„Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo“ – das Tagebuch Zlata Filipovic

Dieser Tage fand ich in meinem Lieblings-Buchladen ein interessantes Buch, das ich sofort kaufte: Zlata Filipovics „Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo“. Was mir als erstes auffiel: sie hat genau am gleichen Tag Geburtstag wie ich, wir sind also gleichalt. Der Bosnien-Krieg hat mich damals politisch sozialisiert und zur Menschenrechts-Arbeit bewogen. Zu dieser Zeit machte sich die GfbV ja auch um Srebenica verdient.

In ihrem Tagebuch beschreibt Filipovic das erste Jahr Bürgerkrieg. Beginnen tut sie noch in der friedlichen Zeit, berichtet von Tagesausflügen in die umliegenden Berge, von dem denkmalgeschützten Haus, das ihre Eltern und Großeltern liebevoll saniert haben, den Garten voll mit Obstbäumen, von ihren Erfolgen an der Schule, vom Musik-Unterricht. Sie erzählt aus einer sehr einfachen Sicht, wie dann der Krieg ausbrach – und sie nicht verstehen konnte, was „die da oben“ eigentlich wollen. Sie erkennt aber sehr schnell, das sie und ihre Familie und ihre Freunde den Preis „der da oben“ bezahlen müssen.

Im Dialog mit ihrem Tagebuch beschreibt Filipovic, wie sich der Krieg auf ihren Alltag auswirkt: so können sie nur noch in einer Ecke des Wohnzimmers schlafen, das von den Fenstern nicht einsichtig ist. Warum das wichtig ist? Weil der „benachbarte“ Heckenschütze ansonsten „alles wegpusten“ kann. Dieser mit Spitznamen versehene Heckenschützer erschießt dann auch einen Nachbarn im Hof. Und all das, was für mich damals zu Hause selbstverständlich war – Duschen, Kaffee zum Frühstück, Warmwasser, Heizung, zur Schule gehen – galt eben nicht für Zlata Filipovic. Sie berichtet begeistert, wenn mal wieder Strom war, wie der Vater stückweise die Möbel zerhackte und im Ofen verfeuerte, das Wasser tief in der Nacht für ein paar Stunden angestellt wurde. Und sie zeigt, wie solche ansonsten selbstverständlichen Dinge des Lebens bemerkenswert werden.

Darüber hinaus beschreibt sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus, wie abstruss die ganze ethnische Trennung des Vielvölkerstaates war und ist: für sie, ihre Familie und viele Nachbarn war es egal, ob der eine Serbe, Kroate oder Muslim ist. Man hat ja gemeinsam alle Familienfeste gefeiert, sich gegenseitig zu den religiösen Festen gratuliert und geheiratet, wen man wollte, die Ethnie spielte keine Rolle – doch „von einem auf den anderen Tag“ wird alles anders.

Eine leicht zu lesende Autobiographie, die ich jenen empfehlen kann.

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