Verfasst von: joachimfulda | 12. Dezember 2009

Heldenspiel? Verblendete Jugend….


Immer wieder wundere ich mich bei Selbstmord-Attentaten, wie man nur so verblendet sein kann, so was zu tun. Ich tu mich schwer, Menschen zu verstehen, die eben nicht nur sich selbst das Leben nehmen, sondern auf möglichst brutale Art und Weise viele andere mit sich in den Hades reißen wollen. Diese Terroristen kann und will ich nicht verstehen, geschweige denn gutheißen. Aber nachvollziehen, wie sie dazu werden, will ich schon. Denn ich glaub, dass Menschen nicht zum Terroristen geboren sind, sondern dazu werden und/oder gemacht werden. Vielleicht bin ich dabei naiv oder ein unverbesserlicher Optimist oder einfach nur Dilettant, wenn ich lernen will, diesen Entwicklungsprozess zumindest in Ansätzen zu verstehen und zu überlegen, wo es in dieser Entwicklung exit-Möglichkeiten gibt. Also nicht erst dann zugreifen oder lamentieren, wenn jemand erst in einem Terror-Camp in Afghanistan war, sondern ihn/sie da gar nicht erst hinkommen lassen??? Darum passt Paro Anands Roman “Heldenspiel” so gut, kündigt der Verlag schließlich einen Roman über Terror in Kashmir an – “aus der Sicht eines Jugendlichen, schonungslos ehrlich und brutal”. Ob der Roman dieses Versprechen halten kann?

Was erstmal auffällt, sind die kurzen Sätze und der unmittelbare Einstieg – der mir zu plötzlich, zu unmittelbar, zu überfallartig daherkommt. Darum hab ich auch dann erstmal das Nachwort gelesen, weil hier einiges an Hintergrundwissen über den Kashmir-Konflikt dargestellt wird. Das dabei vermittelte Wissen gibt einen sehr guten Überblick. Das Buch der Inderin Paro Anand spielt in Kaschmir und zeigt auf, wie Jugendliche gezielt für den Terrorismus angeworben werden. Im Nachwort erklärt Jochen Buchsteiner die Hintergründe des Kaschmir-Konflikts. Dieser Konflikt ist mir zu fremd, um bei diesem unmittelbaren Einstieg in die Geschehnisse um den Jungen Aftab und dessen großes Vorbild Akram auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

Das Buch jedenfalls ist aus der Sicht des jungen Aftab geschrieben. Gleich zu Beginn trifft sich Aftab mit seinem großen Vorbild Akram und weiteren Freunden – ohne dass dies seine Eltern wissen dürfen, ist ihnen Akram schließlich nicht geheuer. Denn Akram sucht junge Menschen wie Aftab, die den Besatzern (in diesem Fall den Indern) “etwas entgegensetzen” wollen. Sie träumen von einem blutigen Anschlag, bei dem sie möglichst großen Schaden anrichten wollen. Doch was schnell offensichtlich wird: es geht nicht nur um die Opfer allein, es geht um das Streben nach Berühmtheit. Recht plastisch wird in dieser ersten großen Szene des Romans beschrieben, wie die Gruppendynamik Menschen beeinflussen und eine Abwärtsspirale begünstigen können – gerade auch, wie sehr Geltungsbedürfnisse und das Streben nach Anerkennung diesen Prozess beschleunigen können.

Plausibel erscheint, dass der alltäglich erscheinende Besuch eines Teehauses und die Aufmerksamkeit der Besitzer zur Flucht von Aftab und Akram führt. Das, was die Kriminalpolizei gerne “Kommissar Zufall” nennt, kann durchaus wichtig sein bei menschlichen Schicksalen – und zu häufig wird einfach nur weggeguckt, wenn man sieht, dass was schlimmes passiert (oder passieren könnte). Doch die daran anschließende Diskussion zwischen Aftab und seiner Schwester Shazia, die Verbindung zwischen Shazia und Akram erscheint dann doch sehr konstruiert, sehr oberflächlich. Und für mich als Leser sind zwar die Argumente (auch die des dann in Erscheinung tretenden Polizeioffiziers) interessant, helfen aber nicht wirklich weiter, wenn man verstehen will, wie Aftabs Gewaltbereitschaft zustande kam und wächst – außer dem Grund, dass er sich Anerkennung wünscht. Aber kann das wirklich der einzige Grund sein?

Warum schließen sich Jugendliche Terroristen an? Ja, der intelligente und narbenübersäte Akram wirkt sehr charismatisch, es wird sehr schnell sehr klar, dass er Aftab mißbraucht und ihn als Bauernopfer einsetzen möchte – doch dabei erscheinen mir Akram und Aftab dann doch zu farblos. Gleich in der eingangs erwähnten Szene werden Akram, Aftab und Konsorten kurz skizzenhaft vorgestellt – und dabei bleibt es. Sie entwickeln sich nicht weiter, ihnen fehlt die menschliche Tiefe. So erscheinen auch die Dialoge eher als Austausch von Floskeln, von Slogans und weniger als innerer Kampf, als glaubwürdige Auseinandersetzung um das, was passiert. Die Diskussion läuft dann irgendwie erwartbar, auch wenn es Anand gelingt, gelegentliche Überraschungsmomente einzubauen und den Spannungsbogen dadurch zu entwickeln, dass man dann doch recht lange glaubt, Aftab könne durchaus noch aus dem Gewaltzyklus ausbrechen, dem Terrorismus abzuschwören. Dass Anand diesen Ausweg dann doch nicht nimmt, ist Lichtblick dieses Romans. Hier gelingt ein Spannungsbogen, der den Roman lesenswert macht – und darüber hinwegsehen lässt, dass dieses Buch mehr Roman denn Erklärungsansatz ist. Wenn es dabei bliebe, wäre ich ja zufrieden.

Aber “Heldenspiel” ist auch Versuch, in die Köpfe der Terroristen zu schauen, zu rekonstruieren, was in ihnen vorgeht. Hier wird ein wichtiges Thema aufgegriffen. Doch hatte ich bei der Lektüre schon den Eindruck, dass hier die Tiefe fehlt, die Charaktere zu simpel gezeichnet sind. Es ist ein Roman, bei dem ich glaube, dass der eigene Anspruch (ein Psychogramm zu skizzieren) vielleicht doch etwas zu hoch gehängt ist. An der einen oder anderen Stelle habe ich außerdem den Eindruck, dass Anand zu sehr auf Klischees setzt. Doch dieser Eindruck kann auch trügen, kann ich für mich – im Gegensatz zur Autorin – nicht behaupten, Kaschmir-Experte zu sein. Dennoch war ich etwas enttäuscht – denn dass junge Menschen sich Vorbilder suchen und von diesen auch verführt werden können, wußte ich schon vorher. Dass auch die gewalttätigen Umstände und gesellschaftlichen Aggressionen Menschen stärker verrohen lassen können als friedliche Zeiten, sollte auch klar sein (so zum Beispiel, wenn das öffentliche Tragen von Waffen zum alltäglichen Straßenbild gehört). Doch gerade aufgrund meiner (zugegebener Maßen hohen) Erwartungshaltungen enttäuscht das Buch, auch wenn es sich doch trotz des schwierigen Gegenstandes relativ zügig lesen lässt. Und ob sich die Geschichte des Aftab sich verallgemeinern lässt, weiß ich nicht. Ulf Cronenberg schreibt in seiner Besprechung, dass dem Buch an psychologischer Kraft fehle, die Autorin sähe nicht tief genug in die Seelen ihrer Figuren. Eine Kritik, die ich so nur unterschreiben kann. Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen und kostet 12,95 Euro. Zur Presseankündigung des Verlags geht es hier.


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