Letzte Mandäer nehmen trauriges Neujahrsbad im Tigris

Letzten Dienstag nahmen die verbleibenden irakischen Mandäer ihr rituelles Taufbad im Tigris. Dabei wurde der Rückgang der Religionsanhänger besonders deutlich. Während er 80er Jahre betrug ihre Anzahl mehr als 100.000. Doch bereits unter Saddam Hussein wurden sie verfolgt und unter Druck gesetzt, sodass bei der US-amerikanischen Invasion im Jahr 2003 ihre Mitgliederzahl auf 35.000 geschrumpft war. Doch auch mit dem Sturz des irakischen Diktators verbesserte sich die Lage der Mandäer nicht. Die Radikalisierung einzelner muslimischer Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahren führte sogar zu einer Zunahme von Übergriffen auf Minderheiten wie den Mandäern, die als „unrein“ angesehen werden.

Mandäer bei der Taufe, dem zentralen Ritual. - GfbV Archiv

Morde an Mandäern, Vergewaltigungen von mandäischen Frauen und Mädchen, öffentliche Demütigungen, Entführungen und Zwangskonvertierungen haben in jüngster Zeit zugenommen.
Im Irak wird die Vergewaltigung einer Mandäerin nicht bestraft, denn nach vorherrschender muslimischer Überzeugung gehört dies zur Reinigung der Ungläubigen und gilt somit nicht als Verstoß gegen das Recht. Vergewaltigungsopfer erfahren hier keine Gerechtigkeit.

Des Weiteren nehmen Berichte über diskriminierende Maßnahmen und Schikanen gegen Mandäer zu: grundlose Entlassungen, Hausenteignungen, Verhaftungen, Ausschluss aus Regierungsämtern und andere diskriminierende Maßnahmen werden gemeldet.
Die Frauen werden gezwungen, Kopftücher zu tragen. Junge Männer mussten während des letzten Irakkrieges den Militärdienst antreten und der Regierung dienen, obwohl ihnen ihre Religion das Töten strengstens verbietet.

Heute wird ihre Zahl auf etwa 4.000 – 5.000 geschätzt.

„Früher hatten wir eine Masse an Leuten im Wasser, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang“, sagte Sheikh Alaa Aziz traurig am Dienstag. Er ist der Führer der mandäischen Minderheit im Irak, die einen Sitz im Parlament inne hat. „Hier sind wir nun am frühen Nachmittag und schon ist keiner mehr da. Es ist wirklich traurig, jeder wandert aus.“
„Viele Mitglieder unserer Gemeinschaft wurden getötet, ausgeraubt oder bedroht. Die Angst lässt unsere Anzahl sinken“, sagte Uday Salam, 28, irakischer Armeeoffizier. „Es sind hauptsächlich die jungen Leute, die gehen.“

Sogar ihr Anführer, Sheikh Sattar Jabbar al-Hulu, war nicht in der irakischen Hauptstadt für die Neujahrsrituale dieser Woche, die drei Tage dauern um die Erschaffung der Welt nachzuempfinden. Er war bei seiner Familie in Australien, Heimat der weltgrößten Mandäer-Gemeinschaft.

„Seit 2003, wurden ungefähr 800 Mitglieder unserer Gemeinde getötet, weil niemand da ist, der uns beschützt. Sie wurden von Al Qaida, anderen Milizen oder Gangstern getötet“ sagte Seif Rifaat, 20, Sprecher der Gemeinde.
Ihre Fähigkeiten als Goldschmiede hat sie zusätzlich zur Zielscheibe gemacht. Im April 2009, forderten bewaffnete Raubüberfälle auf zwei von Mandäern geführten Juweliergeschäften 7 Tote, darunter 3 Mandäer.

„Wir sind ein großer Teil des Iraks und der Irak ist ein Teil von uns,“ erklärte Sheikh Aziz. „Wir haben dieselbe Geschichte, dieselbe Vergangenheit und dieselbe Zukunft und wir wollen Sicherheit und Stabilität um in dieses Land zurückzukommen, sodass alle Mitglieder unserer Gemeinschaft sich wieder vereinen können wie eine große Familie.“

Der Mandäismus ist die älteste noch existierende gnos­tische Religion (von griechisch „gnosis“, Erkenntnis). Wann genau sie entstanden ist, ist unter Religionswissenschaftlern immer noch umstritten.
Laut ihren Anhängern entstand die Religion in Mesopotamien, verlagerte sich nach Jerusalem und kehrte dann in ihr Ursprungsgebiet zurück.
Johannes der Täufer (mandäisch Jahia – Jehana) spielt in der Religion der Mandäer eine zentrale Rolle. Er ist ihr Prophet. Die Religion an sich ist jedoch älter als die Person Johannes der Täufer. Ihre Schöpfungsgeschichte ist mit Adam und Eva als erstem Menschenpaar der jüdisch-christlichen sehr ähnlich. Eines der wichtigsten Rituale ist die Taufe.

Heute sind die Mandäer von Irak bis nach Australien verstreut, mit Gemeinden in Iran, USA, Kanada, Schweden, den Niederlanden und Deutschland.

Im Auftrag der GfbV befindet sich gerade ein Mitarbeiter in Syrien um mit den aus dem Irak geflohenen Mandäern über eine mögliche Aufnahme in Deutschland zu reden.
Am 29. Juli wird die GfbV in Begleitung eines Journalisten des WDR mit einigen mandäischen Familien in Düsseldorf, die im Rahmen des Aufnahmeprogramms der BRD und der EU 2009 in Deutschland aufgenommen wurden, sprechen.

Weitere Informationen erhalten Sie mit der Veröffentlichung der GfbV von März 2006 mit dem Titel: „Mandäer im Irak: Seit Jahrhunderten verfolgt- heute akut in ihrer Existenz bedroht.“

Weiterführende Links:

Iraq chaos threatens ancient faith: http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/4260170.stm

Iraq’s Mandaeans ‚face extinction‘: http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/6412453.stm

Iraq’s last Sabeans take sad new Year dip in Tigris: http://www.middle-east-online.com/english/?id=40128

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2 Gedanken zu “Letzte Mandäer nehmen trauriges Neujahrsbad im Tigris

  1. […] Die Mandäer, deren archäologisches und literarisches Erbe bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgt werden kann, sind die letzte gnostische Religionsgemeinschaft. Die Mandäer haben es trotz der vielen Umbrüche, die der Nahe Osten bisher erlebt hat, wie zum Beispiel die Verbreitung des Islams ab dem 7. Jahrhundert, geschafft, ihre einzigartige religiöse Identität für über 1500 Jahre zu erhalten. Die mandäische Sprache, in der ihre religiösen Texte traditionellerweise geschrieben wurden, ist ein Dialekt des östlichen Aramäisch. In seiner klassischen Form ist es linguistisch mit dem jüdischen Aramäisch des Babylonischen Talmud ähnlich, mit dem es viele grammatikalische Eigenschaften teilt. Eine Form des Mandäischen wird heute immer noch in Iran gesprochen. Jedoch haben politische und demographische Umstände viele Mandäer in den letzten Dekaden ins Exil gezwungen. Ihre alte Kultur droht auszusterben. […]

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