Verfasst von: brigittascholz | 10. Oktober 2009

Verletzung von Kinderrechten – Eine traurige Bilanz

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF veröffentlichte am 6. Oktober 2009 zum ersten Mal einen umfassenden Bericht zur Verletzung von Kinderrechten weltweit. In dem Report „Progress for children“ wurden Daten aus nahezu allen Ländern der Erde zusammengetragen. Auch wenn „kleine Fortschritte“ beim Kinderschutz im Vergleich zu vergangenen Jahren zu verzeichnen sind, ist die Bilanz erschreckend. Millionen Mädchen und Jungen sind Opfer von schweren körperlichen Misshandlungen, Genitalverstümmelungen, sexueller Ausbeutung, Zwangsheiraten, Kinderhandel und Sklaverei, Naturkatastrophen, Migrationen und Kriege.

150 Millionen Kinder unter 15 Jahren weltweit sind gezwungen, täglich hart zu arbeiten und gehen deshalb nicht zur Schule. Dies betrifft jedes dritte Kind in Afrika südlich der Sahara. Fast zehn Prozent der Kinder in Lateinamerika – das sind 5,7 Millionen – arbeiten unter Zwang oder schlechten Bedingungen. Mehr als 18 Millionen Kinder weltweit wachsen in Familien auf, die durch Kriege oder Naturkatastrophen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Die Zahl der traumatisierten Flüchtlinge ist entsprechend hoch. In 44 Ländern der Welt sitzen über eine Million Kinder oft nur wegen Bagatelldelikten wie Schulschwänzerei oder Alkoholkonsum, ebenso auch wegen illegaler Migration oder psychischen Störungen infolge von Traumatisierungen in Gefängnissen – die Mehrheit von ihnen ohne Gerichtsverfahren oder offizielle Anklage. In einigen Ländern Lateinamerikas werden Minderjährige routinemäßig inhaftiert. Fünf Staaten haben seit dem Jahr 2005 entgegen aller internationalen Abkommen die Todesstrafe gegen Kinder verhängt.

Mehr als 64 Millionen Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren weltweit berichteten, dass sie vor dem 18. Lebensjahr verheiratet wurden. Kinderheirat betrifft in Entwicklungsländern jedes dritte Mädchen. In Südasien liegt die Zahl der Kinderheiraten bei 46 Prozent, im subsaharischen Afrika bei 39 Prozent. In den Ländern Niger, Tschad und Mali liegt der Anteil sogar bei über 70 Prozent, in Bangladesch, Guinea und Zentralafrika bei mehr als 60 Prozent. In West- und Zentralafrika leben 22,7 Millionen verstoßene und verwaiste Kinder, in Ost- und Südafrika wird die Zahl mit 25 Millionen angegeben. Hauptsächlich wird hierfür die Verbreitung von HIV/AIDS und neue Phänomene wie die Verfolgung angeblicher „Hexenkinder“ mitverantwortlich gemacht.

Eine besonders schwerwiegende Verletzung von Kinder- und Menschenrechten ist die grausame und oft mit lebenslangen körperlichen und seelischen Leiden verbundene Beschneidung weiblicher Genitalien. Laut UNICEF wurde weltweit bei 70 Millionen Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren eine Genitalverstümmelung – in 28 Ländern in Afrika und in Yemen – vorgenommen (die Organisation Terre des Femmes gibt im Oktober 2009 sogar die Zahl von weltweit 150 Millionen Mädchen und Frauen an, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden). Die Beschneidung wird auch in den Immigrationsländern wie Europa, Nordamerika und Australien praktiziert.

Einen Hauptgrund, warum der Schutz der Kinderrechte bisher nicht in dem gewollten Umfang umgesetzt wurde, sieht UNICEF in der „Unsichtbarkeit“ vieler Kinder“. Weltweit wurden im Jahr 2007 von insgesamt rund 140 Millionen Geburten 51 Millionen nicht registriert. Die Mehrheit der nicht registrierten Kinder lebt in Südasien (24,3 Millionen), in West- und Zentralafrika (9,8 Millionen) und in Ost- und Südafrika (9,7 Millionen). Die „unsichtbaren Kinder“ existieren offiziell nicht, weil ihre Geburt nicht registriert wurde und sie ohne Papiere und damit ohne rechtlichen Status aufwachsen. Ohne Geburtsurkunde haben Kinder aber keine Chancen auf einen Schulplatz und sind auch von jeglicher Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Im Erwachsenenalter können ihnen die Bürgerrechte verwehrt werden in der Form, dass sie zum Beispiel keinen Reisepass erhalten, wählen oder Besitz erben können.

Kinder werden weltweit ihrer grundlegenden Rechte beraubt. UNICEF sieht in der Erfassung der Kinderrechtsverletzungen eine Hilfe darin, durch Vorsorgeprogramme eine bessere Voraussetzung für die Kinder zu schaffen, damit sie sich in einem geschützten Umfeld entwickeln können. Die Organisation, die in mehr als 150 Ländern arbeitet, fordert vor allem kindgerechte Gesundheits- und Bildungssysteme und appelliert an die Regierungen, enger mit der Zivilgesellschaft und Unternehmen zusammenzuarbeiten.


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