In russischer Haft: Für Nordkaukasier fast ein Todesurteil

Uns liegen zahlreiche Beispiele von Inguschen und Tschetschenen vor, die in Prozessen zu Haftstrafen verurteilt werden, in denen fingierte Beweise, unter Folter erpresste Geständnisse und Denunziation an der Tagesordnung sind. Ein besonders schlimmer und tragischer Fall ist jener von Zjalmach Kodzoev. Kodzoev ist in Inguschetien ein bekannter Name. Zjalmachs Vater, Issa Kodzoev war während der Sowjetzeit ein wichtiger Dissident und weiter in der politischen Opposition engagiert als Inguschetien schon eine Republik innerhalb der Russischen Föderation war. Kodzoev ist als Schriftsteller und Autor von über 20 Büchern jedoch noch bekannter denn als Politiker.


Als Sechsjähriger hat er die kollektive Deportation der Inguschen und Tschetschenen nach Sibirien und Zentralasien miterlebt. Elf Familienmitglieder waren damals deportiert worden. 1956 kehrte er alleine zurück nach Inguschetien, dort wurde er Lehrer, 1963 wurde er vom KGB wegen „anti-sowjetischer Propaganda“ verhaftet und vier Jahre lang im Lager „Mordovij“ eingesperrt, genau am selben Ort, wo nun sein Sohn eine 24-jährige Haftstrafe absitzt. Zwischen 1967 und 1988 arbeitete Kodzoev als Lehrer und Schriftsteller. Er gründete dann mit Gleichgesinnten eine Bewegung zur demokratischen Reform Inguschetiens, die jedoch niemals anerkannt, sondern immer verfolgt wurde.

Sein Sohn Zjalmach wird beschuldigt, 1998 einen inguschisch-ossetischen Polizeiposten angegriffen zu haben. Dafür wurde er zu 24 Jahren Haft verurteilt. Führende Menschenrechtler, sowie auch die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkowskaja sind davon überzeugt, dass alle Beweise gegen Zjalmach Kodzoev fingiert waren, dass die Aussagen im Prozess unter Folter erzwungen wurden und Zjalmach niemals an diesem Anschlag beteiligt war. Der Häftling selbst beteuert bis heute seine Unschuld. Im Frühling 2005 wurde der jüngste Sohn von Issa Kodzoev, Iznaur, während einer Polizeioperation getötet, obwohl er von offiziellen Stellen nach dem Sturm auf die Schule in Beslan (2004) für tot erklärt worden war.

Issa Kodzoev ist mittlerweile ein alter Mann, der sich jedoch immer noch an der politischen Diskussion beteiligt. Erst Ende Januar dieses Jahres wurde eine Zeitschrift (Kommerstant-Vlast) wegen des Verdachts auf Extremismus verwarnt, nachdem sie ein Interview mit Issa Kodzoev abgedruckt hatte.

Kodzoev macht sich größte Sorgen um seinen Sohn Zjalmach. Dieser befindet sich aktuell in Mordovji im Lager Nr. 17 Bereich Ozernyj. Er war zuvor in Ischevska festgehalten worden, offiziell wegen Krankenbehandlung. Dort wurde er jedoch nach den Aussagen des Vaters häufig geschlagen, im „Karzer“ (Einzelhaft) festgehalten und gedemütigt. Sobald er in Mordovji ankam, übten die Wärter massiven Druck auf ihn aus und schlossen ihn wieder in den dortigen Karzer ein. Die sanitären Einrichtungen in diesem Lager sind sehr schlecht. Es gibt weder warmes noch kaltes Wasser und die Häftlinge müssen Wasser in Tassen sammeln und sich damit waschen. Auch das Essen soll katastrophal sein.

In fast allen Straflagern gibt es Moscheen oder Möglichkeiten für Muslime, zu beten. Diese sind jedoch nur dafür eingerichtet, damit Kommissionen, die die Lager besuchen, sie sehen können, beten dürfen die muslimischen Gefangenen hier nicht. Zjalmach ist ein tiefgläubiger Moslem, berichtet sein Vater. In der russischen Verfassung sei der Islam nicht verboten. Aber Zjalmach wurde mehrmals bedrängt, seinem Glauben abzuschwören und Christ zu werden. Für seine Weigerung wird er mit Folter und Schlägen bestraft.

Zjalmach ist ein schwer kranker Mann. Er leidet an einer schweren Form von Tuberkulose. Außerdem hat er immer wieder Magengeschwüre gehabt, von einem Unfall blieb ein Hirnschaden zurück. Er braucht dringend permanente medizinische Betreuung. Diese ist unter den Umständen der Haft, in der er zudem schwere Arbeiten verrichten muss, nicht möglich.

Die Familie Kodzoev hat keine Mittel, um einen Rechtsanwalt zu bezahlen, der das Verfahren gegen Kodzoev nochmals aufrollen oder sich zumindest für seine Rechte als Häftling einsetzen würde. Menschenrechtsorganisationen und Journalisten haben in den letzten Jahren viele Fälle dokumentiert, dass muslimische Häftlinge aus dem Nordkaukasus in russischen Haftanstalten und Lagern besonders miserabel behandelt werden. Sie werden regelmäßig geschlagen, gefoltert, von Wärtern und anderen Gefangenen gedemütigt. Eine Vielzahl von Strafverfahren gegen diesen Personenkreis beruhte auf fingierten Beweisen. Dies haben besonders die Organisationen Memorial und „civil assistance“ belegt.

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Ein Gedanke zu “In russischer Haft: Für Nordkaukasier fast ein Todesurteil

  1. Ich persönlich finde Folter extrem schlimm und durch nichts zu rechtfertigen. Allerdings denke ich sind da weniger die Folterer strafrechtlich zu belangen sondern eher die Menschen die das anordnen. Ich habe mich etwas mit dem Milgram Experiment beschäftigt und da kommt ganz klar zum Ausdruck, wie die Menschen manipuliert werden. Gut ich bin erst am Anfang meiner Psychologie Studien, aber die Ergebnisse des Milgram Expirements sprechen einfach für sich.

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