Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi

Die Menschen der Region fürchten Zunahme von Gewalt, die Zerstörung der Umwelt und Zwangsumsiedlungen

Text: Lara Neumann

Die Spannungen im Nordkaukasus wachsen. Kürzlich gab es erneut einen Anschlag; diesmal in der bisher verhältnismäßig ruhigen Teilrepublik Kabardino-Balkarien. Die Attentäter verschafften sich Zugang zu einem Wasserkraftwerk, töteten zwei Wachmänner und nahmen zwei weitere Personen gefangen, bevor sie vier Sprengsätze zündeten. Es wird davon ausgegangen, dass es sich hierbei um einen Terroranschlag handelt, der vermutlich von islamistischen Separatisten verübt wurde.

Ursprung der Konflikte war u.a. die Aufteilung des Nordkaukasus in sieben Teilrepubliken, die Stalin in den 1920er Jahren aus Angst vor Aufständen durchsetzte. Durch die Reorganisation des Gebiets wurden verschiedene historisch und kulturell unabhängige Ethnien in den Republiken zusammengeschlossen, kontrolliert und unterdrückt. Doch auch die Lebenssituation im Allgemeinen sorgt für große Unzufriedenheit bei der Bevölkerung des Nordkaukasus. Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption sind alltägliche Probleme, mit denen die Menschen in diesem Gebiet zu kämpfen haben. Die Zivilbevölkerung ist durch Kriege und Misswirtschaft verarmt und lebt in ständiger Angst vor neuen Anschlägen und staatlicher Vergeltung. Durchschnittlich jeder Fünfte im Nordkaukasus ist arbeitslos.

Die russische Stadt Sotschi (ca. 330.000 Einwohner) in der nordkaukasischen Krasnodar-Region ist Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Die Vorbereitungen für die Spiele sind bereits angelaufen, doch die lokale Bevölkerung, Naturschutzverbände und Menschenrechtler sehen die Spiele sehr kritisch. Die russische Regierung schenkt diesen Einwänden keinerlei Aufmerksamkeit. Statt sich ernsthaft mit den Problemen der Region und der berechtigten Kritik an den Spielen auseinander zu setzen, sehen die russischen Politiker ausschließlich Terroristen am Werk, vor denen sie warnen. Schwierigkeiten in Bezug auf die politische Situation des Landes oder die Negativaspekte der Winterolympiade werden ausgeblendet.

Auch im Austragungsort selbst hat es bereits Attentate gegeben. In welchem Zusammenhang diese verübt wurden ist schwierig zu klären. Sowohl Terroristen als auch Gegner der Olympischen Spiele könnten die Taten organisiert haben. Auch mögliche Verbindungen in die benachbarte Republik Georgien wurden untersucht. Im April dieses Jahres hatte der russische Geheimdienst FSB nach eigener Aussage bereits einen georgischen Spion enttarnt, der damit beauftragt gewesen sei, Informationen über die Olympiavorbereitungen in Sotschi zu beschaffen. Man fürchtet, dass Terroranschlägen aus Georgien geplant sein könnten.

Gegner der Olympischen Spiele in Sotschi könnten u.a. die zahlreichen Bewohner der Region sein, die für den Bau der Wintersportanlagen enteignet wurden und umgesiedelt werden. Das Organisationskomitee spricht von etwa 6000 Umsiedlungen, doch die tatsächliche Zahl ist vermutlich deutlich höher. Besonders die Anwohner, die kein Eigentumsrecht angemeldet haben, müssen nun fürchten, aus ihren Häusern vertrieben zu werden. Für die Spiele benötigtes Land darf, aufgrund eines neuen Gesetzes, offiziell vom Staat beschlagnahmt werden. Die Bewohner sind allerdings entschlossen, sich nicht einfach vertreiben zu lassen und haben Widerstand angekündigt. Sie haben sich in einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen und in Briefen Forderungen an Medwedew gestellt, doch ihre Wut wird nicht ernst genommen.

Auch Umweltschützer setzen sich gegen die Bebauung des zukünftigen Olympiageländes ein. Sie warnen vor erheblicher Umweltzerstörung innerhalb des Naturgebietes um Sotschi. Greenpeace und der World Wide Fund for Nature (WWF) scheiterten mit ihren Bemühungen, Umweltauflagen durchzusetzen und haben die Zusammenarbeit aus diesem Grund beendet.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker übt aktuell Kritik an Volkswagen, dem Sponsor der Winterolympiade 2014. VW wird erneut, wie bereits bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, als Förderer auftreten. Die katastrophale Menschenrechtssituation in Peking nahm der Konzern kritiklos wahr, wie nun auch in Sotschi. VW ist somit mitverantwortlich für die anhaltende Unterdrückung von Minderheiten, Oppositionellen und Menschenrechtlern in Russland. Wie bereits bei den Olympischen Spielen in Peking deutlich wurde, wird sich auch die Menschenrechtslage in Russland durch die Austragung der Winterspiele nicht verbessern. Im letzten Jahr sind beispielsweise in Tschetschenien mehrfach Morde an Menschenrechtlern verübt worden, ohne dass im Nachhinein angemessene Ermittlungen durchgeführt wurden. Menschenrechtsverteidiger sowie engagierte Journalisten müssen in Russland nicht nur Schikanen fürchten,  sondern gleichermaßen um ihr Leben bangen. Nach Aussagen internationaler Organisationen ist Russland das drittgefährlichste Land für Medienvertreter. Presse- und Meinungsfreiheit wird brutal unterdrückt.

Die Bedingungen, unter denen die Olympischen Winterspiele in Sotschi stattfinden werden, sind denkbar ungünstig. Die Stadt liegt in einer Krisenregion, in der es täglich zu neuen Anschlägen kommen kann. Enorme Baumaßnahmen sind notwendig, um die Winterspiele überhaupt realisieren zu können. Kurzum, die Winterspiele sollen die Region verändern, doch all diese Maßnahmen finden auf Kosten der Natur und der Bewohner Sotschis statt. Das russische Recht gibt den Menschen keinerlei Mittel in die Hand, um sich gegen die Winterspiele, beziehungsweise die nun begonnen Baumaßnahmen und die Eingriffe in ihr Wohnumfeld zu. Die aktuell dramatische Sicherheits- und Menschenrechtslage im Nordkaukasus ist somit ein bedeutender Faktor, der den Olympischen Winterspielen einen negativen Beigeschmack gibt, doch ist er leider nicht der einzige.

Advertisements

2 Gedanken zu “Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi

  1. Der Beitrag ist mit Vorurteilen und Behauptungen gespickt und oberflächlich, aber arm an Fakten.

    Beispiel: „Kürzlich gab es einen Anschlag in … Karbardino-Balkarien.“
    Man sollte nicht im Internet schreiben, wie man mit Freunden spricht. Daher: Wann war der Anschlag genau? – Und: Aus einem Anschlag ist die Schlussfolgerung unzulässig, dass aus einer „bisher verhältnismäßig ruhigen Region“ (Wer sagt das? Mit welcher Kompetenz? Ein Bezug auf andere stichhaltige Quellen fehlt jedenfalls.) eine Krisenregion wird oder die Krisenregion sich jetzt auch auf K-B erstreckt. Aus einem berichteten Anschlag hier kann nicht ein Anwachsen der Spannungen geschlussfolgert werden, zumal wenn man jene Spannungen nicht beschrieben werden und die Tendenz der zunehmenden Gewalt nicht gezeigt wird.
    Der eine Anschlag wird hier als Aufhänger für die Idee zum Schreiben dieses Artikels genommen, ist Mittel zum Zweck.

    Es sieht nicht so aus, als sei die junge Autorin schon mal in dieser „Krisenregion“ Sotschi gewesen. Dass Sotschi (und nicht: Sotchi!) in einer Krisenregion liegt, ist eine der nicht belegten Behauptungen. Wer das behauptet, könnte ebenso auch behaupten, Moskau und St. Petersburg sind Krisenregionen, denn dort gab es in den letzten Jahren auch Anschläge, u.a. von Menschen aus dem Kaukasus.
    – Grundstimmung solcher „Berichterstattung“ ist dann: „Lieber nicht nach Russland reisen! Es ist gefährlich“
    – Aber man darf nicht alles über einen Kamm scheren! Eine Analyse vermisse ich. Das ist hier Stimmungsmache ohne Kenntnis der Region. Ausdruck dafür ist z.B. die auffällig häufige Verwendung der unpersönlichen Form mit „man“.
    Das ist so ein Gerede „vom Hörensagen“ und erinnert mich an das Spiel „stille Post“. Ich möchte schon wissen, wer was wann gesagt und getan hat (nicht bloß: die böse Regierung; die Terroristen). Und um welches Gesetz es sich handelt, das erwähnt wird. (Ich verrate es hier mal: Es gibt ein Föderales Gesetz „über die Organisation und über die Durchführung der XXII. Olympischen Winterspiele und XI. Paralympischen Spiele 2014 in der Stadt Sotschi, die Entwicklung der Stadt Sotschi und des bergklimatischen Kurorts und die Aufnahme der Änderung in die endgültigen gesetzgeberischen Akte der RF.“)

    Und was ist der Zweck, wenn hier geschrieben wird, dass diejenigen, die ihr Eigentumsrecht (am Grundstück, auf dem sie bisher lebten) nicht „angemeldet“ haben, damit rechnen müssen, dass sie vertrieben werden? Hier soll Mitleid mit Bürgern bezweckt werden ohne Kenntnis der Sachlage. Auch in Deutschland kann man nicht einfach so irgendwo im Freien sich ein Haus bauen und darauf vertrauen, nicht verjagt zu werden. Das hat mit Menschenrechten und deren Verletzung nichts zu tun. Sondern das ist Immobilienrecht und Baurecht.
    Es gibt übrigens ein Katasteramt in Sotschi, in dem die Eigentümer von Grundstücken eingetragen sind. Da ist natürlich, wie in Deutschland auch, zunächst mal jeder Eigentümer dafür verantwortlich, dass er dort richtig eingetragen ist.
    Es sind aber viele Schwarzbauten an der Imeretinskaja Bucht gebaut worden, die nicht eintragungsfähig waren.

    Ein anderer Punkt ist, dass denen, die zu Recht dort wohnen und wohnten, kein ausreichende Kompensation angeboten wurde, um eine gleichwertige Wohnung zu bekommen bzw. dass nicht ausreichend Wohnraum für die Umzusiedelnden gebaut worden ist. Dafür müssen sie streiten. Und ich habe einen Freund, der in der Imeretinskaja Bucht mit seiner Frau wohnt, der sich nicht hat einschüchtern und abspeisen lassen mit einer zu geringen Kompensation.

    Ich könnte hierzu noch mehr schreiben, aber das tue ich dann in meinem Blog Ost im Puls, in dem ich stets bemüht bin, ein ausgewogeneres Bild der russischen Verhältnisse darzustellen.

    Ich empfehle (wenn schon keine Reise dorthin drin ist) eine Beschäftigung mit einer Kaukasuskarte. Nicht der gesamte Kaukasus ist Krisenregion und Sotschi liegt am nordwestlichen Rand. Ich kann ihn (d.h. die Krasnodarer Region und Adygea) unbedenklich zum Bereisen empfehlen.

    Zuletzt möchte ich noch sagen, dass ich auch kein Anhänger der Olympiade in Sotschi bin und bei der Wahl Salzburg favorisiert hatte. – Selbstverständlich machen Oligarchen wie Oleg Deripaska dort fette Geschäfte und kaufen sich Rechte. Das Problem ist die Korruption, auf die hier leider nicht eingegangen wurde, weil dieses nicht so gut zum Tenor dieses Artikels „Menschenrechtsverachtung in Russland“ passt.

    Der Artikel zeichnet ein schiefes Bild.
    Wer sich tatsächlich für diese Thematik interessiert, dem empfehle ich die Russland-Analysen vom Osteuropa-Institut in Bremen unter der gleichnamigen Domain. Dort schreiben Slawisten sehr gut recherchierte Analysen.

    • Hallo Jörg!
      Vielen Dank für den interessanten Kommentar!
      Für uns ist unser Blog ein Ort, wo wir auf Themen aufmerksam machen, die nicht so stark in den Medien vertreten sind. Im Zusammenhang mit der Winterolympiade in Sotschi sind wir von Tscherkessen angesprochen worden, die ursprünglich im Nordkaukasus beheimatet waren, bis sie 1864 von russischem Militär vertrieben wurden. Sie wollen auf dieses vergessene Ereignis aufmerksam machen und Forderungen an die russische Regierung stellen. Unser Anliegen war es daher, neben den positiven Auswirkungen, die die Winterolympiade für Russland und insbesondere für die Region um Sotschi bewirken soll, auch einmal die negative Seite des Austragungsortes zu beleuchten. Dass es noch viele andere Aspekte zu den Winterspielen gibt, wie die erwähnte Korruption etc. ist klar.
      Wir als Menschenrechtsorganisation fokussieren natürlich auf die Menschenrechtsproblematik. Wir schätzen die Menschenrechtslage in Russland insgesamt als miserabel ein. Das hat sich ja bei den Wahlen in Sotschi auch wieder gezeigt, sowie auch bei der Berichterstattung über den Austragungsort, die Frage der Partizipationsmöglichkeiten von NGOs, zum Beispiel auch aus dem Umweltschutzbereich zu allen Entscheidungen, die mit den Spielen zusammen hängen. Für uns ist es nicht so relevant, ob man in ein Gebiet reisen kann oder nicht. Sicherlich kann man in den Kaukasus fahren. Die Landschaft ist ja auch wunderschön und die Begegnung mit den Menschen sehr eindrücklich. Aber wie gesagt ist das einfach nicht unser Schwerpunkt. Trotzdem ist es immer sehr wertvoll, wenn wir Leute treffen, die persönliche Reiseerfahrungen haben und sie uns mitteilen. Danke für die Ergänzung!
      Lara

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s