Verfasst von: brigittascholz | 16. Oktober 2009

Es droht ein Jahrhundert des Hungers

Das von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 angestrebte wichtigste Millenniumsziel, Armut und Hunger auf der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren, kann wahrscheinlich nicht erreicht werden. Im Gegenteil nimmt die Zahl der Hungernden in der Welt schneller zu als je zuvor. Das 21. Jahrhundert droht zu einem Hungerjahrhundert zu werden.

Zwei Tage vor dem Welthungertag, der seit 1979 jedes Jahr am 16. Oktober begangen wird, hat die Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen am 14. Oktober 2009 in Rom den Welthungerbericht The State of Food Insecurity in the World 2009 veröffentlicht. Dem Bericht zufolge ist die Zahl der Hungernden im Jahr 2009 auf 1,2 Milliarden Menschen gestiegen. Das ist der höchste Wert seit 1970 und im Vergleich zum Jahr 2008 sind es 100 Millionen Notleidende mehr. Jeder sechste Mensch auf der Erde ist chronisch unterernährt. Die meisten unterernährten und hungernden Menschen leben in Asien und Afrika. In Asien sind insgesamt 642 Millionen Menschen von bedrohlichem Nahrungsmangel betroffen, im südlichen Afrika sind es 265 Millionen und in Lateinamerika 53 Millionen. Die FAO zählt noch 15 Millionen Betroffene in den Industrieländern dazu.

Das International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington veröffentlichte zusammen mit der Welthungerhilfe in Berlin ebenfalls am 14. Oktober 2009 den Welthunger-Index (WHI). Es wurden dazu Daten zu Unterernährten in der Gesamtbevölkerung, Unterernährten unter fünf Jahren und Kindersterblichkeit unter fünf Jahren aus 121 sogenannten Entwicklungsländern erhoben.

Der Welthunger-Index schätzt die Hungersituation in 31 Ländern als „ernst“, in 23 Ländern als „sehr ernst“ und in 6 Ländern als „gravierend“ ein. Zu den letzteren mit den schlechtesten Werten im Index zählen die Länder in Afrika südlich der Sahara wie die Demokratische Republik Kongo, Burundi, Eritrea, Sierra Leone, Tschad und Äthiopien. Dort herrscht mit Abstand die größte Not. Als „sehr ernst“ einzuschätzen ist die Hungersituation in weiteren 14 afrikanischen Ländern sowie – dem Indexwert von unten nach oben folgend – den Ländern Madagaskar, Haiti in Lateinamerika, Jemen im Nahen Osten, dem Inselstaat Komoren im Indischen Ozean und den südostasiatischen Ländern wie der Demokratischen Republik Timor-Leste (früher Osttimor), Bangladesch, Indien, Kambodscha und Pakistan. Der Welthunger-Index belegt auch, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Zahl der Hungernden und der Lage der Frauen. Wenn die Frauen sozial, politisch und wirtschaftlich benachteiligt sind, sei die Not im Land auch messbar größer.

Für die Ernährungskrise sind verschiedene soziale, politische und ökonomische Faktoren verantwortlich. Laut dem FAO-Bericht sind ärmere Länder heute stärker in die Weltwirtschaft eingebunden als noch vor 20 Jahren, weshalb sie von den Schwankungen auf den internationalen Märkten unmittelbarer betroffen sind. So rutschten infolge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2007 Millionen von Menschen auf der Welt unter die Armutsgrenze, verursacht durch Arbeitslosigkeit, gesunkene Einkommen und extrem angestiegenen Lebensmittelpreisen. Ebenso ging die Entwicklungshilfe der Industrieländer zurück, die einheimische Landwirtschaft wurde nicht ausreichend gefördert, die Lebensmittelimporte können immer weniger bezahlt werden. Die Nahrung ist dadurch knapp geworden und für die Bevölkerungsmehrheit nicht mehr bezahlbar. Ebenfalls führen Dauerkonflikte, Kriege, Epidemien und verheerende Klimakatastrophen wie jahrelang anhaltende Dürren in den afrikanischen Ländern Kenia, Somalia, Äthiopien und Sudan dazu, dass Millionen von Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.

Die FAO fordert schon seit Jahren eine Neue Agrarordnung, die sicherstellt, dass die armen Länder einen besseren Zugang zu den Weltmärkten bekommen und dort mehr Nahrungsmittel produziert werden. Seitens der reichen Industrieländer müssen auf nationaler und internationaler Ebene dringend verstärkt politische und finanzielle Anstrengungen unternommen werden, um die Unterernährung von Millionen von Menschen in armen Ländern in den nächsten Jahren deutlich zu verringern. Ebenso müssen in den jeweiligen Ländern Wege gefunden werden, um nationale und lokale Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit die Nahrungsmittel und die finanziellen Mittel am Ende auch diejenigen Menschen bekommen, die sie am dringensten benötigen.


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