Verfasst von: brigittascholz | 11. Dezember 2009

Weltrettung durch Konsum – Ende der Märchenstunde

Es klingt wie im Märchen. Durch „ethisch korrekten“ Konsum kann man die Welt retten ohne auf irgendetwas zu verzichten und das auch noch mit Spaß und guter Laune! Den Klimawandel kann man wegshoppen, mit Krombacher Bier den Regenwald retten, mit Fischstäbchen von Iglo zum Schutz der Meere beitragen, mit gespendeten Meilen bei der Lufthansa den Welthunger beheben, mit einer Tafel Schokolade von Ritter Sport Schulkinder in Afrika unterstützen und mit ein wenig Boykott etwas gegen Korruption unternehmen. Diese beliebten Ethik-Lügen entlarvt die Autorin Kathrin Hartmann kritisch anhand von zahlreichen Beispielen in ihrem Buch: Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt, erschienen im Karl Blessing Verlag in München 2009 (384 Seiten, ISBN: 978-3-896667-413-5, EUR 16,95). Was hat es mit den LOHAS auf sich? Hier einen Überblick über das Buch und Einblick in die komplexe Thematik!

Was sind LOHAS?

LOHAS ist ein Trend und bezeichnet eine Konsumentengruppe, die dem neuen Öko-Lifestyle zugetan ist. Das Kürzel LOHAS ist abgeleitet von „Lifestyle of Health and Sustainability“. Öko-Lifestyle-Konsumenten wollen durch ihr Konsumverhalten und durch gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern. Je nach Marktforschungsstudie pflegen zehn bis dreißig Prozent der Deutschen diesen Lebensstil. Es handelt sich dabei um eine ständig wachsende Zahl von Menschen zwischen Anfang zwanzig und Mitte vierzig, Angehörige der Bildungselite, überwiegend Akademiker und gut bis sehr gut verdienend. Sie kaufen Bio- und fairgehandelte Produkte, tragen öko-korrekte Kleidung, kaufen Ökomöbel, machen Urlaub in Hotels mit Nachhaltigkeitszertifikaten und wohnen in topsanierten Loft- und Eigentumswohnungen in Szenevierteln wie zum Beispiel im Prenzlauer Berg in Berlin. “Gentrifizierung” nennen Stadtsoziologen diese Entwicklung in den Großstädten, wenn Freischaffende, Künstler und Studenten einen Stadtteil aufgewertet haben und dann – wie andere weniger Wohlhabende auch – nach der aufwendigen Sanierung wegziehen müssen, weil sie die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können. Kinder sind ein wichtiger Baustein für den Öko-Lifestyle. Diese werden in eigens für sie eingerichteten Kindertagesstätten wie „Little Giants“, „Villa Ritz“ oder „Die Wichtel Akademie“ nach dem Modell „kindzentrierter Pädagogik“ individuell betreut und gefördert (Partner der Wichtel Akademie ist die Microsoft-Bildungsinitiative „Schlaumäuse“ zur Vermittlung von Sprachkompetenz bei Kindern im Vorschulalter!). Auf dem elf Quadratkilometer großen Stadtteil gibt es 174 auf Kinder spezialisierte Geschäfte.

Von Protestbewegungen zu Stilgemeinschaften

In der Friedens- Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre bezogen Jugendliche ihre Identität aus kollektiven Protesterlebnissen. An die Verweigerung von Konsum wurde die politische Forderung nach einer gerechten Weltordnung geknüpft. Dies hat sich in den 1990er Jahren völlig verändert. „In den 90er Jahren bezogen die Heranwachsenden ihre Identität nicht mehr aus kollektiven Protesterlebnissen, sondern aus dem Konsum von Marken. Daher zielt die öffentlich wahrnehmbare Sehnsucht heute nicht mehr auf eine bessere Welt, sondern auf bessere Produkte. Aus gesellschaftlichen Bewegungen sind bloße Stilgemeinschaften geworden. Deren wichtigste ist die der LOHAS. Sie glauben, Hedonismus und Moral, Egoismus und Gesellschaftsveränderung verbinden zu können: im politischen Akt des richtigen Shoppens.” Es geht gerade nicht um Verzicht. LOHAS konsumieren gerne und gut. Sie essen weiter Fleisch, aber aus dem Bio-Supermarkt, trinken BIOnade (das Weltrettungsgetränk schlechthin), verwenden Naturkosmetik und tragen Designer-T-Shirts aus Öko-Baumwolle. Wer es sich leisten kann fährt ein Hybrid- oder Dreiliterauto.

Ökonomisierung von Sinn

Die Industrie hat diese kaufkräftige und konsumfreudige Kundenschicht, die LOHAS, längst entdeckt und ihre Produktpalette mit einem grünen Mäntelchen umgeben. Die Sehnsucht dieses speziellen Konsumententyps nach Authentizität, Identität, nach dem Echten, Ursprünglichen, nach dem wahren Leben steht im Vordergrund. Mit einem hohen finanziellen Werbeaufwand werden die Produkte zusätzlich mit Bedeutung, mit Gefühlen, mit einer Sinn stiftenden Geschichte verbunden, die gut zu den eigenen Wertvorstellungen passt. Durch diesen emotionalen und ästhetischen Mehrwert kann sich der Käufer mit dem Produkt identifizieren. Es geht also nicht vorrangig um den Besitz der Ware, sondern um den neuen Luxus Lebensqualität, Identität, Authentizität, Nachhaltigkeit, ein gutes Gewissen. Vor allem aber geht es darum sich vom Durchschnitt abzuheben und an bestimmten Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten teilnehmen zu können: „Ich kaufe, also bin ich.“ Marken schaffen außerdem Vertrauen und Orientierungshilfe auf einem unübersichtlichen Markt.

„Die Ökonomisierung von Sinn, Spiritualität und Gesundheit kommt besonders drastisch im Wellnesstrend zum Ausdruck.“ Pro Jahr werden auf dem Wellness- und Gesundheitsmarkt 50 Milliarden bis 70 Milliarden Euro jährlich umgesetzt. Wellnessoasen sind heute eher Rehakliniken in denen es darum geht, sich mit exotischem Tam-tam fit zu machen für den Arbeitsalltag. Für die Autorin ist Wellness (oder Selfness) „nichts anderes als die Fortführung der Arbeit nach Feierabend: Man arbeitet an sich selbst, um weiter leistungsfähig zu sein. Wenn man es sich leisten kann, kann man dafür einen Wellness-Coach buchen, der die ‚Work-Life-Balance’ wiederherstellt, indem er einen ganzheitlich für den Markt optimiert.”

Utopia.de: „Kauf Dir eine bessere Welt“

Unzählige Online-Konsumportale sowie glamouröse LOHAS-Shopping-Magazine beschäftigen sich mit nachhaltiger Lebensführung und ökokorrektem Konsum. Das Motto des bekanntesten Öko-Lifestyle-Portals Utopia.de lautet: „Kauf Dir eine bessere Welt.“ Allen ist gemeinsam, dass sie ethischen Konsum und ethisches Wirtschaften als Hebel zur Weltrettung begreifen. Gleichgesinnte finden dort eine Plattform um sich auszutauschen.

„’Strategischer Konsum’ ist die Weltformel von Utopia, und diese Strategie ist verblüffend einfach: Wenn möglichst viele Menschen nachhaltig, ökologisch und fair hergestellte Produkte kaufen, wenn immer mehr Menschen ökosoziale Anforderungen an die Unternehmen stellen, anstatt mit dem Finger auf sie zu zeigen und sie an den Pranger zu stellen, dann werden diese mittels kollektiver Kaufkraft zum Umdenken gezwungen, stellen nur noch gute Produkte her und richten ihr wirtschaftliches Handeln nach ökologischen und sozialen Gesichtspunkten aus. Der Markt werde sich zum Besseren verändern, weil Profit an das gute Benehmen eines Konzerns gekoppelt ist und sich nur noch mit guten Dingen Geschäfte machen lassen.” Mediale Inszenierung ist das Fachgebiet der Gründerin von Utopia.de Claudia Lange, die vorher in der Werbung tätig war. Sie entwickelte mit ihrem Mann erfolgreiche Kampagnen unter anderem für MTV, e.on, Burger King, Deutsche Bank und Levi’s. Mit Mitte zwanzig machte sie mit ihrer Werbeagentur „Start“ die erste Million.

Bei dem Portal Karmakonsum.de werden Karma-Konsumenten als neue Weltmacht gesehen. Sie glauben nicht an Politik, sondern wollen selbst Politik machen mit ihrem Geld. Das Motto heißt „Fördern und Boykottieren“: „die guten Marken und Unternehmen fördern, indem man sie vermehrt kauft, die bösen Marken, also die großen Konzerne, möglichst boykottieren.” Karmakonsum versteht sich als eine „Verknüpfung von westlichem Marketingwissen und östlicher Philosophie“ und der „Vision einer besseren Welt im Einklang.” Der Gründer und Geschäftsführer von Karmakonsum Christoph Harrach ist Diplomvolkswirt und außerdem Yogalehrer. Auf seinen Seiten ruft er schon mal auf, zu einem Dalai-Lama-Auftritt zu kommen. Sein Lebensmotto ist der Satz von Mahatma Gandhi: „Du musst selbst die Veränderung werden, die Du in der Welt sehen willst.”

Auf den Online-Portalen und in den Öko-Lifestyle-Magazinen findet sich „keinerlei Hinweis auf Umweltzerstörung, Hunger oder Verteilungsungerechtigkeit und deren politischen Ursachen und gesellschaftlichen Zusammenhänge.” Im Gegenteil: „Positiv“ ist das Lieblingswort der Utopisten. „Utopia ist positiv, und durch und durch optimistisch.” Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch attraktive, niedrigschwellige Angebote – zusammen mit der Wirtschaft und den Großkonzernen, nicht gegen sie – wollen sie zeigen, dass alle Menschen das Schicksal unseres Planeten positiv verändern können. So empfiehlt Utopia.de was in den letzten 20 Jahren jeder in einem Ratgeber nachlesen kann: „Energiesparlampen benutzen, regionale und saisonale Lebensmittel essen, einmal (!) die Woche auf Rindfleisch verzichten und vegetarisch kochen, Mehrweg- statt Pfandflaschen kaufen, Wäsche aufhängen statt in den Trockner schmeißen, nicht so viel fliegen, duschen statt baden, Raumtemperatur um ein Grad senken, Ökostrom nutzen, Öko-Jeans tragen, Bus, Bahn und Rad statt Auto fahren, Standby- und Ladegeräte ausschalten. (…) es erfordert nur ein bisschen Engagement für ein bisschen Weltrettung: ein bisschen Frieden. Ein bisschen Freude. Und dass die Menschen nicht so oft weinen.”

Ein gutes Gewissen ist leicht zu bekommen. Unterhaltsam wird es dann, wenn sich Konsumenten in einem Konflikt befinden und sich bei Utopia.de vertrauensvoll an „Dr. Dilemma“ wenden, der solche Fragen beantwortet wie: Darf man wegen der Liebe fliegen? Vor ein paar Jahren gab es bei diesem Portal sogar einen Beichtstuhl. Utopisten konnten öffentlich ihre Ökosünden beichten. Utopia garantierte, einen Tag komplett müllfrei zu arbeiten. Die Assoziation zum Ablasshandel der katholischen Kirche liegt nahe.

Die beiden Betreiber der Portale Utopia.de und Karmakonsum.de sind der Meinung, wer mit Gutes-Tun Geld verdienen möchte – und beide bekennen sich dazu, dass sie das natürlich auch wollen -, an den großen Konzernen nicht herumkommt. Partnerunternehmen und Förderer von Utopia zahlen viel Geld, „dafür dürfen sie einen Unternehmenssteckbrief auf der Website veröffentlichen, auf ihrer eigenen Website einen Förderbutton anbringen und ihren Nachhaltigkeits- und CSR (Corporate Social Responsibility) – Bericht auf Utopia.de stellen. Bei der Fördermitgliedschaft Plus für 15.000 Euro pro Jahr gibt es noch Utopia-Konferenz-Tickets, Beratung, Workshops, den ‚Vertrauenscheck’ durch die Community und die Platzierung im Utopia-Newsletter dazu. Zwischen 50.000 bis 80.000 Euro pro Jahr kostet eine Partnerschaft mit zusätzlichem Blog und umfassendem Unternehmensprofil, Produkttest-Sektion und Marketing-Tool.”

Zu den Gründungspartnern von Utopia gehört der Otto-Konzern (Umsatz 2006: 15 Milliarden Euro), “der noch 2006 wegen des Vorwurfs der Ausbeutung in den Zuliefererbetrieben im ‚Schwarzbuch Markenfirmen’ stand.” Weiterer Partner ist der Chemie- und Kosmetikkonzern Henkel. Zu den Förderern gehört neuerdings die Deutsche BP AG (Umsatz 2006: 42,5 Milliarden Euro), die wiederum zum größten Mineralölkonzern BP (Umsatz 2006: 266 Milliarden Dollar) gehört. „Im ‚Schwarzbuch Markenfirmen’ wird dem Mutterkonzern BP Waffenhandel und Finanzierung von Bürgerkriegen, Kooperation mit Militärregimen und Umweltzerstörung in gigantischem Ausmaß vorgeworfen (…). Es gibt keine guten Ölkonzerne. Die Tragik der Utopien ist leider immer die der Unmöglichkeit ihrer Realisierung.”

Auf dem Markt des guten Gewissens gibt es viel Verrücktes. Im Showroom von Utopia kann man mehr als 1000 Produkte anschauen. „Nichts weiter als zusätzlich produzierter Überfluss und Luxus.“ Ein Teewagen für 4.400 Euro aus zertifiziertem Tropenholz für die Rettung des Regenwaldes?

Die Unternehmen

Das Profitpotenzial „ethisches Wirtschaften“ ist längst eine „marktwirtschaftliche Binse“. „Das Geschäft mit der ‚Corporate Social Responsibility’ (CSR), zu Deutsch: Unternehmungsverantwortung boomt. (…) Mittlerweile gibt es kaum noch ein Unternehmen, das auf seiner Homepage nicht eine ‚Philosophie’ oder ein ‚Leitbild’ preisgibt – selbst Nestlé und Coca-Cola haben die Punkte ‚Nachhaltigkeit’ und ‚Verantwortung’ in ihre Selbstdarstellung aufgenommen. Grundsätzlich gilt: Je umwelt- und klimaschädlicher und je umstrittener die Tätigkeit eines Konzerns ist, desto mehr investiert er in ein sauberes Image. (…) ‚Greenwashing’ nennt man dieses Marketingmilliardengeschäft. Dazu gehören auch zweifelhafte Aktionen mit Umweltschutzorganisationen: So spendete etwa TUI unter dem Motto ‚Fliegen für den Regenwald’ (!) eine Zeit lang pro Flugticket einen Beitrag an den WWF (Umweltstiftung für den Schutz der biologischen Vielfalt und natürlichen Umwelt) – wie auch Krombacher pro Kiste Bier und Iglo pro Packung Fischstäbchen.”

Konzerne binden gerne karitative Versprechen an den Kauf ihrer Produkte – seit den 1980er Jahren ist dieses Verkaufsförderungsinstrument in Deutschland eine gängige Praxis (genannt „Cause Related Marketing“). Die Autorin analysiert die Rolle der Weltwirtschaftsunternehmen und deckt anhand von vielen Beispielen die Hintergründe von Bio und Fairtrade auf. Hier nur ein Beispiel von vielen: Als der Bierkonsum in Deutschland Anfang 2000 zurückging engagierte die Krombacher Brauerei den beliebtesten deutschen Moderator Günther Jauch für einen Werbespot. „Wer eine Kiste Krombacher-Bier kaufe, der rette einen Quadratmeter Regenwald.” Der Krombacher Umsatz stieg 2002 um 8,1 Prozent auf 460 Millionen Euro. Andere Unternehmen zogen nach (Volvic, Iglo, Ritter Sport usw.). 90 Unternehmen haben in Deutschland ohne weiteren Aufwand des Konsumenten eine Spende einem guten Zweck zugeführt. NGOs (politisch unabhängige Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen), die davon profitierten waren ebenso zufrieden wie die Unternehmen, die einen höheren Umsatz ihrer Produkte verbuchen konnten. „Und 70,5 Prozent der Konsumenten fanden es toll, mit dem Kauf eines Produktes gleichzeitig etwas Gutes bewirken zu können.” Die Regenwaldaktion wiederholte Krombacher viermal: 2003, 2004, 2006, 2008. Mit Umweltsponsoring lässt sich viel Geld machen! Im Jahr 2008 betrug der Umsatz der Krombacher-Brauerei 642,5 Millionen Euro.

In dem Kapitel „Ende der Illusionen“ schaut die Autorin genauer hinter die Kulissen von BIO. Sie stellt die Frage „wie fair ist Fairtrade?” und entlarvt das Märchen von der öko-fairen Kleidung. “In den großen Versand- und Handelsketten und Bekleidungsunternehmen wie Otto, H&M, C&A, Zara, Nike und Levi’s befindet sich kein komplett fair und ökologisch hergestelltes Produkt.” Ein Beispiel: In Indien sterben im konventionellen Baumwollanbau durch den Einsatz von Pestiziden mehr als 20.000 Menschen jährlich. Als Lösung versprach der Saatguthersteller Monsanto den indischen Bauern eine gentechnisch manipulierte Pflanze, damit der Pestizideinsatz um 60 Prozent verringert wird. „Um das Saatgut zu erstehen, das dreimal so teuer ist wie konventionelles, verschuldeten sich die indischen Bauern hoch. Doch die Baumwolle bildete zu kurze Fäden, die kaum verkauft werden konnten. Außerdem wurden auch die genmanipulierten Pflanzen von Schädlingen heimgesucht, und die Bauern mussten für noch mehr Geld zusätzlich Pestizide kaufen, dazu kamen schlechte Ernten. Diese Gemengelage trieb tausende indische Bauern in den Ruin – und rund 100.000 sogar in den Selbstmord.”

Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem

Die neue Öko-Welle ist „keine politische Bewegung“. Privater Konsum hat keine Wirkung auf die Gesellschaft. „Strategischer Konsum“ wie er von Utopia.de propagiert wird, kann nach Meinung der Autorin nie das große Ganze verändern. „Die Kommunikation verläuft allein zwischen Kunde und Anbieter. Was aber tatsächlich zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern nötig wäre, was wirklich das Klima und die Umwelt nachhaltig schützen würde, was wirklich gerecht wäre, das kann man sich nicht mit einem Produkt kaufen. Angebot, Nachfrage und reale Probleme sind nicht deckungsgleich – es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem. Darin Dinge nur punktuell verändern zu wollen (und mehr kann der strategische Konsum nicht), führt nicht zu einer Änderung, sondern im Gegenteil zu einer Zementierung des Systems.” Das Konzept LOHAS ist nichts anderes als eine „neoliberale Wirtschaftsideologie. Sie lässt sich auf die einfache wie gefährliche Formel reduzieren: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.”

LOHAS glauben, das jeder für sich selbst verantwortlich ist und sich ganz individuell durch ethisch korrekten Konsum an der Weltrettung beteiligen kann. Menschen mit geringem Einkommen oder Menschen, die keine Arbeit haben und von Hartz IV leben müssen führen in den Augen der LOHAS das “falsche Leben” und sind „selbst Schuld.” Das ist nicht nur arrogant und überheblich, sondern nach Meinung der Autorin ein asozialer Gedanke. Bei dem Projekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ an der Universität Bielefeld kam 2007 „erstmals das neue Phänomen Abwertung von Langzeitarbeitslosen hinzu.“ Und eine andere Studie „LOHAS – Mythos und Wirklichkeit“ (im Auftrag der Bundesumweltstiftung und der Beratungsagentur „stratum“) kommt zu dem Ergebnis, „dass die neuen Weltretter egoistisch, konservativ und unpolitisch sind. Soziale Themen und Öko-Belange könnten nur an sie herangetragen werden, wenn sich daraus ein Nutzen für sie selber ergebe. Ihre Orientierung sei eine sinnlich-ästhetische, sie seien nur am Genuss mit gutem Gewissen interessiert. Verzicht – etwa auf Autofahren, Fleisch, Flugreisen, Komfort und Luxus – sei für diese Zielgruppe genauso irrelevant wie politisches Engagement.“

NGOs in der Krise

NGOs (Nichtregierungsorganisationen) versuchen durch Aufklärung und Kampagnen in den Bereichen Umwelt und Menschenrechte auf Missstände in den Gesellschaften aufmerksam zu machen. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Anzahl von NGOs kontinuierlich gestiegen. Doch was haben sie erreicht? Sie stehen zwar für eine bessere Politik, aber sie sind nicht diejenigen, die die Gesetze machen und Regeln aufstellen. Auf dem McPlanet-Kongress „Game over für den globalisierten Finanzkapitalismus“ im April 2009 in der Technischen Universität in Berlin trafen sich politisch unabhängige Organisationen wie Attac, BUND, Greenpeace und auch die GfbV war dort mit einem Stand vertreten. In Workshops wurde darüber diskutiert, dass sich NGOs in einer Legitimationskrise befinden.

Dass die Bewegungen Gefahr laufen sich zu zerfasern kam in der Vielzahl von über Hundert Panels, Foren und Workshops zu Umwelt- und Menschenrechtsthemen, die teilweise parallel stattfanden, auf dem Kongress deutlich zum Ausdruck. „An sozial, ökologisch und ökonomisch ausgereiften Alternativen mangelt es nicht. Das Problem ist also nicht, dass es an konkreten Ideen fehlt. Das Problem ist, dass jede Organisation die Deutungshoheit über ihr Thema behalten will.” So wurde selbstkritisch gesagt: „Wir sind angefressen durch Konkurrenz, wir sind strategie- und bündnisunfähig“ und „Wir sind in der Öffentlichkeit ziemlich abgemeldet“. Ein anderer Seminarteilnehmer fragt: „Wieso reagieren wir immer erst, wenn die politische Entscheidung gefallen ist, statt während der Koalitionsverhandlungen auf die Politik einzuwirken?“ Und ein Satz der in jeder Runde fiel war „Wir müssen radikaler werden.”

Wir müssen wieder politisch werden

Veränderungen in der Gesellschaft kann man nicht kaufen, sondern müssen erkämpft werden. Was wir nach Meinung der Autorin brauchen ist Wut und gesellschaftliche Debatte statt lähmende Harmonie und Wellness fürs Gewissen. Um etwas zu erreichen und zu verändern müssen sich Kampagnen an die Öffentlichkeit richten. Organisierte Kampagnen, an denen man sich von zu Hause aus per E-Mail, Fax oder Telefon beteiligen kann ersetzen auf keinen Fall gemeinsame Demonstrationen auf der Straße. „Was es heißt, solidarisch und politisch zu sein – das ist vielleicht die erste Frage, die sich eine individualisierte Gesellschaft stellen muss, um zurück zu einer Gemeinschaft zu finden.”

„Das bedingungslose Grundeinkommen etwa ist eines der wenigen Konzepte, die, je nach Umsetzung, die Gesellschaft zum Positiven verändern könnten: Es ist die Idee, Menschen die keine Arbeit finden, weil es niemals Vollbeschäftigung geben wird und Rationalisierung eine Bedingung des Wirtschaftswachstums ist, zu entschädigen. Und sie nicht abzustrafen und aus der Gesellschaft auszuschließen, wie Hartz IV es tut. Solche Ideen müssen diskutiert werden, damit sie reifen können. Ob Wirtschaftswachstum die einzige Lösung der Probleme darstellt, ist weiterhin zu klären. Dass von unseren Steuern Großkonzerne subventioniert und Banken gerettet werden, statt das Geld in Leistungen fließt, von denen alle profitieren – auch das muss von den Bürgern mitbestimmt werden können. Nur eine solidarische und emphatische Gesellschaft, die allgemeine Probleme offen debattiert, kann der Macht der Konzerne und den Verhältnissen in der Welt etwas entgegensetzen.”

Die Autorin findet es natürlich richtig, Saison-, Bio- und fair gehandelte Produkte zu kaufen. „Nur bringen wird es nichts, wenn man daran nicht eine politische Forderung knüpft, die man gemeinsam mit anderen in die Öffentlichkeit und Politik trägt.” Ihrer Meinung nach sollten zukünftig alle Menschen fair und umweltfreundlich hergestellte Produkte einkaufen können. „Umweltfreundliches Handeln darf in Zukunft nicht mehr Ausdruck einer moralischen Überlegenheit einer Öko-Avantgarde sein, es muss Kernbestandteil ökonomischer Rationalität werden.”

Was uns fehlt sind Utopien: „Wieso haben wir statt gesellschaftlicher Utopien nur Utopia.de? Und wann, verdammt noch mal, fangen wir an, uns an Bäume zu ketten, anstatt vom örtlichen Autohändler welche Pflanzen zu lassen?”

Ein Weihnachtsgeschenk

Das Buch von Kathrin Hartmann ist ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk für Menschen, die Lust auf Selbst-Erkenntnis und kritisches Hinterfragen ihres Denkens und Handelns haben. Es ist auch für diejenigen eine aufschlussreiche Lektüre, die sich für gesellschaftliche Prozesse interessieren und wissen wollen, was in unserer Gesellschaft so alles vor sich geht.

Kommentare und Diskussionsbeiträge zu dem Thema sind sehr erwünscht!


Antworten

  1. bzgl. “Ende der Märchenstunde”

    “wann fangen wir endlich an uns an Bäume zu ketten…” und ähnliches ist bei Frau Hartmann zu lesen. Auf den ersten 30 Seiten kommt viermal vor “in Wahrheit”, wobei Frau Hartmann diese offenbar gepachtet hat.

    Sorry, so geht es nicht. Unbeleckt von ökonomischem Sachverstand werden hier Car-Sharing und KernerShow verquirlt zur großen LOHA-Auskehr, wird die dringend notwendige Bewusstwerdung der Konsumenten mit so durchschaubaren Lügen wie Ökopelz und Umweltprämie verwurstet, und das Einzige, was “in Wahrheit” sichtbar wird, ist eine selbstbezogene Frau die angeblich leidet; unter dem System, dem Kapitalismus etc. den sie aber nichtsdestotrotz für die Vermarktung ihres Bestsellers nutzt. Im Gegensatz zu den geschmähten LOHAs hat Frau Hartmann noch nicht verstanden, daß das System komplex und die “Wahrheit” ein Paradox ist. Schlimmer noch: Frau Hartmann meint, als einzige unter dem Unrecht, den Umweltkatastrophen und dem übrigen Übel in unserer Welt zu leiden, während die bösen LOHAs nur ihrem Hedonismus frönen.

    Die Folge wird sein, daß ihre Leser das bisschen Engagement, das sie in ihrem Konsum zeigen, auch noch aufgeben und sich vollkommen ins Private zurückziehen. Politischer wird’s dadurch keineswegs, im Gegenteil.

    Dass das Buch im Buchhandel vergriffen ist, zeigt bereits, wie große Resonanz solch griffige Vereinfachungen finden. Die BILD Zeitung hätte es nicht schlimmer machen können. Ich hoffe nur, Frau Hartmann nutzt ihre neue Geldquelle, um ein paar gute Bücher zu kaufen.

    Frohe Weihnachten!

  2. Ich kann mich meinem Vor-Kommentatoren nur anschließen – Kathrin Hartmann beansprucht in bester ZK-Manier die einzig seligmachende Wahrheit und weiß dabei nur, sich selbst gut zu vermarkten. Da giert jemand ganz gewaltig in die hell erleuchterte publizistische Arena und produziert vor allem erstmal einfach nur Floskeln.
    Dabei stellt sie die “Menschheit” über den einzelnen Menschen, ihre Webseite strotz nur so von Selbstbeweihräucherung.
    Denn letztlich vergisst sie vor lauter Gerechtigkeits-Seligkeit, dass jeder einzelne Mensch Bedürfnisse hat, die er/sie berechtigter Weise befriedigen möchte. Und darauf findet sie vor lauter Selbstverliebtheit keine Antwort – außer, dass sie ein nettes Honorar an diesem Bestseller verdient, bei dem sie vom ihr so verfluchten “falschen Wirtschaftssystem” ach so toll profitiert.


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