Verfasst von: astridbracht | 11. Februar 2010

Die Karaimen: Eine tatarisch-jüdische Minderheit in Europa

Die thora-gläubigen Karaimen siedeln seit dem Mittelalter im Mittelmeer- und Schwarzmeerraum. In den ehemals wichtigen Zentren ihrer Religionsgemeinschaft, in Kleinasien, auf der Krim und in Polen-Litauen, leben heute noch kleinere Gemeinden, aber auch in Rußland und Israel sowie in Frankreich, Deutschland, Österreich, Australien und Nordamerika. In Israel leben etwa 25.000 Karaimen, dort werden sie als nichtreligiöse Juden eingestuft. Außerhalb Israels wird die Zahl der Karaimen auf 20.000 geschätzt, davon etwa 3.000 bis 4.000 in Litauen und der Ukraine, ein paar hundert in der Türkei.

Die turkstämmigen Karaimen (auch: Karaiten/Karäer) Osteuropas im heutigen Litauen und Polen gehen auf karaimische Soldatenfamilien zurück, die von Vytautas dem Großen, Großfürst von Litauen, im Jahre 1397/98 aus dem Schwarzmeergebiet angeworben und als Burgwachen in der Nähe der alten litauischen Hauptstadt Trakaj angesiedelt wurden. Im litauischen Nationalmuseum von Trakaj ist ihnen entsprechend ihrer Bedeutung für die Entstehung Litauens eine eigene Abteilung gewidmet – wie auch den muslimischen Tataren. Sie betrachten ihren Glauben überwiegend als eine gegenüber dem Judentum eigenständige biblische Religion, benutzen die hebräische Schrift und sprechen einen tatarischen Dialekt, der dem Krimtatarischen nahesteht. Das Karaimische ist eine Turksprache, die vom Aussterben bedroht ist. In Litauen gibt es Ansätze, die Sprache als kulturelles Erbe und als Sakralsprache zu erhalten. Auf der Krim benutzen die Karäer ihre Muttersprache beim Gottesdienst neben dem Hebräischen.

Während der deutschen Besetzung ihrer Siedlungsgebiete im Zweiten Weltkrieg gab es unter den verschiedenen Führern von Ostministerium, SS, Reichssicherheitshauptamt und Wehrmacht unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Vernichtung oder Verschonung der Karaimen. Schließlich galten die Karaimen als “tatarische Volksgruppe” und waren daher von der Verfolgung durch Wehrmacht und SS ausgenommen, was zwischen den einzelnen Institutionen des “Dritten Reichs” umstritten war.

Ein ehemals religiöses und heute historisches Zentrum der Karaimen ist die Stadt Trakai in Litauen. Im Jahre 2007 lebten neben rund 5.000 Tataren noch 257 Karäer in Litauen. Etliche von ihnen sprechen noch Karaimisch, zumindest die ältere Generation. In Trakai und Vilnius gibt es auch je eine Kenasse (Gebetshaus), wo Priester – Hazzan genannt – auf Karaimisch ihre Gemeinden betreuen. Die Turkologin Éva Csató-Johanson (Mainz/Uppsala) erarbeitet seit Jahren zusammen mit Karaimen in Litauen und auf der Krim moderne Schulmedien, Lexika und Workshops, um der weiteren Auslöschung der Sprache Einhalt zu gebieten.

Das historische und religiöse Zentrum der Karaimen des Orients und Nordosteuropas ist traditionell die Krim, wo nach dem Zerfall der Sowjetunion eine uralte Gemeinde in Jevpatoria/Qezlev wiederauferstanden ist. Die Gemeinde hat mit großer Kraft und finanzieller Hilfe von Michel Sarach, einem Karäer aus Frankreich, die zwei bedeutendsten Kenasses in Qezlev wiederaufgebaut. Sie sind auch die Hauptanziehungspunkte für Touristen auf der Krim. Diesen lichten Gotteshäusern angeschlossen sind ein Kulturzentrum mit Bibliothek und ein karaimisches Restaurant.

Mittels Vernetzung und Zusammenschluss der Diasporagemeinden wird versucht, Kräfte für den Erhalt von Religion und Sprache zu bündeln. Karaimischer Prominenter ist in München der gebürtig aus Aserbaidschan stammende Hayim Malkhasy. Im Juli 2009 fand in Prag der Erste Weltkongress der Karaimen unter dem Motto “Karaites and Karaism – yesterday, today and tomorrow” mit Teilnehmern aus Aserbaidschan, Israel, Krim, Polen statt.

Von: Mieste Hotopp-Riecke

Dieser Artikel von Mieste Hotopp-Riecke stammt aus der aktuellen Ausgabe der GfbV-Zeitschrift “Bedrohte Völker- Pogrom” mit Schwerpunktthema “Jüdische Gemeinschaften” und kann neben zwei weiteren Artikeln ebenfalls auf der GfbV Homepage probegelesen werden.
Auch die gedruckte Ausgabe des “Bedrohte Völker – Pogrom” kann hier bestellt werden.


Antworten

  1. [...] in “bedrohte völker“, Nr. 256-257 (5-6 2009), S. 41. Hinterlasse einen Kommentar Noch keine Kommentare bis [...]


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