Buchbesprechung: Thorsten Gerald Schneiders

Seit den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 steigen nicht nur in Deutschland die Ressentiments und Vorurteile gegen den Islam und die Muslime. Man findet sie bei Alltagshandlungen und Einstellungen ebenso wie in der Politik und Publizistik. Der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders, der zuletzt am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster tätig war, hat nun mit dem Sammelband „Islamfeindlichkeit“ einen wissenschaftlichen und zugleich politisch hochdifferenzierten Sammelband mit Analysen des Phänomens „Islamfeindlichkeit in Deutschland“ veröffentlicht.

Wie der Untertitel bereits andeutet, lehnt der Herausgeber Schneiders Islamkritik übrigens keineswegs generell ab, sondern findet diese sogar durchaus notwendig. Doch eine konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit der in Deutschland diagnostizierten „Islamfeindlichkeit“ erscheint den Autoren als wichtig, sehen sie darin die Möglichkeit, die Diskussion über die Rolle des Islams in Deutschland zu entkrampfen. Insgesamt 28 Autoren befassen sich in ebenso vielen Beiträgen auf wissenschaftlichem Niveau, aber gut lesbar mit verschiedensten Aspekten des Themas, darunter sind Namen wie Gerdien Jonker, Kai Hafez, Werner Ruf, Dieter Oberndörfer, Heiner Bielefeldt, Navid Kermani, Jochen Hippler, Yasemin Karakasoglu, Siegfried Jäger, Sabine Schiffer, Wolf-Dieter Just und Micha Brumlik, um nur einige zu nennen.

Das Spektrum der Themen reicht von historischen und theologischen Wurzeln in den vergangenen Jahrhunderten hin zu aktuellen Bestandsaufnahmen. Darunter finden sich empirische Grundlagen zur Islamfeindlichkeit und Themen wie Islam an den Schulen, Gewalt an Frauen, Islam und Muslime in den Medien, antiislamische Hassseiten im Internet oder das Verhältnis von CDU und CSU, Evangelischer und katholischer Kirche zum Islam.

Erst die Zusammenstellung der verschiedenen gedanklichen Hintergründe für Islamophobie macht die überraschende Erkenntnis deutlich, dass es für die Islamfeindlichkeit eine sehr große Zahl von sehr komplexen Gründen gibt. Da spielt die Frage eine wichtige Rolle, ob ein „islamisches“ Land wie die Türkei Mitglied in der EU werden kann. Die Kirchen und die politischen Parteien projezieren Stereotypen über den Islam, um innere Spannungen zu überdecken und wenden dabei vielfältige Kunstgriffe der Desinformation und Polemik an. Autoren wie Navid Kermani machen darauf aufmerksam, dass ohne exegetische Ausbildung operierende westliche „Auslegungsexperten“ einzelne Sätze des Korans ohne ihren systematischen Zusammenhang lesen, genauso wie islamistische Fundamentalisten, die ein Zitat für ihre Ideologie brauchen.

Für alle, die sich in dieser Diskussion behaupten wollen, bietet der Sammelband „Islamfeindlichkeit“ nahezu unerschöpfliches Material für eine gut fundierte Argumentation. Schade nur, dass aufgrund dessen, dass das Buch in einem wissenschaftlichen Fachverlag erschienen ist, es wohl kaum auf den Büchertischen der Buchhandlungen neben Broder oder Kelek landen wird.

Dennoch kann man das Buch in einem recht wichtigen Punkt kritisieren: Der größte Mangel des Bandes besteht – trotz der Thematisierung im Untertitel – aber im Fehlen einer klaren Unterscheidung zwischen differenziert-sachlicher Islam-Kritik und hetzerisch-stereotyper Islamfeindlichkeit.

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5 Gedanken zu “Buchbesprechung: Thorsten Gerald Schneiders

  1. Superbuch. Das ist die passende Antwort auf die ganzen Islamhasser. Angesichts so vieler renommierte Experten dürfte es schwer fallen, dem ernsthaft etwas entgegenzusetzen.

  2. Trotz des im letzten Absatz bemängelten „Fehlen[s] einer klaren Unterscheidung zwischen differenziert-sachlicher Islam-Kritik und hetzerisch-stereotyper Islamfeindlichkeit“ wundere ich mich auf einer Internetseite der Gesellschaft für bedrohte Völker eine „Zusammenstellung der verschiedenen gedanklichen Hintergründe für Islamophobie“ insgesamt so günstig besprochen zu finden. Die sachliche Auseinandersetzung mit Behauptungen dadurch zu vermeiden, daß man zur Ablenkung über „Hintergründe“ dieser Behauptungen orakelt, ist zwar unter „Geisteswissenschaftlern“ verbreitet, bleibt aber ein unzulässiger Trick. Diesen Trick versuchen – nach der vorliegenden Besprechung zu urteilen – offenbar auch die Autoren dieser „Zusammenstellung“.

    Allerdings kommt das Buch zu einer ungünstigen Zeit: Was Islam ist wird uns zur Zeit vom „Islamischen Staat“ im Vorderen Orient vorgeführt, und die Behauptung, das habe alles „mit dem Islam nichts zu tun“ ist unhaltbar. Mit anderen Worten: Wer den Islam entgegen allen Beschönigungen nicht in gleicher Weise verabscheut wie den National-Sozialismus, verabscheut letzteren offenbar nicht aus sittlichen, sondern irgendwelchen opportunistischen Gründen.

    • Sehr geehrter Herr Dr. Heger,

      vielen Dank für Ihre Anregung. Die Buchbesprechung ist bereits 2010 auf unserem Blog erschienen. Das heißt, dass das Buch zu einer Zeit veröffentlicht wurde, als es den „Islamischen Staat“ noch nicht gab. Und das Buch ist, wie im Text beschrieben, ein Sammelband mit Analysen des Phänomens „Islamfeindlichkeit in Deutschland“. Die sachliche Auseinandersetzung ist da mit inbegriffen.

      Herzliche Grüße,
      Michaela vom GfbV-Team

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