Ein neuer gewaltsamer Übergriff auf eine christliche Kirche in Pakistan gibt Anlass zur Besorgnis. Am Freitag, dem 11. September 2009, legten über 100 meist junge Menschen ein Feuer in einer katholischen Kirche im Distrikt Sambrial nahe der indischen Grenze, das zum Glück rechtzeitig gelöscht werden konnte. Vorher wurde der 19 Jahre alte Christ Robert (Fanish) Masih unter der Beschuldigung, einen Koran entweiht zu haben, von der örtlichen Polizei festgenommen. Am Dienstag, dem 15. September, wurde er tot in einer Zelle des Gefängnisses von Sialkot aufgefunden, wo er einen Tag zuvor unter der Anschuldigung „Koranschändung“ von einem lokalen Gericht eingewiesen wurde. Die Schändung des Korans ist nach einem von Militärdiktator Zia Ul Haq verfügten Gesetzesartikel eine Straftat, die mit lebenslanger Haft bestraft wird.
Masih beging nach Angabe des Gefängnisdirektors Selbstmord. Eine Untersuchungskommission suspendierte deshalb drei Beamte des Gefängnisses wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten. Der Deputy Inspector General (stellvertretende Generalstaatsanwalt) von Lahore, Salim Shahid Beg, erklärte, die Kommission habe den Leichnam des jungen Mannes untersucht und keine Spuren von Misshandlung entdeckt. Der Minderheitenminister der Provinz Punjab widersprach dieser Darstellung: Er habe den Leichnam des jungen Mannes gesehen und Folterspuren entdeckt. Auch die Angehörigen des Toten schenken der offiziellen Darstellung keinen Glauben und gehen davon aus, dass der junge Mann im Gefängnis zu Tode gefoltert wurde. Sie entwendeten den Leichnam und wollen ihn in einem privaten Hospital untersuchen lassen. Aus Sicherheitsgründen soll Robert Masih in Sialkot und nicht in seinem Heimatort Jatheki beerdigt werden. Pakistans Bundesminister für Minderheiten, Shabaz Bhatti, versprach bei einem Besuch am darauffolgenden Montag, dass der Leichnam nochmals autopsiert und die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht werden sollen. Auch sagte er Hilfe des Staats beim Wiederaufbau der Kirche und staatliche Anstrengungen zum Schutz der Minderheiten zu. Die Menschenrechtsvereinigung „Human Rights Commission of Pakistan“ bewertet die Angebote des Staates aber als unzureichend. Sie erklärte, dass nur effektive Strafverfolgung künftige Täter abschrecken könne, und verwies darauf, dass sie seit längerer Zeit auf die Gefahr gewaltsamer Attacken gegen religiöse Minderheiten hingewiesen habe. Für den Tod Masihs machte ihre Vorsitzende Asma Jangahir die Polizei verantwortlich.
Der pakistanische katholische Erzbischof Lawrence Saldanha verwies aus diesem Anlass auf die Gefahr, die von den Blasphemiegesetzen für die religiösen Minderheiten ausgeht. Die katholische Nationalkommission für Gerechtigkeit und Frieden hat im August eine Unterschriftenkampagne gegen die Blasphemiegesetze im pakistanischen Strafrecht gestartet. Nach ihren Angaben wurden von 1986 bis in den August 2009 insgesamt 964 Personen unter diesen Gesetzen verhaftet oder angeklagt, davon 479 Muslim, 119 Christen, 340 Ahmadis, 14 Hindus and 10 Andeere. 32 Menschen wurden nach Blasphemievorwürfen von Einzelpersonen oder Gruppen getötet.
Der pakistanische Priester und Philosoph Charles Amjad Ali, der in St. Paul, USA, lebt, erklärt die Gesetze als Bestandteil der einst von Militärdiktator Zia Ul-Haq mit Unterstützung der USA und Saudi-Arabiens betriebenen Islamisierung Pakistans. Heute würden sie von extremistischen Gruppen als Waffe gegen die Demokratisierung und gegen einen Staat benutzt, der nicht stark genug sei, sich gleichzeitig gegen die von aussen (aus Afghanistan und Teilen der Stammesgebiete) und innen kommende radikale Islamisierung zu wehren.
Verfasst von: Frank-R. Domes | 17. September 2009
Blasphemiegesetze in Pakistan fördern Intoleranz
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