In diesemm Blog besprach ich bereits die beiden Bände “Palästina” und “Bosnien” vom mehrfach ausgezeichneten Zeichner und Mitbegründer des Graphic Novels Joe Sacco. Liest man diese Bände, weiß man, dass Comics sehr wohl Menschenrechtsthemen auf hintergründige und künstlerisch anspruchsvolle Art und Weise beschreiben können. Auch Rutu Modans “Blutspuren” nähert sich dem Nahostkonflikt über den zeichnerischen Ansatz. Jetzt erschien Joe Saccos “Gaza”, bei dem er vor dem aktuellen Hintergrund der zweiten Intifada historische Ereignisse aus 1956 beleuchtet: die Massaker von Chan Yunis und Rafah. Wenig überraschend ist Gaza leider nun wieder ein aktueller Anlass, sich mit dem Thema auseiander zu setzen.
Sacco beschreibt in seiner Einleitung von den Problemen, diese historischen Ereignisse überhaupt zu recherchieren. Er beschreibt auch die Reaktion vieler junger Palästinenser, die aufgrund der immer wiederkehrenden blutigen Konflikten darüber wundern, dass er sich für ein fünfzig Jahre altes Ereignis interessiert. Saccos Verdienst ist es auf jeden Fall, die eigene Subjektivität, die schwierige Puzzle-Arbeit bei den Recherchen und die Wertigkeit von fünfzig Jahre alten Erinnerungen der Augenzeugen aufzuzeigen. Besonders wichtig erscheint mir daher auch der den Band abschließende Dokumenten-Anhang, in dem er neben diversen Interviews auch UN-Dokumente und Auszüge aus israelischen Archiven anführt. Diese sollten vorab gelesen werden, damit die folgende Geschichte Saccos Recherchereise besser verstanden werden kann.
2004 macht sich Sacco im Gaza auf die Reise in die Vergangenheit. Er recherchiert ein Massaker von 1956, das heute nur noch als Randnotiz, als “Fußnote der Geschichte” in Pressearchiven zu finden ist. Die Schilderung dieser Ereignisse ist eine Art Blauprint für das, was heute passiert. Immer wieder flechtet der Autor aktuelle Ereignisse und Erfahrungen in die Geschichte ein – so wenn israelische Bulldozer palästinensische Häuser nierderreißen. Sacco interviewt dabei Guerillas verschiedener Generationen, von den Fedayeen der 50er Jahre bis hin zu den Kämpfern in beiden Intifadas und den »Volkskomitees«. Was ich an diesem Band faszinierend finde, sit die Ausgewogenheit: so lässt Sacco auch von der Gegenseite Menschen zu Wort kommen, beispielsweise den engsten Mitarbeiter von Moshe Dayan oder israelische Veteranen.
Letztlich ist dieser “Graphic Novel” nichts für schwache Nerven. So wird dem Leser einiges abverlangt, wenn bei Massakern Leichenberge sich türmen. Was tief schockiert, ist die Authenzität der Bilder. Der Leser weiß so: es ist so passiert und nicht anders. Sacco gelingt dabei ein seltener Coup: er setzt die individuellen Schicksale und Leidenserfahren mit der großen, weiten Politik in Beziehung. So bindet er das Handeln des damaligen ägyptischen Präsidenten Nassers mit ein – gerade deswegen sind die Footnotes inhaltlich so anspruchsvoll. Denn ansonsten bringt man sehr leicht die Ereignisse von 1948, 1956 und 1967 durcheinander. er
Letztlich laden die “Footnotes” lädt zur Identifikation ein, was dem Leser viel Anteilnahme abverlangt. Der hoch anspruchsvolle künstlerische Stil stellt eine weitere Herausforderung da. Inhaltlich zeigt Sacco, wie widersprüchlich die vorhandenen Berichte sind zu den Ereignissen von 1956, gerade angesichts der Suez-Krise.
Mit seinen Reisen nach Khan Younis und Rafah zeigt Sacco aber auch, wie gegenwärtig, wie aktuell Geschichte ist und wie desillusioniert die heutige palästinensische Jugend ist, die angesichts ständiger Unterdrückung und Perseptivlosigkeit fast schon zynisch ist.
Am Ende bleibt unklar, was wirklich damals im November 1956 passiert ist. Doch vielleicht hilft dieser fantastischer Graphic Novel, das heutige Leiden der zivilen Bevölkerung besser zu verstehen und das heutige Erlebnis nicht zu Fußnoten verkommen zu lassen.
Dieser spannende Comic erschien in der Edition Moderne, die es sich dankenswerter Weise zur Aufgabe gemacht hat, hohe zeichnerische und inhaltliche Qualität auf den deutschsprachigen Markt zu bringen. Dieses Comic ist anspruchsvoll, verlangt dem Leser neue Lesegewohnheiten und schweren Tobak ab, ist aber trotztdem sehr zu empfehlen: denn wenn auch der Text mit der Zeit aus der Erinnerung verschwindet, bleiben die erschütternden Bilder hängen. Wenn ich mir nun in der aktuellen Krise in Nahost die deutsche Fernsehberichterstattung ansehe, möchte ich manchmal den jeweiligen “Nahost-Experten” zurufen: Lest Sacco! Lernt von ihm! Denn er zeigt, wie Kriegsberichterstattung mit politischem Journalismus vereinbart werden kann und wie wichtig eine umfassende, selbstreflektierende und selbstkritische Recherche funktioniert. Was mir nach der Lektüre hängen bleibt, ist folgender Eindruck: ein Graphic-Novel ist ein geeignetes Medium, den Nahost-Konflikt darzustellen. Der vordergründig hohe Preis wird durch die exzellente Qualität und den guten Druck gerechtfertigt.





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