China besser verstehen mit Liao Yiwu

Text: Hanno Schedler

China ist zwar jetzt Export-Weltmeister, die Meinungen seiner Zivilgesellschaft nach außen tragen helfen möchte das Regime aber auch weiterhin nur ungern (über die Repressionen gegen chinesische Schriftsteller berichteten wir u.a. hier und hier). Aus einem gestern veröffentlichten Brief:

„Liebe Frau Merkel,

ich grüße Sie aus der Ferne. Mein Name ist Liao Yiwu, ich bin chinesischer Schriftsteller, ich schreibe über die Benachteiligten in unserer Gesellschaft.“

Liao Yiwu, Autor, Journalist und Musiker, wurde neulich an der Ausreise aus China für eine Teilnahme am Literaturfestival Lit Cologne gehindert. Das Gleiche war ihm schon im letzten Herbst widerfahren, als er zur Frankfurter Buchmesse hatte fahren wollen, bei der China als Ehrengast geladen war.

In seinem im S. Fischer Verlag auf Deutsch erschienenen Gesprächsband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ hat Liao Yiwu 29 Interviews mit Menschen versammelt, die es schwer haben. Da sind zum Beispiel der Falun-Gong-Anhänger, die Bardame, der Klomann, der Trauermusiker, der Menschenhändler oder der ehemalige Funktionär und Bankdirektor Wan Baocheng, der am 4. Juni 1989 von einem Hotelzimmer in Peking aus mitbekam, wie die Armee das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens verübte: „Auf der Kreuzung stand alles bis an die Zähne bewaffneter Truppen, sie hatten Stahlhelme auf, und ein paar Minuten zuvor war ein Panzer über die Kreuzung gerast. Ich bekam mit, wie ein Soldat der Volksbefreiungsarmee einen jungen Kerl anbrüllte: ‚Stehen bleiben!’ Der Junge war ganz durcheinander und nahm dann die Beine in die Hand. Der Soldat gab mit seinem Sturmgewehr aus der Hüfte heraus, mit einem Arm, da-da-da, eine Salve ab, der Kleine fiel vornüber und blieb dann reglos auf dem Boden liegen.“

Wan Baocheng, der ehemalige Bankdirektor und Parteihörige erzählt Liao Yiwu, wie er auf das Gesehene reagierte:„Ich setzte mich an den Schreibtisch, nahm einen Stift und ein Blatt Papier und schrieb. Früher hatte ich Resümees geschrieben, Berichte und Projekte, aber diesmal beschrieb ich die Szene, die ich gerade mit eigenen Augen miterlebt und die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Und ich beschrieb diese Szene so gut, dass es mich selbst zu Tränen rührte. Ich dachte ganz naiv, ich hätte mit Politik nichts zu tun, aber die Kommunistische Partei müsse rechtschaffen sein, eins war eins und zwei war zwei, ich hatte lange in der Wirtschaft gearbeitet und wusste, was man nur gehört hatte, bedeutete gar nichts, nur was man mit eigenen Augen gesehen hatte, war wirklich.“

Nachdem Wan Baocheng das Aufgeschriebene verteilt hatte, wurde er schließlich als „Konterrevolutionär“ vor Gericht gestellt und zu vier Jahren Haft verurteilt: „Ich konnte nur zugeben, dass durch mein Verhalten das Ansehen der Partei und des Staates Schaden genommen hat. Was die ‚Tatsachenverfälschung’ und die ‚Verbreitung von Gerüchten’ anging, so war das eine reine Verleumdung meiner Person. Bevor ich in den Knast kam, dachte ich noch Konterrevolutionäre seien so, wie es in den Romanen steht: eine kleine Gruppierung, die nur Böses im Schilde führt und von der Restauration des Kapitalismus träumt. Aber als ich dann drin war, gingen mir die Augen auf. Diese sogenannten ‚Politischen’ waren an Normalität nicht zu überbieten.“
Liao Yiwu ging es nach dem Massaker ganz ähnlich. Er veröffentlichte er einen Gedichtband über die Verbrechen und kritisierte, dass die chinesische Armee mit Panzern und Gewehren gegen Demonstranten vorging, die für mehr Demokratie und Mitspracherechte auf die Straße gegangen waren. Wie Wan Baocheng wurde Liao zu vier Jahren Haft verurteilt.

Er ist ein gewitzter Gesprächspartner, der den Ausgefragten faszinierende Einblicke in ihr Leben und Chinas Entwicklung während der letzten Jahrzehnte entlockt.

China von unten und innen gesehen. Man kann den Autor auch selbst interviewt lesen (Deutsch) oder sehen (Englisch).

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