Die kurdische Sprache heute – ein Interview mit Feryad Fazil Omar

Das Kurdische ist eine nordwest-neuiranische Sprache innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie. Über 30 Millionen Menschen sprechen Kurdisch. Feryad Omar ist Präsident des Instituts für kurdische Studien in Berlin und hat Pionierarbeit geleistet – wie beispielsweise mit den Lehr- und Wörterbüchern Kurdisch-Deutsch. Hier ein Interview, dass in der GfbV-Jubiläumsausgabe zum vierzigjährigen Bestehen der GfbV abgedruckt wurde und das Sarah Reinke führte:

GfbV: „Welche sind die wichtigsten Dialekte der kurdischen Sprache und wie entstanden sie?“

Feryad Omar: „Die kurdische Sprache besteht aus drei Hauptdialektgrupen: Nordkurdisch (Kurmanci), Zentralkurdisch (Sorani) und Südkurdisch (Gorani, Zaza und einige Luri-Mundarten). Diese Hauptdialektgruppen lassen sich wiederum in eine Reihe von Nebendialekten untergliedern. Darüber hinaus ist es sicher nicht übertrieben zu sagen, dass in Kurdistan jeder Stamm oder jedes abgelegene Tal mit einigen Dörfern seine sprachlichen Besonderheiten aufweist.“

GfbV: „Sind die Dialekte auch Schriftsprachen, gibt es eine Literatur in diesen Dialekten?“

Feryad Omar: „Ab Mitte des 14.Jahrhunderts gab es verschiedene kurdische Fürstentümer, die zum größten Teil unabhängig vom Osmanischen Reich und safawidischen Reich regiert wurden. So entstand das Fürstentum Erdelan auf dem Gebiet des heutigen Südkurdistans (Kurdistan/Iran). Dort entwickelte sich der Dialekt Gorani, insbesondere Hewrani, zur Literatursprache des Kurdischen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es namhafte Schriftsteller, die in diesem Dialekt schrieben, wie Mela Pereschan, Seyday Hewrami, Mewlewi Tawegozi. Fast gleichzeitig entwickelte sich in der Gegend von Hakkari, Cizre und Botan im heutigen Nordkurdistan (Türkei) unter der Herrschaft der Fürstentümer Hakkari und Botan das Nordkurdische (Kurmanci) als Schriftsprache. Die berühmtesten Schriftsteller sind Eli Heriri im 15.Jahrhundert, Scheich Ehmed Ceziri im 17. Jahrhundert – bekannt als Melay Ceziri – und Ehmedi Xani.

Am Anfang des 19.Jahrhunderts, nach Gründung der Stadt Silemani (Suleimania) als Hauptstadt des Fürstentums Baban, war der Gorani-Dialekt zwar immer noch Schriftsprache, parallel dazu wurde jedoch auch das Zentralkurdische, besonders die Mundart von Silemani, zur Schriftsprache.

GfbV: „Warum kam es zur Verwendung unterschiedlicher Schriften? Das Nordkurdische verwendet die lateinische Schrift, die anderen Dialekte die arabische?

Feryad Omar: „Die kurdische Literatur zeigt uns, dass bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur in arabisch-kurdischer Schrift geschrieben wurde. Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es Bemühungen, die kurdische Sprache mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets zu schreiben. Besonders 1932, als die Brüder Bedirkan, Jeladet und Kamuran das lateinische Alphabet erarbeitet hatten und die Zeitschrift Hawar (1932 – 1943) und Ronahi (1942 – 1945) herausgaben, wurde die lateinische Schrift verwendet. Nordkurdisch (Kurmanci) wird aber nicht nur in lateinisch-kurdischer Schrift geschrieben. Es gibt auch Kurmanci-Sprecher im Irak und Iran, die – wie die Sorani-Sprecher – mit dem modifizierten arabisch-kurdischen Alphabet schreiben.“

GfbV: „Auf welche besonderen Schwierigkeiten sind Sie bei der Zusammenstellung Ihrer Wörterbücher gestoßen?“

Feryad Omar: „Es war nicht einfach, in Europa kurdische Literatur zu sammeln, die für die Ausarbeitung der Wörterbücher nötig war. Für die Wörterbücher haben wir die gesamte überlieferte kurdische Literatur der letzten vier Jahrhunderte berücksichtigt. Die Feldforschungen waren problematisch und teils sogar lebensgefährlich. Viel Arbeit zog auch unsere Entscheidung nach sich, Nordkurdisch/Kurmanci nicht nur in lateinisch-kurdischer Schrift, sondern auch in arabisch-kurdischer Schrift aufzunehmen. Das Gleiche gilt auch für unser Sorani-Wörterbuch. Dadurch konnten wir alle Kurden erreichen, und das war uns besonders wichtig.“

GfbV: „Ihr Ziel ist es, eine Reihe von vier Wörterbüchern vorzulegen. Gerade kam nach dem Sorani- und dem Kurmanci- auch das dritte Wörterbuch zum Südkurdischen heraus – wo wird dieser Dialekt gesprochen?“
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Feryad Omar: „Das Südkurdische ist ein Sonderfall. Es umfasst Gorani, Zaza und Luri. Während Gorani wie gesagt fast fünfhundert Jahre lang Schriftsprache der Kurden war, war Zaza in der Vergangenheit nie eine Schriftsprache. Seit Anfang der 1920er Jahre wird behauptet, die Sprecher der Zaza und Gorani seien keine Kurden.

Kurdische Historiker, Literaturwissenschaftler und Philologen waren jedoch immer der Meinung, dass diese Dialekte der kurdischen Sprache angehören un dkeine neuiranischen Sprachen sind. Das Südkurdische, das aus den verschiedenen Dialekten besteht, hat als Heimat ursprünglich die Provinz Kermanshah und ihre weitere Umgebung. Zaza hingegen wird heutzutage hauptsächlich in den Provinzen Erzincan, Dersim (Tunceli), Bingöl, Elazig und nordwestlich von Dyarbakir gesprochen. Wir wissen, dass diese Dialekte zwar ihre Besonderheiten in der Morphologie und Syntax haben. Aber auch das Arabische ist sehr heterogen und besteht aus vielen Dialekten wie z.B. dem Syrischen, Libanesischen und dem Algerischen. Im deutschen Sprachgebiet spricht man Bayrisch oder Sächsisch und sagt nicht, dass das eigene Sprachen wären.“

GfbV: „Wie wurden Ihre Wörterbücher von den Kurden in Deutschland aufgenommen?“

Feryad Omar: „Sehr positiv! sie berücksichtigen die für das Kurdische modifizierte arabische Schrift und die lateinische Transkription. Menschen, die nur eine der beiden Schriften kennen, können die Wörterbücher also nutzen. Sehr wichtig ist, dass sie den Kindern der Kurden in Deutschland Zugang zu ihrer Sprache, Kultur, Tradition und Literatur ermöglichen.“

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Ein Gedanke zu “Die kurdische Sprache heute – ein Interview mit Feryad Fazil Omar

  1. Sehr geehrter Herr Faryad,

    vor eineger Zeit haben wir drei Bücher bestellt von der drei fällt noch das Wörterbüch.

    Frage: wann bekommen wir es oder ist es noch nicht fertig?

    Nur zur Erinnerung

    Vile Grüße

    Botan Omar

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