Internationaler Tag der indigenen Völker (9. August 2010)

Text: Elisabeth Schönfeld, Nicole Hantzsche

Der 9.8.2010 ist der Internationale Tag der indigenen Völker der Vereinten Nationen. Ein Tag, den wir zum Anlass nehmen sollten, um den internationalen Status der Indigenen zu betrachten und uns mit ihren Problemen auseinanderzusetzen: Menschenrechtsverletzungen, Bedrohung der ökonomischen und kulturellen Existenz und die Auswirkungen des Klimawandels.

Yanomami-Angehörige © Christina Haverkamp/GfbV-Archiv

Der 9. August wurde während der UN-Menschenrechtskonferenz von Wien (1993) zum Internationalen Tag der indigenen Völker erklärt. 1994 begann auf Beschluss dieser Konferenz die erste UN-Dekade der indigenen Völker der Welt, der 2005 eine zweite folgte. Der Begriff „indigen“ hat sich in den 1980er Jahren herausgebildet. Er bedeutet „in ein Land geboren“ und betont die Naturverbundenheit dieser Völker. Definitionsgemäß leben die Nachfahren der ersten Ureinwohner am Rande der Nationalgesellschaft und sind kulturell und sozial von dieser zu unterscheiden. Durch Vertreibung, Kolonisation und Unterwerfung Indigener wurden und werden Kulturen und ganze Völker ausgelöscht. Schätzungen gehen davon aus, dass es heute 250 bis 350 Millionen Ureinwohner gibt. Es werden rund 5.000 Völker unterschieden. Sie verteilen sich auf 76 Staaten und entscheiden selbst, ob sie sich als indigen bezeichnen.

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Die Rechte der indigenen Völker weltweit werden vielmals von den Regierungen der Nationalstaaten ignoriert. Aus politischen und/oder ökonomischen Gründen wird ihnen beispielsweise der Landbesitz entrissen und damit ihre Lebensgrundlage genommen. Eine gleichberechtigte und faire Einbindung in Entscheidungsprozesse, die eine Veränderung der Lebensbedingungen mit sich bringen können, findet oftmals nicht statt. Hierzu gibt es zahlreiche Beispiele: Das geplante Staudammprojekt Belo Monte im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará, der Goldabbau in der Marlin-Mine im guatemaltekischen Bundesstaat San Marcos, die Vertreibung der Buschleute in Südafrika aus ihren Reservaten aufgrund von Diamantenfunden oder die Bergbauaktivitäten auf den Palawan Inseln.

Protest gegen das Belo Monte Staudammprojekt

Neben der Missachtung ihrer Rechte von Seiten der staatlichen Gewalt sind die indigenen Völker von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Beispielsweise verändert sich der Lebensraum der über 400.000 in der Arktis lebenden Indigenen: Gletscher schmelzen, Tiere verhungern und bestimmte Pflanzenarten wachsen nicht mehr. Die Veränderungen zwingen die Indigenen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben. Ein weiteres Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben indigener Gemeinschaften ist der Anstieg des Meeresspiegels. Die nördlich von Neuseeland liegenden Pazifikinseln Tuvalu und Kiribati zum Beispiel werden durch das ansteigende Wasser überschwemmt werden, so dass die Inselbewohner umgesiedelt werden müssen.

Indigene Völker der Arktis

Die rechtliche Stellung der Ureinwohner hat sich im internationalen Völkerrecht in den vergangenen drei Jahrzehnten stark verändert. Bereits 1989 verabschiedete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO – International Labour Organization) die ILO-Konvention 169 und baute die Menschenrechte und u.a. das Recht auf Selbstbestimmung der Völker aus. Bisher unterzeichneten nur 22 Staaten dieses Abkommen, darunter auch die europäischen Staaten Norwegen, Dänemark, Spanien und die Niederlande. Es ist das einzig bindende Rechtsmittel für die indigenen Völker. Die Bundesrepublik Deutschland gehört nicht zu den Unterzeichnerstaaten. Zwar leben in Deutschland keine Ureinwohner, jedoch müsste das Land nach der Ratifizierung der ILO-Konvention 169 Auflagen einhalten, die die Rechte indigener Völker bei transnationalen Beziehungen beachten und respektieren. Mit ihrer Außen-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik beeinflusst auch Deutschland die Lebensbedingungen von Indigenen unmittelbar. Beteiligung deutscher Firmen und Banken am Bau von Staudämmen oder Öl-Pipeline-Projekten sind ebenso Beispiele wie die Einfuhr von Erdöl oder Erdgas. 2002 wurde das „Permanent Forum on Indigenous Issues“ (PFII) als einziges ständiges Gremium für indigene Belange bei den Vereinten Nationen geschaffen. Es ist mit je acht Vertretern der Ureinwohner und der Staaten besetzt und hat beratende Funktion für den Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC). Nach jahrzehntelangen Debatten wurde 2007 von der UN-Vollversammlung schließlich die Deklaration für die Rechte indigener Völker verabschiedet. Diese besitzt als Absichtserklärung ein hohes moralisches Gewicht und muss in die Gesetzgebung der Unterzeichnerstaaten eingehen, um wirksam zu werden.

Die Auseinandersetzung mit den Bedrohungen für indigene Völker ist unerlässlich. Die Missachtung der Rechte, die ihnen bereits zugesichert worden sind, gilt es zu verhindern. Für die indigenen Gemeinschaften ist es schwer, sich Gehör zu verschaffen. Sie werden vielfach von den Regierungen und Konzernen ignoriert. Die Zerstörung ihrer ökonomischen Lebensgrundlage, die Vernichtung ihrer Lebensräume z.B. durch die Ausbeutung der Bodenschätze oder die Umsetzung verschiedener Infrastrukturmaßnahmen gefährden die traditionellen Lebensweisen und Identitäten. Vertreibungen, Verfolgungen, Umsiedlungen und die Vernichtung ihres Lebensraums durch die Zerstörung der Umwelt können als Menschenrechtsverletzungen bewertet werden.

Die Ureinwohner tragen zur kulturellen Vielfalt der Welt bei. Alle indigenen Gemeinschaften haben eigene soziale Strukturen, Mythologien, medizinisches Wissen und bedeutende Kenntnisse über ihre natürliche Umgebung. Es ist wichtig, die Indigenen zu unterstützen, zu schützen und einzubinden. Die Rechte auf Wasser, Nahrung, Gesundheit, Arbeit usw. gilt es ihnen zu gewährleisten.

Indianer im Yasuní-Nationalpark am Rio Corrientes, Foto: Nathalie Weemaels

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