Srebrenica – Die Mitschuld der UNO

Von Belma Zulcic und Fadila Memisevic
Das Massaker von Srebrenica, das von den internationalen Gerichtshöfen ICTY und IGH als Genozid klassifiziert wurde, jährt sich im Juli. Das Projekt „Pillar of shame“ möchte an die Mitverantwortung der Vereinten Nationen für diesen Genozid erinnern, deren Truppen die ihnen anvertrauten Menschen Srebrenicas im Stich liessen. Die GfbV-Sektion Bosnien und Herzegowina schickte uns den folgenden Text, in dem sie an das Versagen der UNO erinnert:

Das Projekt und die Forderung an die UNO, endlich konkrete Verantwortung für den Genozid in Srebrenica zu übernehmen ist uns und den Überlebenden des Genozids sehr wichtig. Wir und die überlebenden Opfer weisen natürlich immer auf die direkte Verantwortung von Serbien und der Karadzic- und Mladic-Armee für den Genozid hin, möchten jedoch nicht, dass die Verantwortung der Vereinten Nationen, die nach der Resolution 819 (vom 16.April 1993) des UNO-Sicherheitsrates verantwortlich waren, die Einwohner von Srebrenica zu beschützen, vergessen wird.

Nachdem Srebrenica demilitarisiert und die Waffen der Armee von Bosnien und Herzegovina in Srebrenica von den UNO-Truppen eingesammelt wurden, haben sich die Vereinten Nationen dazu verpflichtet, die Sicherheit der Einwohner Srebrenicas zu gewähren. Nach der gleichen Resolution sollten auch die Truppen der Armee der Republika Srpska mit ihrer schweren Artillerie ihre Stellungen um Srebrenica verlassen und die Durchfahrt der Hilfskonvois mit humanitärer Hilfe gewähren. Ebenfalls wurde von Serbien gefordert, sofort die Unterstützung und Belieferung der serbischen Truppen um Srebrenica zu beenden. Leider wurde nur ein Punkt dieser Resolution auch erfüllt – die Demilitarisierung der Stadt, während die Truppen von Mladic die Stadt weiter beschossen und eingekesselt hielten, die Konvois zum Grossteil die Stadt nicht erreichten und auch Serbien seine Unterstützung für die Truppen Mladics fortsetzte. Die Stadt wurde sogar von Serbien aus beschossen (Srebrenica liegt genau am Fluss Drina, der die natürliche Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien bildet).

Als Anfang Juli 1995 die Truppen von Mladic eine Grossoffensive auf Srebrenica starteten, unternahmen die in Srebrenica stationierten UNO-Truppen (DutchBat – UNO-Soldaten aus dem niederländischen Kontingent) nichts, um die Einwohner zu beschützen, obwohl ihnen die Möglichkeit der Verteidigung durch die nun fehlenden Waffen genommen war. Die Bosnische Armee in Srebrenica war sowieso nur sehr spärlich bewaffnet gewesen, und nachdem ihr auch diese wenigen Waffen genommen wurden, hatten die Menschen dort keine Chance, sich und ihre Familien zu verteidigen. Die Menschen in Srebrenica setzten all ihre Hoffnungen in die UNO, aber nachdem sich die Soldaten aus dem DutchBat immer mehr zurückzogen und es auch keine NATO-Luftangriffe gab, erkannten sie, dass sie im Stich gelassen wurden. Ein grosser Teil der Menschen, vor allem Frauen und Kinder, aber auch zahlreiche Männer suchte Zuflucht im UNO-Stützpunkt in Potocari bei Srebrenica, während sich die meisten Männer dazu entschieden, über Wälder und Berge zu fliehen und so das Territorium unter Kontrolle der Armee Bosniens und Herzegovinas zu erreichen. Beide Gruppen erlebten jedoch das gleiche Schicksal.

Die Männer, die im UNO-Stützpunkt Zuflucht gesucht hatten, wurden vor den Augen der UNO-Soldaten von den Frauen und Kindern getrennt und abgeführt. Dabei haben sogar UNO-Soldaten geholfen. Ihre Rechtfertigung später war, dass sie dabei helfen wollten, dass mit den Menschen nicht so grob umgegangen wird. Dabei wurden auch vor ihren Augen Menschen getötet, was viele Überlebende bezeugt haben. Daher können die UNO-Soldaten nicht sagen, sie hätten nicht gewusst, was mit den getrennten Männern geschehen würde. Auch spricht gegen sie, dass sie den Zufluchtsuchenden zuerst nicht den Eingang in den UN-Stützpunkt gewähren wollten. Erst, nachdem die Menschen aus purer Angst die Zäune selbst gestürmt hatten, liessen sie sie auch ein.
Die in Potocari selektierten Männer und Knaben wurden zusammen mit den Männern, die versuchten, über Wälder und Berge aus Srebrenica zu fliehen und in zahlreichen Hinterhalten gefangen genommen wurden, an verschiedene Ortschaften gebracht, wo sie ohne Zögern exekutiert wurden. Danach wurden ihre Leichen in Massengräbern verscharrt.

Die Verantwortung der UNO liegt ganz klar in der Tatsache, dass sie durch die eigene Resolution 819 den Einwohnern von Srebrenica Sicherheit gewährt und ihnen versprochen haben, dass sie sie auch beschützen werden, nachdem sie ihnen die Waffen abgenommen hatten. Dieses Versprechen haben sie nicht eingelöst, sondern die Menschen Srebrenicas kaltherzig ihren Schlächtern überlassen. Der UNO-Sicherheitsrat (in dem die Länder USA, Russland, Frankreich, Grossbritannien, China als ständige Mitglieder sitzen) hat die Resolution 819 selbst verabschiedet und hätte dafür sorgen müssen, dass diese auch umgesetzt wird. Es war ihre Verantwortung, die Menschen in Srebrenica zu beschützen. Im entscheidenden Moment haben sie jedoch nicht gehandelt und so diese Menschen dem Tod ausgeliefert. Dies darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Die Hauptforderung der überlebenden Opfer von Srebrenica ist, dass die UNO sich entschuldigen und die verantwortlichen Personen innerhalb der UNO, die nichts unternommen haben, um das Verbrechen zu verhindern, klar und deutlich benennen muss.

Die Hauptbotschaft und der Hauptwunsch der überlebenden Opfer des Genozids ist, dass die UNO eine funktionsfähige und respektable Organisation wird, die in Zukunft in der Lage sein wird, Genozide und Massenverbrechen weltweit zu verhindern. Dafür müssen sie jedoch Lehren aus den in der Vergangenheit begangenen Fehlern ziehen. Und dies lässt sich ohne konkrete Übernahme von Verantwortung und Sanktionierung der verantwortlichen Personen nicht machen.

Gerade deshalb geben die überlebenden Genozidopfer und Vereine der Srebrenica-Mütter wie auch die Öffentlichkeit in Bosnien und Herzegowina dem Projekt „Säule der Schande“ ihre vollste Unterstützung. Sie sind nicht mit dem 1999 veröffentlichten Srebrenica-Bericht der UNO zufrieden, in dem es zwar heisst, dass die UNO die Geschehnisse in Srebrenica bedauert, jedoch die Verantwortung nicht individualisiert, die Verantwortlichen nicht sanktioniert wie auch keine Strategie entwickelt hat, um die Wiederholung von Verbrechen, wie es in Srebrenica geschah, zu verhindern. Leider sind wir Zeugen, dass die UNO sich unfähig gezeigt hat, zahlreiche Verbrechen aus der jünsten Vergangenheit zu verhindern und zu stoppen. Das „Nie wieder“ nach dem Zweiten Weltkrieg ist zum „Immer wieder“ geworden.

Dies sind die Tatsachen über die Verantwortung der UNO für den Genozid in Srebrenica in Kürze.

Gesellschaft für bedrohte Völker
Sektion Bosnien und Herzegowina
Trampina 4 / IV, 71000 Sarajevo
tel.: 00387 33 213 707
fax: 00387 33 213 709
e-mail: gfbv_sa@bih.net.ba
web: http://www.gfbv.ba

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