in ihren anderssprachigen oder
    andersethnischen Regionen durch Autonomie oder Föderalismus derartige Nationalitätenprobleme auf vorbildliche Weise gelöst.
    Genannt seien hier nur Finnland (für die Aalandsinseln), Dänemark (Faröer
    Inseln), Großbritannien (Wales, Schottland), Spanien (Galizien, Katalonien,
    Valencia, Balearen), Italien (Südtirol) und schließlich Belgien (deutschsprachige
    Ostkantone von St. Vith/Eupen). Also, so schwer es auch albanischen Nationalisten in
    Pristina oder serbischen in Belgrad fallen mag, eine entsprechende regionale
    Selbstverwaltung als autonome Region, sollte beiden Regionen gewährt werden.
    Unseren kosovo-albanischen Freunden wird das die Europäische Union ohnehin
    auferlegen. Belgrad würde gut daran tun, nach dem Genozid in Bosnien, dem
    Presevo-Tal – wie übrigens auch dem Sandjak – ein solches Autonomiestatut
    zuzubilligen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Tilman Zülch


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