Verzweiflung auf Kamtschatka

Der Bürgermeister des Dorfes Paren‘ auf der Halbinsel Kamtschatka im äußersten Nordosten der Russischen Föderation, Nikolaj Sulyma, ermordete am 25.6. öffentlich den Leiter des örtlichen Sowjets und stellt sich danach den Behörden. Zwei Jahre lang hatte er vergeblich versucht, den Sowjet zu Unterstützung der Dorfbewohner zu bewegen. Am 15.6. brachte sich in Kovran, dem Dorf auf Kamtschatka, wo noch die meisten Itelmenen leben, Valentina Danilova um. Sie hatte sich mehr als 20 Jahre lang für die Dorfbewohner und den Erhalt ihrer Kultur engagiert. Es ist in diesem Jahr schon der fünfte Selbstmord in Kovran: Aleksandr Schadrin, 24 Jahre alt, Natalja Pschelkina, 23 Jahre alt, Rita Lastoschkina, 19 Jahre alt und Viktor Lastoschkin, 46 Jahre alt beendeten ihr Leben mit einem Selbstmord. Die Gründe dafür können auch in der katastrophalen sozialen und politischen Lage der indigenen Bevölkerung der russischen Arktis gesehen werden: Auf 100.000 Bewohner kommen hier, so die russische Statistik 133,6 Suizide, das sind fünfmal mehr als im russischen Durchschnitt und der ist im Vergleich zu Westeuropa schon extrem hoch.

In Nikolaj Sulymas Dorf leben 60 Personen. 46 von ihnen sind im arbeitsfähigen Alter. Nur 15 von ihnen haben aber Arbeit. Die Dorfschule wurde geschlossen, obwohl es 14 schulpflichtige Kinder gibt. Das schrieb Sulyma in einem seiner zahlreichen Briefe an die Behörden mit der Bitte um Hilfe. Nun wartet der Mörder auf seinen Prozess.

Im Dorf Kovran, wo Valentina Danilova ihrem Leben ein Ende setzte, ist die Lage nicht besser. Hier haben die Bewohner Angst vor einer Hungersnot. Ihre Hauptnahrungsquelle ist der Fisch, den sie aus dem Fluß Kovran angeln. Auf diesem Fluß wird nun seit zwei Jahren auch industriell gefischt. Seitdem hat sich der Fischbestand dezimiert. Der Fisch gelangt gar nicht mehr wie früher ins Dorf, durch das der Fluß fliesst. Statt der von den Dorfbewohnern empfohlenen 100 Tonnen Stint, fischt die Fabrik 500 Tonnen aus dem Fluß. Diese Überfischung führt dazu, dass der Fisch ausstirbt und die Dorfbewohner nicht mehr wissen, was sie essen sollen. An ihren traditionellen Fischfangplätzen fischt jetzt die Fischfabrik. Die Menschen sind verzweifelt und wissen nicht, wie sie auf die Situation reagieren sollen. Die zuständigen Behörden schenken ihnen kein Gehör.

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