Weltweiten Hunger besiegen – mit CDU/CSU und FDP?

Text: André Rümpler

Ist eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Neue Regierung, neue Rezepte – Wie der Hunger weltweit besiegt werden kann“ sinnvoll und kann man dort nachhaltige Aussagen erwarten? Diese Fragen stellte ich mir auf dem Weg zum Kino Babylon am 17. Mai. Antworten bekam ich leider nicht in dem Umfang, wie ich es für notwendig betrachte. Und das, obwohl die Veranstalter immerhin das World Food Programme der UN sowie die NGO Oxfam Deutschland waren. Schon der gewählte Begriff „Neue Regierung…“ lies mich etwas stutzen. Ist die schwarz-gelbe Koalition nicht schon Ende September gewählt worden? Ist das nicht über ein halbes Jahr her? Dauert es so lange, bis all die Experten des neuen Kabinetts auf den Sesseln ihrer Büros Platz genommen haben? Nun gut, dachte ich, warte ab was Herr Dirk Niebel, seines Zeichen der „neue“ Entwicklungshilfeminister, und die Podiumsmitglieder zu sagen haben. Während der Eröffnungsrede des Herrn Niebel ging es jedoch schon los mit den Merkwürdigkeiten des Abends. Nicht, dass er einen Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit der deutschen Entwicklungshilfe auf den ländlichen Raum legen will – und mit seinen Worten die Vorgängerin Heidemarie Wieczorek-Zeul kritisierte. Nein, das was da sauer aufstieß, war, wie er die Reststrukturen der deutschen Bürokratie in den ehemaligen Kolonien lobte (namentlich das „Katasteramt“ – eine Grundstücksvermessungsbehörde). Das sei doch wenigstens etwas Gutes. Auch den Freihandel nannte er als bevorzugte Methode den Hunger der Welt zu stillen bzw. zu besiegen. Diese Lobhudelei von liberalen Grundsätzen zog sich leider wie ein roter Faden durch den ganzen Abend. Denn auch sein Ministeriumsvertreter mit der sperrigen Bezeichnung „Unterabteilungsleiter für globale und sektorale Fragen“ Herr Manfred Konukiewitz gab wenige bis gar keine nachhaltigen Aussagen von sich. Er redete in Halbsätzen, wiederholte das Gesagte anderer Teilnehmer, verwies darauf wie „toll“ es wäre, dass Herr Niebel auf so einer Veranstaltung dabei wäre…

Ins gleiche Horn der freidemokratischen Thesen stieß auch die Vorsitzende des Bundestags-ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dagmar Wöhrl. Sie möchte zwar als primäres Ziel den Entwicklungsländern ihre Ernährungssouveränität zurückzugeben. Wie sie jedoch die Monopolstellung der Saatgutkonzerne brechen will, welche erst durch den freien Markt (übrigens eines der Hauptanliegen liberaler Politik) jene Machtpositionen erreichen konnten, erwähnt sie mit keinem Wort. Ihre Aussage, in manchen Ländern Afrikas herrschen heute schlechtere Zustände als zu Kolonialzeiten, sorgte für einiges Kopfschütteln im Publikum. Auch sie bezog sich seltsamerweise auf die Anwesenheit von Herrn Niebel und entschuldigte die bisherige Untätigkeit seines Ministeriums mit der „erst“ sechsmonatigen Amtszeit. Generell klammerten sich die staatlichen Vertreter immer wieder an den Koalitionsvertrag. Die dort festgehaltenen Themen und finanziellen Hilfen würden eingehalten. Es hatte schon etwas Skurriles wie das CDU/CSU-FDP-Bündnis, welches bisher unter keinem guten Stern steht und indem die Liberalen häufig für Krach im Gebälk sorgen, während der Fragerunde als Stützpfeiler für den Kampf gegen den Hunger auf der Welt hervorgehoben wurde. Noch dazu wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Freien Demokraten vor der Bundestagswahl 2009 noch für die Abschaffung des Entwicklungsministeriums eingetreten sind. So war ich sehr erfreut über die eloquenten Thesen der Vertreter der Hilfsorganisa-tionen. Namentlich Paul Bendix, Geschäftsführer von Oxfam Deutschland und Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Sie und Christiane Grefe, Redakteurin der ZEIT und Buchautorin zu Welternährung und Klimawandel, wurden vom Moderator Ralf Südhoff, dem Leiter des UN World Food Programme Berlin, zu Beginn ihrer Ausführungen gefragt, was ihnen an der Rede von Herrn Niebel gefallen hat. Wie im Kanon antworteten alle drei jedoch damit, was ihnen nicht gefallen hat. Sie kritisierten einstimmig die Forderungen nach mehr Freihandel sowie die fehlenden Lösungsansätze für die Probleme in der Entwicklungshilfe. Das Hauptaugenmerk auf die ländlichen Regionen, und damit die Bauern in den armen Nationen zu richten, begrüßten sie. Viel mehr müsse getan werden, um die Zivilbevölkerung mit eigenen Produkten und Lebensmitteln zu versorgen. Denn, so der Tenor, eine stabile Allgemeinheit bedeute eine stabile Regierung. Und dadurch ein Ende von Hunger und Gewalt. Der These den Süden der Welt stärker zu entwickeln, um alle Menschen auf dem Globus ernähren zu können, widersprach Harald von Witzke. Er ist Professor an der Humboldt-Universität Berlin und Vorsitzender des Humboldt Forum for Food and Agriculture. Seiner Meinung nach sollte die Europäische Union ihre Produktivität bei der Herstellung von Nahrungsmitteln weiter steigern, um den Hunger der Armen zu stillen. Um dies auch zu erreichen, forderte er mehr Investitionen in der Agrarforschung. Dieses Thema hatte ihm in der Rede von Herr Niebel gefehlt. Merkwürdig ist aber, dass es sich um genau sein Forschungsgebiet handelt. Die Aussage, zurzeit gebe es die Gentechnik-Lebensmittel der ersten Generation, doch in der Pipeline würden viele Produkte der nächsten schon bereitliegen, will sagen müssten nur noch für den Markt freigegeben werden, verriet sein Anliegen nach noch mehr Dominanz der Industriestaaten. Auch überging er geflissentlich die noch kaum bekannten Auswirkungen von gentechnisch veränderten Lebensmitteln auf den menschlichen Organismus. Die Konzepte aus den hochentwickelten Ländern sieht er als Blaupause für die Zukunft. Dabei haben genau diese mit ihren fehlerhaften Plänen und Handlungen die Welthungerkrise keinesfalls entschärft. Leider blieb während der gesamten Veranstaltung die Diskrepanz zwischen leicht dahergesagten Bekenntnissen es in Zukunft besser machen zu wollen und nachhaltigen Konzepten dafür bestehen. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass dem Erzählten auch Taten folgen werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s