Die Überzeugungskraft der Buchhalter: Roma- Ausgrenzung kostet Milliarden

Immer wieder berichteten wir in diesem Blog über rassistische Übergriffe gegenüber Roma. Bei unseren vielfältigen Beiträgen entstand eine einge Kooperation mit dem österreichischen Roma-Service, der aus dem Burgenland heraus entstanden ist. Eben las ich dort einen interessanten Beitrag von Roman Urbaner, der die volkswirtschaftliche Komponente der Roma-Diskriminierung beleuchtet. Diesen Artikel möchte ich an dieser Stelle gerne im Wortlaut wiedergeben, weil die Informationen dringend verbreitet werden müssen – denn ich halte es für himmelschreiend ungerecht, Roma aufgrund ihrer Armut als Kleinkriminielle zu stigmatisieren, ihnen aber auch zeitgleich jegliche Entfaltungsmöglichkeiten zu nehmen:

„Die Weltbank hat soeben einen ersten Zwischenbericht zu einer Studie über die ökonomischen Kosten veröffentlicht, die aus der Benachteiligung der Roma-Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt entstehen. Und die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In den von der Politik vernachlässigten Roma-Siedlungen und -Dörfern Mittel- und Osteuropas schlummert ein enormes ökonomisches Potenzial, das zu ignorieren nicht weniger als eine zum Himmel schreiende volkswirtschaftliche und fiskalpolitische Dummheit wäre. Wenn schon nicht das nackte Elend der Menschen Grund genug ist, um entschieden gegen die systematische Benachteiligung eines Großteils der Roma-Bevölkerung vorzugehen, dann ist es vielleicht das liebe Geld: Bis zu 7,7 Mrd. Euro, rechnen die Weltbank-Experten vor, würde die Arbeitsmarktintegration der Roma-Minderheit in den vier untersuchten Ländern (Bulgarien, Rumänien, Tschechien und Serbien) bringen. Und das jährlich. Experten, die vergleichbare Berechnungen für die volkswirtschaftlichen Schäden durchgeführt hatten, die durch die schulische Diskriminierung von Romakindern in der Slowakei entstehen, waren im Vorjahr zu ähnlichen Ergebnissen gelangt.

Der breiten Mehrheit der Roma im arbeitsfähigen Alter mangelt es an hinreichender Bildung, um erfolgreich am Arbeitsmarkt zu bestehen. Die Allgegenwart rassistischer Vorurteile tut das Ihre, um die gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe der Roma zusätzlich zu erschweren. Dies führt zu vielerorts katastrophalen Erwerbsquoten und erbärmlichen Einkommen. Infolgedessen verlieren die europäischen Staaten Jahr um Jahr Hunderte Millionen Euro an Produktivität und Steueraufkommen.

Die Minimalschätzungen, die auf den – für Minderheiten regelmäßig viel zu niedrigen – amtlichen Volkszählungsdaten beruhen, beziffern die jährlichen Produktivitätsverluste auf 231 Mio. Euro in Serbien, 367 Mio. in der Tschechischen Republik, 526 Mio. in Bulgarien und 887 Mio. in Rumänien. Die jährliche Budgetbelastung (durch Verlust an Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträgen bzw. durch höhere Sozialkosten) liegt diesen Mindestschätzungen zufolge bei 58 Mio. in Serbien, 202 Mio. in Rumänien, 233 in Tschechien und 370 Mio. in Bulgarien.

Berechnungen, denen realistischere Schätzungen der jeweiligen Roma-Populationen (UNDP, 2006) zugrunde liegen, beziffern den ökonomischen Schaden der vier Staaten in Summe sogar auf nicht weniger als 5,7 Mrd. Euro pro Jahr; die Einbußen für die Staatshaushalte belaufen sich demnach auf weitere 2 Mrd. Euro jährlich.

Die Gewinne, die die Schließung der Kluft zwischen Mehrhheit und Midnerheit auf dem Arbeitsmarkt auch für die Staatskassen erbingen könnte, wären also durchaus beachtlich. Und sie würden die gesamten Kosten, die etwa für Investitionen im Schulsystem aufzubringen wären, um allen Romakindern öffentliche Bildung zugänglich zu machen, um ein Vielfaches übersteigen – besonders in Bulgarien und Tschechien, wo die gewinne das 7,7-Fache bzw. das 7,4-Fache der Bildungsaufwendungen betragen würde.

Und die Zeit drängt: Denn die demografische Entwicklung der Mehrheitsbevölkerung bedingt auch in den mittel- und osteuropäischen Ländern eine rasche Verschiebung im Generationenprofil. Der Anteil der – statistisch erheblich jüngeren – Roma-Population an der arbeitenden Bevölkerung wird so in vielen Ländern schon bald zu einem Schlüsselfaktor bei der finanziellen Absicherung des Sozial-, Gesundheits- und Pensionssystems. Angesichts dessen, heißt es im Weltbankbericht, werde es wohl jedem schnell einleuchten, dass die sozialen und wirtschaftlichen Argumente gegen politische Untätigkeit zu schlagend sind, um weiterhin übersehen zu werden.

(Roman Urbaner)“

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