International ausgezeichneter Dokumentarfilm “Burma VJ”

Text: Myriam Pechan

Im September 2007 rückt Burma mit einem Schlag aus der Vergessenheit ins Bewusstsein und in die Medien der Weltöffentlichkeit: Hunderttausende demonstrieren von Mönchen angeführt in der Hauptstadt Rangun gegen das Militärregime. Mehrere Tage lang gehen sie auf die Straße, bis die Protestbewegung brutal niedergeschlagen wird.

Noch unbemerkt von der Welt, gärt es in Burma im Sommer 2007. Als die Junta im August die Gas- und Benzinpreise verdoppelt, wächst die Not und die Wut der Menschen. Denn das Land ist reich an Bodenschätzen, aber die Bevölkerung ist arm.

Angesichts des Leids der Menschen sehen die Mönche, die sich sonst nicht um weltliche und politische Belange kümmern, es als ihre Pflicht an Partei zu ergreifen. Sie organisieren sich, sammeln sich an der goldenen Schwedagon-Pagode und veranstalten einen friedlichen Marsch durch die Stadt. Er beginnt klein, wächst aber stetig. Tag für Tag beteiligen sich mehr an den Protesten. Zehntausende Menschen brechen ihr Schweigen, überwinden ihre Angst und schließen sich an. Lautstark hallen bald die Parolen, Forderungen und Gebete durch die Stadt. Sie fassen sich an den Händen, bilden Menschenketten, klatschen. Unter den Mönchen, Nonnen und Bürgern Ranguns wächst die Solidarität und Zuversicht. Jubel schwingt mit, Ärger vermischt sich mit Aufbruchsstimmung: jetzt muss, jetzt wird sich hier etwas ändern!

Seit dem Beginn der Demokratiebewegung in den 1980er Jahren hat es so etwas nicht mehr in Burma gegeben. Damals lehnten sich die Studenten gegen das Regime von Ne Win auf, in diesem Tagen steht Than Shwe an der Spitze. Mehr hat sich kaum verändert. Mit der Machtübernahme der Generäle 1962 regieren im südostasiatischen Vielvölkerstaat Zensur, Armut, Menschenrechtsverletzungen, Isolation und (Waffen-) Gewalt. Die Regimekritik, wie sie in jenen Tagen laut wird, gleicht der vor 20 Jahren.
Das Unerwartete ist die geschlossene Präsenz der Mönche, die eine gewichtige Kraft und Autorität im mehrheitlich buddhistischen Burma darstellen. Die Mönche (ohnehin schon Respektpersonen) werden zu Hoffnungsträgern und Anführern. Die leuchtende Farbe ihrer Roben gibt dem historischen Ereignis vom September 2007 seinen Namen: Die Saffron-Revolution. Die Mönche fordern Freiheit für die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi (auch unter den Geistlichen ist sie zu einer Ikone geworden), die Freilassung der politischen Gefangenen, die Verbesserung der Lebensumstände. Das Regime wird nervös, ist aber nicht zu einem Dialog bereit. Leider wird sich das blutige Ende der Revolte von 1988 durch das Militär wiederholen. Trotz der Maßnahmen des Regimes (Ausgangsperren und Versammlungsverbot) protestieren die Menschen weiter. Am 26. September geht das Militär mit Tränengas und Prügel gegen die Demonstranten vor. Ein Sitzstreik wird brutal aufgelöst, das Militär schießt in die Menge. Es gibt es Tote, Verletzte und Verhaftete. In der Nacht werden Klöster gestürmt, hunderte Mönche werden verhaftet.
Dies ist die eine, wahre und traurige Geschichte, die der Film Burma VJ – Reporting from a closed country erzählt. Aber er handelt auch noch von einer anderen, einer wahren und mutigen Geschichte.

Die Bilder der Massendemonstrationen gehen um die Welt. Dass es Bilder davon gibt, ist der Entschlossenheit und dem Einsatz junger Burmesen zu verdanken. Das Filmmaterial, welche die Tagesschau oder BBC ausstrahlen, stammt von einer Gruppe couragierter Video-journalisten, die sich im Untergrund zur „Democratic Voice of Burma“ (DVO) rekrutiert hat. Das Netzwerk aus 30 Reportern hat sich der Aufgabe verschrieben, trotz des hohen Risikos gesehen, verhaftet oder gefoltert zu werden, zu dokumentieren, was ungesehen bleiben soll. Von Rangun, Thailand oder Oslo aus kämpfen sie mit Medien gegen die „Unsichtbarkeit“ der Verbrechen der Junta.
Bewaffnet mit kleinen (Handy-) Kameras filmen sie unerschrocken und undercover die Ereignisse in einem nach außen geschlossenen Land. Oft können sie nur wenige Minuten filmen, durch den Stoff ihrer Tasche hindurch. Wacklige Videobilder, unter Lebensgefahr aufgenommen und via Satellit und Internet ins Ausland geschmuggelt, berichten hautnah von den erschütternden Ereignissen des Septembers 2007.
Von Mut erzählt der Film im doppelten Sinne, denn er er-mutigt uns mit der Tatsache: Trotz strenger Zensur und Ausgrenzung ausländischer Journalisten gibt es Augen, Ohren, Kameras; trotz Repression Zivilcourage.

Ungeschönt rekonstruiert der dänische Regisseur Anders Ostergaard die Geschehnisse in Burma im August/September 2007 aus Sicht der Democratic Voice of Burma-Journalisten. Der Großteil des Films setzt sich aus ihrem Videomaterial sowie aus persönliche Eindrücken, Kommentaren und nachgespielten Szenen zusammen. Einige der DVB-Reporter sind bis heute in burmesischen Gefängnissen oder im Exil.

Über 30 internationale Preise hat der Film schon gewonnen, u. a. den Joris Preis, den Movie That Matters-Preis beim Amsterdam International Documentary Film Festival und zählt auch beim Sundance Filmfestival 2009 zu den Gewinnern.
Außerdem ist „Burma VJ“ für den diesjährigen Oscar in der Kategorie „Best Documentary Feature“ nominiert worden. Die Hoffnungen auf den Oscar, der am 07. 03. 2010 verliehen wird, stehen gut, schreibt The Irrawaddy.

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