Verfasst von: sarahreinke | 12. Dezember 2011

Bolivien: TIPNIS spaltet alle Geister

Autor: Nico Heinzer, 09.12.11

In Bolivien wird weiterhin heftig über den Nationalpark Territorio Indígena y Parque Nacional Isiboro Sécure (TIPNIS) und das geplatzte Straßenbauprojekt diskutiert. Dabei wird die Linie zwischen den verschiedenen Lagern immer verschwommener.

Die Unklarheiten bezüglich des Status der „Unantastbarkeit“ des Gebietes wurden durch ein neues Gesetz beseitigt, welches die Nutzung der Ressourcen in TIPNIS genauer regelt. Demnach dürfen die Anwohner die Ressourcen lokal nutzen, größere Ausbeutung durch Konzerne und Tourismus ist verboten. Ein für die ansässigen Menschen zufrieden stellendes Ergebnis, könnte man meinen. Das strikte Tourismus-Verbot stößt bei der Zentrale der indigenen Völker Benis (CPIB) allerdings auf Unverständnis. Dessen Präsident, Pedro Vare, ließ verlauten, dass Tourismus niemandem schade: „Kommerzielle Projekte sollten nicht verboten werde, solange sie sowohl die Verfassung als auch die indigenen Völker respektieren.“

Währenddessen wollen die Kokabauern den mittleren Abschnitt der Straße durch das indigene Gebiet hindurch trotz des Baustopps forcieren. Von Seiten des Vertreters der Kokabauern der tropischen Gebiete Cochabambas, Julio Salazar, heißt es, dass der Straßenbaustopp nur den Willen einer unlegitimen Minderheit der Parkbewohner repräsentiere und dass das Schutz-Gesetz von TIPNIS dessen „eigentlichen Besitzern, die vor Ort leben, nichts bringt.“ Der bolivianische Präsident, Evo Morales, der den Straßenbau nach Protesten von Tiefland-Indigenen selber gestoppt und das Gebiet als unantastbar deklariert hatte, animierte derweil die Kokabauern und auch Indigene, die gegen das Schutzgesetz protestieren, in ihrem Kampf. So traf er gestern Bewohner einer indigenen Gemeinde in TIPNIS, welche die Straße als modernen Fortschritt willkommen heißen. Er beließ die Entscheidung für oder gegen die Straße durch TIPNIS den Indigenen und sicherte dabei die vorbehaltlose Bereitstellung der für den Straßenbau nötigen finanziellen Mittel durch die Regierung zu.

In Cochabamba findet heute Freitag, den 09.12.11, eine Demonstration gegen den Straßenbaustopp statt. Allerdings gehen die Meinungen der Straßenbefürworter auseinander, was den genauen Streckenverlauf angeht. Während vor allem regierungsnahe Organisationen eine alternative Route um TIPNIS herum kategorisch ausschließen, fordern andere, wie zum Beispiel die Föderation des Autotransports Cochabamba, eine Umgehung des geschützten Gebiets. Um diese Forderung deutlich zu machen, werden einige Organisationen, die den Straßenbau grundsätzlich unterstützen, nicht zur heutigen Demonstration erscheinen. Dazu gehört unter anderem die Bolivianische Gesellschaft der Ingenieure (SIB).

Die Frage nach den Gegnern und Befürwortern der Straße durch TIPNIS hindurch lässt sich längst nicht mehr an der Dichotomie Indigene/Kokabauer aufhängen. Sowohl unter den Parkbewohnern als auch unter den Straßenbefürwortern herrscht Uneinigkeit über das Thema. Das Terrain ist zunehmend komplexer geworden.

Während weiterhin darüber diskutiert wird, ob der mittlere Abschnitt der Straße durch TIPNIS hindurch oder darum herum führen soll, wird am ersten und dritten Streckenabschnitt indes eifrig weitergebaut. Zwar werden alternative Routen für den mittleren Abschnitt um das Schutzgebiet herum aussondiert. Doch die Bolivianische Straßenbau-Administrative (ABC) hat bis jetzt noch keine Anweisung bekommen, die Bauarbeiten einzustellen. So bahnen sich zwei zunehmend asphaltierte Schlangen von Norden und Süden unaufhaltsam ihren Weg durch den Urwald in Richtung des grünen Herzens des indigenen Territoriums. Es bleibt zu hoffen, dass sie die Kurve zu einer für alle zufrieden stellenden Lösung rechtzeitig kriegen.


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