Australien: Entschuldigung für verlorene Kindheiten

Gestern entschuldigte sich der australische Premierminister Kevin Rudd im Parlament in Canberra offiziell für die jahrzehntelange Misshandlung von Kindern in Waisenhäusern. Australien bereue „die Tragödie verlorener Kindheiten“, sagte Rudd. Anwesend waren viele der sogenannten „Vergessenen Australier“, die als Kinder ohne ihre Zustimmung von Europa nach Australien zwangsverschickt wurden.

Zwischen den 1930er und 1970er Jahren wuchsen schätzungsweise 500.000 Kinder in staatlichen und kirchlichen Heimen in Australien auf. Allein aus Großbritannien wurden bis ins Jahr 1967 nahezu 150.000 Kinder im Alter zwischen drei und 14 Jahren vor allem in die damalige Kolonie Australien deportiert – angeblich um ihnen dort ein besseres Leben zu ermöglichen. Viele der Kinder wurden von Amts wegen alleinstehenden Müttern weggenommen oder sie wurden aus armen Familien ohne Einverständnis der Eltern herausgerissen. In vielen Fällen hatte man den Eltern vorgelogen, dass ihre Kinder von wohlsituierten Mittelklassefamilien in England adoptiert worden seien. Den Kindern wurde gesagt, dass ihre Eltern gestorben seien. Die beteiligten Behörden in England und in Australien unternahmen alles Menschenmögliche, um zu verhindern, dass Kinder und Eltern sich wieder finden konnten. Dazu gehörte die Praxis, Geschwister bei der Ankunft in Australien voneinander zu trennen. Mit den Kinder-Deportationen entledigte man sich auf der einen Seite einiger Sozialfälle und auf der anderen Seite sollten in den Kolonien „weiße Briten“ angesiedelt werden.

In den Heimen wurden die Kinder und Jugendlichen häufig körperlich, seelisch und sexuell misshandelt. Laut einer Studie des australischen Senats aus dem Jahr 2004 mussten viele der „Vergessenen Australier“ in den Heimen Zwangsarbeit, Vernachlässigung und Erniedrigungen erdulden. Essen, Bildung und medizinische Versorgung wurden ihnen oft vorenthalten. Einige erfuhren nie die Namen ihrer Eltern oder Geschwister; manche Kinder wurden nur mit einer Nummer bezeichnet. Der Untersuchung zufolge flüchteten sich viele der Heimkinder später in Alkohol und Drogen, die Selbstmordrate unter ihnen ist ungewöhnlich hoch. Einige Opfer befinden sich noch immer in Gefängnissen oder psychiatrischen Einrichtungen.

Am 13. Februar 2008 hatte sich der australische Premierminister Rudd bei den Ureinwohnern des Landes, den Aborigines, entschuldigt, deren Kinder in den Jahren von 1910 bis 1970 mit Gewalt aus ihren Familien gerissen und zwangsweise in Heimen oder in Pflegefamilien untergebracht worden waren. Ebenfalls entschuldigen will sich der britische Premierminister Gordon Brown Anfang nächsten Jahres für die frühere Politik der Deportation von Kindern nach Australien, Südafrika und Kanada.

Weder die noch lebenden Angehörigen der „Gestohlenen Generation“, noch die „Vergessenen Australier“ wurden bisher für das ihnen zugefügte Leid finanziell entschädigt. Die australische Regierung sollte den Worten nun auch Taten folgen lassen.

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