Verfasst von: Benedikt Schöndelen | 30. September 2009

Gewalt gegen indigene Frauen in Guatemala

Theresia Keding

Mayafrau in Guatemala (MagaCirce, flickr)

Mayafrau in Guatemala (MagaCirce, flickr)

Noch heute leidet die Gesellschaft Guatemalas unter dem Trauma eines 36 Jahre andauernden Bürgerkrieges. Maya-Gruppen waren im Krieg bewusstes Ziel entsetzlicher Menschenrechtsverbrechen. Gewaltexzesse, Massenvergewaltigungen und kollektiver Mord an Maya-Kindern und -frauen waren fester Bestandteil der staatlichen Kriegstaktik.

Seit Ende des Krieges 1996 bemüht sich Guatemala um eine Neudefinition als multiethnisches Land. Drei Gesetze wurden zum Schutz von Frauen erlassen: das Gesetz zur Verhütung, Bestrafung und Sanktionierung von familiärer Gewalt (1996), zur Würdigung und Förderung von Frauen (1999) und das Gesetz gegen Femizid und andere Formen von Gewalt gegen Frauen (2008). Somit sollten guatemaltekische Frauen heutzutage besser gegen Gewalt und Diskriminierung geschützt sein als je zuvor.

Paradoxerweise widerspricht der verbesserte rechtliche Schutz der Tatsache, dass die Anzahl von Gewaltdelikten seit 2000 enorm angestiegen ist – die Gewalt- und Mordraten Guatemalas sind heute höher als während des Bürgerkrieges. Eine Ursache für die latente Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen liegt in dieser zutiefst patriarchalisch geprägten Gesellschaft, in der das Leben einer Frau wesentlich weniger wert ist als das eines Mannes.

Besonders Besorgnis erregend ist das Phänomen des Femizids – der massenhaften gezielten Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. In den Jahren von 2000 bis 2008 wurden in Guatemala über 3.000 Frauen ermordet. Femizide haben eine klar sexuelle Konnotation, die Opfer werden vor ihrer Ermordung in den meisten Fällen vergewaltigt und brutal misshandelt. Vor allem Frauen nicht-indigener Abstammung (Ladinas), sind die Mordopfer. Dies lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Femizide hauptsächlich in Großstädten geschehen, in denen verhältnismäßig wenige Indigene leben.

Häusliche Gewalt gegen Frauen kommt dagegen in allen sozialen Klassen vor. Sexualisierte Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema in Guatemala, und die Opfer müssen gesellschaftliche Stigmatisierung fürchten. Sexuelle Belästigung ist jedoch in „weiblichen“ Sektoren wie der Textil- und Bekleidungsindustrie weit verbreitet. Im Gegensatz zu Femiziden sind geschätzte 80% der Opfer sexueller Übergriffe indigene Frauen, vor allem Mayas. Diese leiden in Guatemala unter einer dreifachen Diskriminierung: weil sie Frauen, arm und indigen sind, was sie praktisch machtlos macht.

Die Wahrnehmung der Bürgerrechte von Maya-Frauen wird durch diverse Faktoren behindert. Sie leben meist in ländlichen Gebieten und haben dadurch ohnehin kaum Anbindung an Justiz, medizinische Versorgung und Bildung. Wie die gesamte guatemaltekische Gesellschaft sind auch die indigenen Gemeinden überwiegend vom Machismo geprägt. Die Dorfautoritäten sind im Regelfall ausschließlich Männer, und die Probleme misshandelter Frauen werden oftmals als zu unwichtig erachtet, so dass den Frauen nur der Weg über die staatliche Justiz bliebe. Viele Opfer von sexualisierter oder körperlicher Gewalt werden jedoch von den Behörden nicht ernst genommen oder es wird ihnen selbst die Schuld an ihrem Schicksal gegeben. Aus Angst vor sozialer Ächtung oder vor dem Verlust des Einkommens ihres Ehemanns im Falle seiner Verhaftung wird kaum ein Fall von innerfamiliärer Gewalt zur Anzeige gebracht. Zurückgezogene Anzeigen sind dagegen häufig.

Bei der Bereitstellung öffentlicher Sicherheit sind die staatlichen Institutionen Guatemalas bisher auf ganzer Linie gescheitert. Das marode Polizei- und Justizsystem des Landes ist geprägt von rassistischen und sexistischen Praktiken. Gerade bei indigenen Gewalt- und Missbrauchsopfern besteht oftmals kaum Interesse an einer Aufklärung, so dass es fast nie zu gründlichen und unparteiischen Untersuchungen kommt. Die Maßnahmen zur Verhinderung und Strafverfolgung von Gewalt gegen Frauen existieren also bisher nur pro forma. Seit 2008 endeten lediglich 2% der gemeldeten Femizide mit einer Verurteilung, die Bilanz bei anderen Gewaltverbrechen ist ähnlich.

Tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen ist besonders unter den indigenen Gemeinschaften weit verbreitet und nachvollziehbar nach dem staatlich angeordneten Genozid während des Bürgerkrieges. Es gibt ohnehin schon zu wenige Polizisten, gerade in den ländlichen Gebieten. Fast alle Polizisten sind außerdem Ladinos und sprechen keine indigenen Sprachen. Es mangelt an mehrsprachigen Justizangestellten und Übersetzern. Dadurch wird es betroffenen Frauen, selbst wenn sie wollten, praktisch unmöglich gemacht, ein Gewaltverbrechen anzuzeigen.

Geschätzte 58% aller indigenen Frauen sind Analphabetinnen. Dadurch sind viele gar nicht imstande, sich über ihre rechtlichen Möglichkeiten zu informieren. Es gibt praktisch keine Alphabetisierungsprogramme. Maya-Organisationen wie die Defensoría de la Mujer Indígena oder Kaqla, die rechtliche und medizinische Unterstützung bereitstellen, sind nur in Großstädten tätig, erreichen also die meisten Mayafrauen nicht.

Die Frauen Guatemalas, und insbesondere die indigenen Frauen, leben heutzutage in einem Klima der Angst und Unsicherheit. Die vorherrschende Straflosigkeit schützt die Täter und bestraft diejenigen mutigen Frauen, die sich trauen, Gerechtigkeit einzufordern. Eine kurzfristige Lösung für die latente Gewaltbereitschaft gibt es nicht. Gesetzesänderungen und Schulungen waren bisher nicht ausreichend. Es kommt darauf an, dass die Gesellschaft den frauenverachtenden Machismo überwindet. Dies muss zur langfristig angelegten Aufgabe für Menschenrechts- und Frauenorganisationen in Guatemala werden.

Quellen:
GTZ
Kurth, Helmut (2007): Femizide in Guatemala, Friedrich-Ebert-Stiftung
Prensalibre (2006): Mujeres, lejos de la euqidad


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