Verfasst von: joachimfulda | 5. Januar 2010

Europäische Kulturhauptstadt Pécs als Schaufenster mißbraucht

Dankenswerter Weise bekam ich heute den Hinweis auf einen interessanten Artikel auf den österreichischen Roma-Blog, der sich durchaus kritisch mit der diesjährigen Kulturhauptstadt Pécs auseinandersetzt und den ich an dieser Stelle dankenswerter Weise wiedergeben darf (auch hier ein herzlichen Dank an Roman Urbaner und sein Team!):

“Bis zu einer Million Gäste erwartet die südungarische Stadt mit ihren 160.000 Einwohnern im Kulturhauptstadtjahr. Pécs wählte für seine Bewerbung das Motto „Borderless City“ (PDF). Auf das historische Miteinander von Christen und Muslimen sowie von Minderheiten wie Deutschen, Roma, Serben und Kroaten ist man in der ältesten Universitätsstadt Ungarns, die auf Deutsch Fünfkirchen heißt, besonders stolz. Am 10. Jänner 2010 soll das 130 Punkte umfassende Programm offiziell starten.”

Ein Problem gibt es aber wohl: “Denn die Minderheiten von Pécs fühlten sich vor Anlaufen des Kulturhauptstadtjahres für die Schaufensterpolitik der Stadt zum Teil auch missbraucht. Die ARD-Journalistin Andrea Mühlberger zitiert den Sprecher der Roma-Minderheit in Pécs, István Kosztics: „Die Stadt hat uns zwar gedrängt, eine Erklärung gegen Diskriminierung zu unterzeichnen, weil sonst kein Geld für unser Kultur-Hauptstadtprojekt geflossen wäre. Doch obwohl wir unterschrieben haben, werden wir jetzt mit unseren Projekten auf 2012 vertröstet. Wir spielen nur eine sekundäre Rolle.“ So habe ich den Eindruck, dass die Kulturhauptstadt weniger als Chance für eine nachhaltige Gestaltung der vielfältigen kulturellen Vielfalt verstanden wird und es sich eher um eine Schaufensterpolitik handelt, die die reichen Touristen anlocken soll.

“Zudem geriet Pécs immer wieder auch wegen Gewalt gegen Roma in die Schlagzeilen: Im November 2008 wurde in Pécs ein Roma-Ehepaar durch eine Handgranate, die durchs Wohnzimmerfenster flog, getötet. Dies war bereits der zweite Mord an Roma innerhalb einer Woche in Ungarn. Auf der anderen Seite besteht in Pécs seit Februar 1994 das erste Roma-Gymnasium, das „Gandhi-Gymnasium“. In sechs Klassen werden etwa 250 Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren unterrichtet. Die meisten der Schüler kommen aus ländlichen Gebieten, aus kleinen Dörfern oder aus Kleinstädten im Süden und Südwesten Ungarns. Zum Großteil wurde dieses Gymnasium aus dem Zentralbudget der ungarischen Regierung finanziert, darüber hinaus erhält die Schule auch private und EU-Gelder.” Man kann nur hoffen, dass solche Ansätze stärker ausgebaut werden und Touristen sich nicht einfach nur von irgendwelchen Touristen-Attraktionen hinters Licht führen lassen, sondern auch mal von sich aus hinter die Kulissen gucken.


Antworten

  1. Lebe mit kleinen Unterbrechungen seit 6 Jahen in Ungarn und kenne das Land sehr wohl zumal ich als gebürtiger Temesvarer ziemlich gut ungarisch spreche. Das Thema ” Diskriminierung von Minderheiten” bezieht sich eindeutig auf Romas, die man, wie auch bei uns in Deutschland, nicht
    “Zigeuner” nennen darf.
    Istvàn Kosztics Vorwurf, der für meine Begriffe
    höchst ungerecht von, “mit “Touristen – Attraktionen hinters Licht führen” spricht, ist
    gelinde gesagt unverschämt. Er, gewissermaßen
    als Chef seiner Minderheit, sollte eher dafür sorgen, dass diese nicht durch ihr Verhalten zu dem geworden sind, was sie nicht nur in Ungarn
    sind. Die Vorfälle der letzten Tage diesseits der Europabrücke bei Strassburg sind nicht die einzigen, die Zigeuner mehr als unbeliebt erscheinen lassen. Dass Ungarn in Einzelfällen ausrasten ist für mich verständlich. In Pècs gibt
    es doch auch andere Minderheiten, die sich nicht
    über Diskriminierung beklagen. Wenn Romas in
    Pècs ihr eigenes Gymnasium besitzen, dort auch
    in der Zigeunersprache unterrichtet werden, ist
    das ein großes Entgegenkommen, das soviel mir
    bekannt, es nirgendwo sonst auf der Welt gibt.
    Von Morden an Romas zu sprechen, ist übertrieben. Es gibt auch andere Kriminalfälle
    die nichts mit Diskriminierung zu tun haben. Ich
    meine, das Problem liegt nicht bei den Ungarn,
    sondern eindeutig bei den Zigeunern, die sich
    bis auf Ausnahmen ( Fridman, Sarkozy) nicht
    anpassen können. Dies in ganz Europa.
    Hans Angel

    • Sehr geehrter Herr Angel,

      erstmals vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Leider hat die Freischaltung etwas länger gedauert, weil ich in den letzten Tagen sehr beschäftigt war und Ihre Ausführungen nicht unkommentiert freischalten wollte. Ich bin Ihnen insoweit dankbar für Ihren Kommentar, weil Sie doch recht deutlich zeigen, wo noch großer Aufklärungsbedarf herrst. Denn ich finde, dass Sie sich schlichtweg an einigen Stellen irren oder klassische antiziganistische Vorurteile bedienen.

      So ist mir insbesondere Ihre Behauptung übel aufgestoßen, es wäre „übertrieben, von Morden an Roma zu sprechen“, da es ja auch andere Kriminalfälle gäbe, die nichts mit Diskriminierung zu tun hätten. Die inzwischen als Brandstifter ermittelten Nazis, die im tschechischen Vitkov ein Roma-Haus abbrannten, dürften sich über Ihre Verharmlosung freuen – überliefert ist jedenfalls deren Ausruf „So Zigeuner, jetzt brennt ihr!“. Das ist nicht diskrimierend, das ist rassistisch. Ach ja, sie hatten übrigens nachweislich auch vorher die Wasserleitungen zum Haus unterbrochen und damit das Löschen des Hauses verhindert. Dass da keine Mordabsicht dahinter steht, glaube, wer will….ich glaube, Sie, lieber Herr Angel, sind sich nicht bewußt, dass Sie mit dieser Verharmlosung Beifall von einer Ihnen nicht erwarteten Seite kriegen. Oder etwa nicht?

      Jedenfalls empfehle ich Ihnen die ausführliche Lektüre der entsprechenden Berichte der Netzwerke gegen Rechts, die sämtliche rassistischen, faschistischen Morde und gewaltsamen Übergriffee gegen Roma in Osteuropa sehr wohl dokumentieren. Sie können aber auch gerne unsere GfbV-Zeitschrif pogrom vom Sommer letzten Jahres (Sinti und Roma in Europa: Seit Jahrhunderten diskriminiert und ausgegrenzt) lesen, dort bekommen Sie weitere wertvolle Hintergrundberichte über die tatsächliche Lage der Roma in ganz Europa.

      Dann zu fordern, die Roma müssten sich an diese unsere Gesellschaft, in der sie verfolgt und unterdrückt werden, anpassen, wirkt wie ein schlechterWitz angesichts des Roma-Holocaustes – der lange Zeit in unserer Gesellschaft in seiner rassistischen Dimension nicht wahrgenommen wurde, weil man der Nazi-Propaganda glaubte, es wären ja „nur asoziale Elemente vernichtet worden“. So was verhöhnt alle Opfer nationalsozialistischer und faschistoider Gewaltherrschaft.

      Sie sprechen dann von dem Roma-Gymnasium in Pecs. Das ist leider tatsächlich einmalig. Aber nicht wegen der von Ihnen implizierten Großzügigkeit der Mehrheitsgesellschaft oder einiger verirrter Gutmenschen. Es ist deswegen einmalig, weil viele Roma ansonsten im herkömmlichen Schulsystem kaum Chancen im Bildungssystem haben. Aufgrund ihrer schwerwiegenden sozialen Benachteiligungen kann man bei vielen Roma in Osteuropa definitiv nicht von gleichen Startbedingungen zu Beginn der Schulzeit sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, in eine Sonderschule abgeschoben und seggregiert zu werden, ist wesentlich höher als die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium besuchen zu können. Die Seggregation der Roma in Europa erinnert mich fataler Weise an die Lage der farbigen US-Amerikaner. Nur die hatten einen Martin Luther King, der einen Traum hatte, der in der Wahl Obams im November 2008 einen vorläufigen Höhepunkt fand. Yes, we can? Leider nicht die Roma in Europa….

      Ich kann Ihnen übrigens nur empfehlen, sich mal in den Roma-„Ghettos“ umzuschauen. Freiwillig wohnt kein Mensch in solch menschenunwürdigen Behausungen. Die ausgeprägte Armut der Roma auf ihre Faulheit zurückzuführen, ist ebenfalls ausgeprägt rassistisch. Sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen der Europäischen Kommission und der Soros-Foundation weisen doch klar darauf hin, dass der Teufelskreis aus Armut, schlechter Bildung, erbärmlichen Behausungen und hoher Arbeitslosigkeit auch Folge der umfassenden Diskriminierung der Roma ist. Hier die Roma zu beschuldigen, ist wie den Bock zum Gärtner zu machen. In dieser Logik hieße es, die Roma wären ja selber schuld, wenn sie diskriminiert würden, schlichtweg, weil sie einfach nur Roma sind und nicht weiß! Ich möchte Sie auf die entsprechenden Berichte auf der homepage der Roma-Dekade und meine Interviews mit Markus Pape und Milan Horacek hinweisen.

      Abschließend möchte ich Sie auf Ihre Aussage hin nachfragen, Sie hätten Verständnis, dass Ungarn „berechtigter Weises in Einzelfällen ausrasteten“. Angesichts der von mir gegebenen Hinweise wundere ich mich, wie Sie dies aufgrund der objektiv nachweisbaren systematischen Benachteiligung und Diskriminierung der Roma in ganz Europa so ruhigen Gewissens behaupten können. Dass Sie dann darüber lamentieren, die anderen ungarischen Minderheiten würden sich ja nicht beschweren, verwundert mich – werden diese doch bei weitem nicht so benachteiligt wie die Roma. Ihre Behauptung zeigt nur, dass Sie lieber selbsgerecht mit dem Finger auf die Roma zeigen, als sich auf deren Schicksal einlassen zu wollen. So droht die Marginalisierung der Roma und die antiziganistischen Vorurteile werden zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

      Gerne stehe ich Ihnen zur Weiteren Diskussion zur Verfügung, in der Hoffnung, dass Ihnen an der einen oder anderen Stelle Ihre Klischee-beladene Pseudo-Argumentation bewußt wurde.

      Mit freundlichen Grüßen,

      Joachim Fulda

  2. Ich würde gerne Herrn Apel noch was nachreichen: Zur Zeit steigt ja auch in Berlin die Internationale Tourismusbörse – und Ungarn wirbt großflächig mit toller Natur, netten Menschen und einem großen kulturellen Angebot. Da passt es Ihnen als Reiseanbieter (nach Ungarn) natürlich nicht, wenn gewisse “Attraktionen” kritisch hinterfragt werden und wenn bettelnde Roma Ihnen das schöne Ungarn umgangssprachlich gesprochen “versauen” – aber anstatt sich mit den Wurzeln des Problems auseinander zu setzen, lieber mit den Fingern auf jene zeigen, die nicht sind wie wir. Schämen Sie sich jetzt für die Roma oder für das Versagen unserer Mehrheitsgesellschaft, rassistische Vorurteile noch nicht überwunden zu haben und nicht alles erdenkliche zu tun, ihnen aus dem Teufelskreis rauszuhelfen?

  3. Vom österreichischen Roma-Service kam folgender Kommentar, den wir gerne freischalten:

    Ein kurzer, aber aufschlussreicher Leserbrief, der die ganze Bandbreite rassistischer Argumentationsfiguren wiedergibt: Auch hier wird den Opfern die Schuld an den an ihnen verübten Verbrechen zugeschoben; in den Mordtaten hingegen sieht der Autor “verständliche Ausraster einzelner Ungarn”; und die Existenz rassistisch motivierter Gewalt gegen Roma, die gerade in Ungarn in einer blutigen Mordserie gipfelte, wird einfach pauschal geleugnet (“Von Morden an Romas zu sprechen, ist übertrieben”). Doch wer Mordtaten mit Brandsätzen, Handgranaten und Schrotflinten schön- oder wegzureden versucht, macht sich selbst zum Täter, auch dann, wenn er nicht selbst mit paramilitärischen Nazitrupps (Stichwort: Ungarische Garde) durch Roma-Viertel marschiert, sondern sich als Durchschnittsbürger in der soliden Mitte der Gesellschaft wähnt.

    Ich empfehle dem Leserbriefautor jedenfalls, den ein oder anderen Blick auf die folgende Liste mit Meldungen über antiziganistische Gewaltakte der letzten zwölf Monate zu werfen:

    Wie Ungarn mit dem Mord an Roma umgeht
    März 4th, 2010
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=8007

    Sachsen: Haus einer Sinti-Familie abgebrannt
    Januar 26th, 2010
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=7372

    Türkei: Evakuierungen nach Pogrom
    Januar 8th, 2010
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=6894

    Pester Lloyd: „Stereotyp und Bedrohung“
    Interview mit dem Antiziganismus-Forscher Markus End
    Dezember 21st, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=6483

    Nach Anschlag: Roma-Mädchen zu Hause
    Dezember 3rd, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=6245

    Video zu Ausschreitungen in Sânmărtin
    November 7th, 20
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=5812

    Die neuen Sündenböcke (taz)
    Oktober 21st, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=5530

    Gewalt gegen Roma in Ungarn
    September 24th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4838

    Gewaltwelle gegen Roma im Kosovo
    September 8th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4410

    Ungarische Mordserie: Verdächtige überstellt
    August 25th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4180

    Rumänien: „Die Ethnie im Visier“ (Hendrik Kraft)
    August 24th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4131

    Anti-Roma-Hetze in Ungarn und der Slowakei
    Ostslowakei: Roma flüchten aus Stadt
    August 23rd, 200
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4113

    Ungarn: Verhaftungen nach Morden an Roma
    August 21st, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4060

    Tschechien: Anklage nach Brandanschlag
    August 16th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=4014

    „Zigeuner raus“: Attacke auf Roma in Osttirol
    August 12th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=3882

    Ungarn: Nach Romamord von Kisléta
    August 6th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=3756

    Wieder Mord an Roma in Ungarn
    August 4th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=3693

    ERRC: Aufstellung der Gewaltakte gegen Roma
    Juli 8th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=3219

    Nach Angriffen: Roma verlassen Belfast
    Juni 25th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=2964

    Tschechische Roma-Journalistin sucht Asyl
    Juni 3rd, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=2383

    Wieder Angriff auf ungarische Roma
    Mai 28th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=2315

    Rassismus und Rechtsextremismus gedeihen in Osteuropa
    Mai 18th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=2014

    Gewalt gegen Roma in Tschechien
    Mai 17th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=1994

    „Endlösung der Zigeuner-Frage“
    Mai 22nd, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=2174

    Rom in Ungarn vor Haus erschossen
    April 25th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=1683

    Roma-Camp in Chile in Brand gesteckt
    April 14th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=1345

    Slowakei: Polizei misshandelte Romakinder
    April 9th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=1290

    Serbische „Nationale Front“ zieht gegen Roma
    März 15th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=986

    ERTF: Schwere Vorwürfe gegen Ungarn
    März 13th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=946

    Protest gegen ungarische Gewaltserie
    März 6th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=767

    Ungarn: Pogromstimmung gegen Roma
    Februar 24th, 2009
    http://www.roma-service.at/dromablog/?p=557

  4. [...] wieder berichteten wir auf diesem Blog über das, was den Roma in osteuropäischen Ländern wie Ungarn oder Tschechien passiert – nun hat SpiegelOnline einen interessanten Artikel über die [...]


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