
In den letzten Monate bekamen wir immer wieder eindringliche Appelle kosovarischer Roma, die in Deutschland akut von der Abschiebung betroffen sind. Herr Haliti gab auf diesem Blog ein eindringliches Zeichen dafür. Denn vielen von Ihnen fürchten ein ähnliches Schicksa wie jene fünfhundertsechzig Roma, die in den Lagern von Cesmin Lug und “Osterode” auf dem verseuchten Gelände einer ehemaligen Bleischmelzanlage in Nordmitrovicë/Mitrovica leben müssen. Denn diese Lager sind zu todbringenden Gefängnissen geworden: Noch immer müssen dort 560 Roma und Aschkali leben.
Medizinische Tests haben im Blut der Lagerbewohner einen durchschnittlichen Bleigehalt von 30 bis 40 Mikrogramm pro Deziliter nachgewiesen. Bereits ab 10 Mikrogramm pro Deziliter werden Organe dauerhaft geschädigt, allen voran das Gehirn. Kinder bekommen Krämpfe, können sich nicht konzentrieren, sind psychisch gestört und fallen in komatöse Zustände. Frauen erleiden Fehlgeburten. 83 Menschen sind dort inzwischen gestorben, und viele Toxikologen und andere Experten gehen davon aus, dass die hohe Bleikonzentration im Boden und in der Luft zu ihrem Tod beitragen haben könnte.
Deswegen schrieb unser Gründer Tilman Zülch gestern dazu einen offenen Brief an Bernard Kouchner:
“Sehr geehrter Herr Dr. Kouchner,
in großer Sorge um die Gesundheit und das Leben von 560 Menschen im Kosovo möchten wir Sie an ein Versprechen erinnern, das Sie 1999 gegeben haben: Damals haben Sie als Sondergesandter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen und Leiter der UNMIK im Kosovo versichert, dass die Flüchtlingslager für Roma und Aschkali innerhalb von 45 Tagen evakuiert werden.
Diese Flüchtlinge waren Ihnen und den Vereinten Nationen genauso anvertraut wie die französischen und dänischen KFOR-Soldaten, die einige Monate lang auf dem heutigen Lagergelände stationiert waren. Als ihr Blut erhöhte Bleiwerte aufwies, wurden sie 2006 hastig abgezogen. Es wurde ihnen geraten, neun Monate lang keine Kinder zu zeugen. Die Roma und Aschkali mussten dort bleiben, obwohl Ärzte der UN und der Weltgesundheitsorganisation WHO dringend zur Räumung der Lager rieten.
Wir fordern Sie jetzt dringend dazu auf: Ergreifen Sie die Initiative für die Evakuierung der verseuchten Lager! Die Roma und Aschkali – unter ihnen 200 Kinder – haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Sie müssen entgiftet werden. Frankreich sollte mit gutem Beispiel vorangehen und schnell und unbürokratisch ein Kontingent dieser Flüchtlinge aufnehmen.
Wir erinnern daran, dass Sinti und Roma bis zu 500.000 Opfer des Holocaust zu beklagen haben. Daraus ist eine besondere Verantwortung für diese rassisch verfolgten europäischen Minderheiten erwachsen. Die Häuser der Roma und Aschkali, die unter den Augen der KFOR-Schutztruppe von albanischen Extremisten zerstört wurden, müssen wiedererrichtet werden. Roma- und Aschkali-Flüchtlingen, die keine Rückkehr wagen wollen, muss in ihren europäischen Exilländern ein langfristiger Aufenthalt gewährt werden.
Sie haben, sehr verehrter Herr Minister, mit Ihren Initiativen ” Secours médical Francais” (SMF), Médecins sans Frontières (MSF) und Médecins du Monde (MDM) vielen Menschen in ausweglosen Situationen das Leben bewahrt. Uns ist zugleich bewusst, was für einer extremen Gefährdung Roma- und Aschkali-Familien in einer hochtoxischen Gegend seit ihrer Amtszeit im Kosovo bis heute ausgesetzt sind, obwohl Sie damals versichert haben, diese Menschen schnellst möglich umzusiedeln.
Wir wissen, dass Sie ein Mensch der Tat sind und dass Ihre Taten Menschenleben retten können. Wir appellieren an Sie, dringend zu handeln und eine internationale Koalition zur unverzüglichen Umsiedlung der Flüchtlingsfamilien und deren medizinische Behandlung ins Leben zu rufen.
Die Lagerbewohner sind verbittert, verzweifelt und äußerst besorgt um das Leben ihrer Kinder.
Lassen Sie sie nicht im Stich!”




[...] GfbV Berlin (Joachim Fulda): In den letzten Monaten bekamen wir immer wieder eindringliche Appelle kosovarischer Roma, die in Deutschland akut von der Abschiebung betroffen sind. Denn vielen von ihnen fürchten ein ähnliches Schicksal wie jene Roma, die in den Lagern von Cesmin Lug und „Osterode“ auf dem verseuchten Gelände einer ehemaligen Bleischmelzanlage in Nordmitrovicë/Mitrovica leben müssen. Denn diese Lager sind zu todbringenden Gefängnissen geworden: Noch immer müssen dort 560 Roma und Aschkali leben. Medizinische Tests haben im Blut der Lagerbewohner einen durchschnittlichen Bleigehalt von 30 bis 40 Mikrogramm pro Deziliter (µg/dl) nachgewiesen. Bereits ab 10 µg/dl werden Organe dauerhaft geschädigt, allen voran das Gehirn. Kinder bekommen Krämpfe, können sich nicht konzentrieren, sind psychisch gestört und fallen in komatöse Zustände. Frauen erleiden Fehlgeburten. 83 Menschen sind dort inzwischen gestorben, und viele Experten gehen davon aus, dass die hohe Bleikonzentration im Boden und in der Luft zu ihrem Tod beitragen haben könnte. Deswegen schrieb Tilman Zülch, Gründer und Präsident der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), gestern dazu einen offenen Brief an den früheren UN-Administrator im Kosovo und derzeitigen französischen Außenminister Bernard Kouchner: Sehr geehrter Herr Dr. Kouchner, [...]
Von: dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen GfbV: Kosovos Roma auf der Müllhalde Europas :: am 23. Dezember 2009
um 3:29 pm