Wiederherstellung der Wiege der Zivilisation

Anfang der 1990er Jahre hatte Saddam Hussein die einzigartigen Sümpfe Südiraks entwässern lassen um die Marscharaber, die durch ihren schiitischen Glauben als Feinde angesehen wurden, zu vertreiben. Nun, zwei Jahrzehnte später, versucht ein US-Iraki, die Marschen wiederherzustellen.

Azzam Alwash, 52, Bürger des Irak und der USA, ist Ingenieur und der Leiter von Nature Iraq, der ersten und einzigen Umweltorganisation des Landes. Er gründete die Organisation 2004 zusammen mit seiner Frau Suzanne, mit der finanziellen Unterstützung aus den USA, Kanada, Japan und Italien. Sein Ziel ist es, die großteils ausgetrockneten Marschen im Südirak zu retten.
Alwash kämpft für ein Schwemmland, das manche als die Wiege der Zivilisation bezeichnen Die Mesopotamier siedelten in dieser fruchtbaren Region vor über 7000 Jahren und innerhalb weniger Jahrhunderte wurde sie zur Stätte der hochentwickelten sumerischen Zivilisation. Wissenschaftler glauben, dass hier die Keilschrift erfunden wurde, sowie Literatur, Mathematik, Metallverarbeitung, Keramik und das Segelboot.
Vor 20 Jahren gedieh hier eine erstaunliche Wasserwelt, mitten in der Wüste, größer als die Everglades. Für Umweltschützer waren die Marschen eine einzigartige Oase des Lebens, bis Saddam Hussein sie in den frühen 90er Jahren nach einem Aufstand der schiitischen Marscharaber trockenlegen ließ. Die offizielle Erklärung hierfür war, dass das Land für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden sollte. Das Militär wurde ausgesandt, um Kanäle zu graben und Deiche zu bauen, um das Wasser direkt in den Persischen Golf zu leiten. Der Diktator gab diesen Kanälen Namen wie „Saddam Fluss“ oder „Loyalität dem Führer“-Kanal.
In Wahrheit war Hussein nicht an Landwirtschaft interessiert. Sein wahres Ziel war es, den Marscharabern, auch bekannt als Ma’dan, zu schaden.
Die Marscharaber sind, vereinfacht gesagt, ein halbnomadisches Volk, dessen einzigartige Lebensweise seit 5000 Jahren fast unverändert geblieben ist. Bis zu den 1980er Jahren lebten mehr als 500.000 Marscharaber in den Feuchtgebieten in der Region, in der Tigris und Euphrat ineinander fließen. Das Land, das sie einst bewohnten, hatte eine Fläche von über 965.000 m².
Sie lebten in schwimmenden Floßhütten aus Schilf und verbrachten viel Zeit in ihren hölzernen Booten, die sie mit langen Stäben durch die Kanäle führten. Sie ernteten Schilfrohre, jagten Vögel und fingen Fische.
Jedoch wurden sie durch ihren schiitischen Glauben als Feinde betrachtet. Ihre Traditionen wurden von Husseins Baath-Partei als veraltet und irrational angesehen, daher wurde ihre Kultur unterdrückt. Tausende wurden getötet, die Gewässer vergiftet und die Schilfhütten niedergebrannt. Die Marscharaber flohen entweder in Flüchtlingscamps in den Iran oder nach Norden, wo sie sich als Tagelöhner durchkämpften.
Am Ende der Operation waren bis zu 400.000 Menschen getötet oder vertrieben worden. Innerhalb weniger Jahre waren die Marschen auf weniger als 10 Prozent ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. An einem Ort, an dem es einmal vor Tieren nur so wimmelte, wurde alles in brache Salzfläche verwandelt, vergiftet und vermint. In einem Bericht von 2001, bezeichnete die UNO die Zerstörung der Marschen als eine der größten Umweltkatastrophen der Welt.

Alwash, der sein Studium in den USA absolvierte und erst nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak im Jahr 2003 wieder in den Irak kam, war schockiert. Er kannte die Marschen noch aus seiner Kindheit. Sein Vater, Mitarbeiter des irakischen Wasser-Ministeriums, hatte ihn in den 80er Jahren oft hierhin mitgenommen. In den USA hatte er seinen Kindern und seiner Frau versprochen, sie eines Tages auch dorthin mitzunehmen und ihnen die Schönheit dieses Biotops zu zeigen. Dieses Versprechen veranlasste ihn dazu, Gelder für seinen Plan zu sammeln, die früheren Marschen kontrolliert zu fluten. Er und seine Mitarbeiter nennen ihren Plan das „Eden Again“ Projekt.
Weil sie das Wasser von den Flüssen aufstauen, könnten sich die Marschen als eine wichtige Wasserquelle für den Süden erweisen. Sie beeinflussen außerdem das Klima. Die Region wurde heißer als die Marschen zerstört wurden. Als die Temperaturen über 50° Celsius stiegen, verdorrte das Getreide auf den Feldern. Die Fischer beobachteten ebenfalls einen starken Rückgang ihres Ertrages, weil die Marschen nicht länger da waren, um Verschmutzungen aus den Flüssen zu filtern.
Nun sind etwa ein Drittel der ursprünglichen Marschen wieder mit Wasser bedeckt. Teams von internationalen Experten, Nature Iraq und Vertreter von irakischen Ministerien zerstören Dämme, leiten Wasser von den Kanälen zu ausgetrockneten Gebieten, sähen einheimische Pflanzen aus und erforschen die Entwicklung der Vegetation und der Tierpopulation.
Das Wasser hat auch die Marscharaber zurückgebracht, deren Anzahl bereits wieder auf 80.000 geschätzt wird. Ihre Geschichten sind wie die von Naim Aatai, ein kleiner Mann mit weißem Bart und tiefen Furchen im Gesicht: „Saddams Soldaten kamen in unser Dorf und beschuldigten uns, Terroristen zu verstecken. Sie schossen auf uns und töteten meinen Bruder. Dann brannten sie unsere Hütten nieder.“
Nach dem Angriff floh Aatai in den Norden und arbeitete auf einer Farm in der Nähe von Bagdad. „Es war kein gutes Leben“, sagt er. „Es ist besser hier. Das hier ist unser zuhause.“
Aber es ist nicht sicher, dass das Wasser in den Marschen bleibt. Die Türkei, in der Tigris und Euphrat entspringen, baut Dämme und reduziert so langsam den Wasserfluss gen Süden. Es gibt keine Verträge zwischen den beiden Ländern über die gemeinsame Nutzung der Flüsse. Und die Türkei ist eines der wenigen Länder, die nicht die UN-Konvention über das Recht der nicht-schifffahrtlichen Nutzung internationaler Wasserläufe unterzeichnet hat.
Es wäre schon viel damit getan, wenn die irakischen Farmer lernen würden, ihre Wasser wirtschaftlich sinnvoll zu nutzen. Sie sind nicht mit dem Prinzip der Tropfbewässerung vertraut. Stattdessen fluten sie immer noch ihre Felder, eine Methode, die praktiziert wurde, als es einen Überfluss an Wasser gab.
Aber auch die Öl-Firmen haben ein Auge auf die Marschen geworfen. Irak hat die drittgrößten Ölreserven der Welt und es gibt Pläne, die Produktion in den nächsten 5 Jahren zu verdreifachen. Eine Anzahl von Ölfeldern wurde in den Marschen entdeckt. Sie können kaum abwarten, dort zu bohren, „und wenn das passiert, ohne Regulationen, Erforschung und Überwachung, kann man die Marschen ein für alle Mal vergessen“, sagt Broder Merkel, deutscher Hydrologe.

Quellen: http://www.spiegel.de/international/world/0,1518,709180,00.html

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