Nun hat der russische Gasriese Gazprom und das Konsortium Nordstream alle Bewilligungen in der Tasche: Die finnische Umweltbehörde hat heute dem Bau der Ostseepipeline durch ihre Gewässer zugestimmt. Schon 2011 soll die Pipeline an den Start gehen. E.ON und Wintershall sind im Geschäft, Altbundeskanzler Schröder freut sich: Er ist der Aufsichtsratschef des Nordstreamkonsortiums. Woher kommt das Gas? Zum größten Teil von der Halbinsel Jamal in der Kara-See. Dort lebt eine der letzten großen Gruppen halbnomadischer Rentierzüchter, die Nenzen.
Jamal sei die Schlüsselregion für Russland, erklärte Premierminister Wladimir Putin vor kurzem. Um europäische Investoren und mit ihnen Geld und technisches Know-How nach Jamal zu locken, versprach Putin den Managern der elf größten europäischen Energieunternehmen massive steuerliche Erleichterungen. Im Moment werden auf Jamal sowohl eine Eisenbahnlinie als auch zwei Pipelines gebaut. Die Pipelines sollen an die Nordsee-Pipeline Nord Stream angeschlossen werden, so dass Gas aus Jamal nach Deutschland gepumpt werden kann. Aufsichtsratsvorsitzender des Pipelinekonsortiums ist Altbundeskanzler Gerhard Schröder, schon zu seiner Regierungszeit ein enger Freund des damaligen Präsidenten Wladimir Putin.
Von den rund 41.000 Nenzen leben 10.000 als halbnomadische Rentierzüchter. Im Sommer ziehen sie mit ihren 300.000 Rentieren zwischen 500 und 1.000 km in den Norden der Insel, den Winter verbringen sie im Süden. Mit den Samen in Schweden und Finnland sind sie eine der letzten halbnomadischen Rentierzüchtergruppen weltweit. Die Pipeline durchschneidet ihre Migrationsroute, so dass sie gezwungen sind, diese Lebensweise aufzugeben. Die russische Regierung hat den Nenzen Häuser in der Hauptstadt Jamals, Salechard angeboten. Dies geht jedoch vollkommen an den Wünschen und Bedürfnissen der Nenzen vorbei. Sie fordern ein unabhängiges „Ökologiemonitoring“ an den Baustellen sowie ihre Teilnahme an Gesprächen und Entscheidungsprozessen. Diesen Forderungen wird jedoch weder von Seiten der Politik noch von den Konzernen entsprochen.
Die Nenzen auf Jamal klagen über negative Auswirkungen des Eisenbahnbaus und über den zunehmenden Klimawandel. Dass unter der Tundra Gas gefunden wurde, sei für sie eine Katastrophe sagen sie. Sie fürchten, dass der Bau der Pipelines und der Eisenbahnstrecke die Tundra zerstört. Die Bauarbeiten für die Bahn haben große Tundragebiete schon verwüstet, Rene und Rotwild seien dort verendet, berichten Sprecher der indigenen Nenzen. Müll wird auf den riesigen Baustellen liegen gelassen, schwere Maschinen zerstören die Tundra auch außerhalb der Baustellen. Dass sie nicht massiver auftreten und zum Beispiel andere Routen für die Pipelines, Übergänge für ihre Tiere etc. vorschlagen, lässt sich nur mit einem Zwiespalt erklären, in dem sich viele indigene Völker weltweit befinden: Ja, sie sehen die Zerstörung, die mit der Erschließung der Ressourcen kommt. Sie fragen sich, was für ihre Kinder besser ist: Geld für Schulen, Krankenhäuser, möglicherweise eine Chance dem Teufelskreis aus Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit zu entkommen? Oder doch der massive Protest mit dem Ziel die traditionelle Lebensweise zu bewahren? Wovon werden sie mehr haben, welche Methode ist realistischer? Sind sie nicht ohnehin zu schwach, um den Öl- und Gasmultis etwas entgegen zu setzen? Dann gibt es Nenzen, die in den Lokalverwaltungen und Behörden, in der Politik arbeiten. Sie werben eher dafür, sich anzupassen. Eine starke Bewegung gegen die Bauvorhaben ins Leben zu rufen, ist unter diesen Bedingungen sehr schwer.
Trotzdem versuchen Gruppen und Familien die traditionelle Lebensweise aufrecht zu erhalten. Für sie ist das Rentier weiter Zentrum ihres Lebens und ihrer Kultur. Manche kehren bewusst zu dieser Lebensweise zurück, obwohl sie die vielen Schwierigkeiten klar sehen. Die GfbV Deutschland hat in Kampagnen, Newslettern und Schreiben an die beteiligten deutschen Unternehmen sowie an Altbundeskanzler Schröder immer wieder auf das Schicksal der Nenzen aufmerksam gemacht. Zugesichert wurde, dass Nenzen an den Gesprächen beteiligt würden. Welche Rechte sie dabei jedoch haben und wie sie ihren Forderungen tatsächlich Gehör verschaffen können, das blieb unklar. Für uns heißt das, diese Lobbyarbeit weiterzuführen und die Nenzen in ihren jeweiligen Anliegen zu unterstützen.




Letzte Kommentare