Verfasst von: joachimfulda | 30. April 2010

Kurdisch – verfolgte Sprache, verdammte Buchstaben


In diesem Blog stellten wir schon vereinzelt kurdische Literatur und Wörterbücher Kurdisch-Deutsch (jeweils von unserem GfbV-Ehrenmitglied Feryad Fazil Omar, Präsident des Instituts für kurdische Studien). In unserem diesjähigen Kalendar “Lebenszeichen” zeigt uns der Monat Mai einen Einstieg in weitere kurdische Literatur.

Seit der Antike wurde die kurdische Literatur mündlich in Form von Liedern und Erzählungen (zum Beispiel Meme Alan) überliefert. In der jüngeren Geschichtehaben die politischen Bedingungen, die Verteilung der Kurden auf mehrere Länder (Türkei, Iran, Irak, Syrien, Armenien) sowie die alltägliche Repression in diesen die Entwicklung der kurdischen Literatur zum Teil stark behindert. Auch heute noch wird sie eingeschränkt oder sogar verboten. Nur im Irak konnte sich die kurdische Literatur in einer kurzen friedlichen Periode nach dem Ersten Weltkrieg einigermaßen entfalten (unter anderem Refik Hilmi oder Tewfik Wehbi), auch in der ehemaligen Sowjetunion konnten einige kurdische Schriftsteller ihre Werke veröffentlichen (z.B. Emine Evdal).

Die Türkei jedoch, wo die meisten Kurden leben, ist ein besonders krasses Beispiel für die Unterdrückung der kurdischen Sprache. Bei seiner großen Schriftreform 1929 hatte Republikgründer Attatürk bestimmt, mit welchen Buchstaben Türkisch von nun an geschrieben werden müsse. Und nebenbei verbot er alles andere. Obwohl das Verbot eigentlich nur für das Türkische gedacht war und die alte, aus dem arabischen abgeleitete osmanische Schrift verdrängen sollte, wird es heute von der türkischen Justiz auch als Mittel zur Unterdrückung des Kurdischen gebraucht.

Dennoch: das Erbe kurdischer Literatur wird lebendig gehalten, gerade durch in Europa lebende Kurden wie Feryad Omar. Und die Entwicklungen unter dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und in Irakisch-Kurdistan sind zarte Pflanzen der Hoffnungen, dass die kurdische Literatur und Sprache bald wieder aufblühen wird. Kleine Kostprobe gefällig? So vom Poeten und Mystiker Melaye Ceziri (*1570, gest. 1640), der in der heutigen Provinz Dirnak geboren wurde. Er schrieb Gedichte über Sufismus und Liebesgedichte:

“Die Söhne der Weisen, die allmorgendlich in der Dämmerung
Wein verkaufen, gehen zum Tanz.
Die Trinkenden, die Glas für Glas leeren, bleiben nahe am Ufer.
die geflochtenen Haare einiger Mädchen duften nach Ambra,
die anderen zeigen ein sanftes Braun.
Und noch andere strahlen wie Sterne am Himmelszelt.

Es ist eine Blonde darunter, mit reichlicher, schimmernder Haarpracht, mit
Feengesicht und Wangen wie Perlen.
Und als ich die Welt so sah, verlor ich die Geduld und meine Ruhe.
Sie hat mir die Geduld und die Ruhe geraubt und so mein Innerstes aufgewühlt.”

Wer mehr über kurdische Literatur erfahren möchte, ist beim Institut für kurdische Studien in Berlin gut aufgehoben, dort werden kurdische Lehr-, Schul- und Wörterbücher und mehrere Gedichtsbände verfasst und angeboten. Feryad Fazil Omar plant auch eine kleine kurdische Literaturgeschichte. Da ist der GfbV-Kalender ja ein guter erster Einstieg. Des Weitern bietet natürlich auch Wikipedia wertvolle Informationen.


Antworten

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Ulrike Beudgen. Ulrike Beudgen said: GfbV Berlin – der Blog – Kurdisch – verfolgte Sprache, verdammte Buchstaben http://bit.ly/ckdhD9 | auch für #iranelection :-) [...]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.