Interview mit dem indischen Regisseur Meghnath

Artikel aus bedrohte völker_pogrom 261, 4/2010
Interview von Sophia Chambers

Indische Nachnamen verraten meist die Kaste einer Person. Deshalb nennt der in Bombay geborene Regisseur Meghnath einfach nur seinen Vornamen. Eine mehr oder minder versteckte Sozialkritik zieht sich wie ein roter Faden durch Meghnaths Arbeit. Seit 15 Jahren dreht er Dokumentarfilme über Aktivisten, die sich für ihre Rechte einsetzen – insbesondere über die Ureinwohner Indiens, die Adivasi. Mit seinen Filmen gewann er bereits mehrere Preise, unter anderem 2009 die Auszeichnung von der IDPA (Indian Documentary Producers’ Association) in der Kategorie „Bester Umweltfilm“.


„Filme werden heutzutage nur zur Unterhaltung gemacht. Wenige Regisseure verfolgen mit ihren Filmen einen bestimmten Zweck, wir aber schon.“ Meghnath 22. Juni 2010

bedrohte Völker: Herr Meghnath, wie haben Sie mit dem Dreh von Dokumentarfilmen begonnen?
Meghnath: Ich bin kein Regisseur im eigentlichen Sinne. Ich würde mich eher als Sozialaktivist bezeichnen. Mit dem Drehen fing ich an, weil ich es als sozialpolitische Pflicht empfand. Als ich Anfang der 1980er Jahre von der Diskriminierung der Adivasi erfuhr, bewegte mich das sehr. Die Ureinwohner werden für Staudammprojekte oder die Förderung von Rohstoffen von ihrem traditionellen Land vertrieben – oft gewaltsam. Das Land, das sie teilweise als Entschädigung erhalten, ist meist unfruchtbar. Die Reaktion der Politiker auf die Probleme der Adivasi hat mich sehr enttäuscht. So beschloss ich, mich selbst zu engagieren. Meine Freunde schlugen vor, den Kampf der Ureinwohner filmisch zu dokumentieren. Ende 1980 fing ich an, Film zu studieren. Ich wollte nicht berühmt werden,sondern der Welt die unbeachteten Stimmen der Ureinwohner zeigen.

bedrohte Völker: Sind Sie selbst Adivasi?
Meghnath: Nein, ich gehöre zu einer ziemlich hohen Kaste. Aber ich sehe es weder als Fluch noch als Segen an, in einer bestimmten Kaste geboren zu sein. Entscheidend ist, dass man sich für seine Ziele einsetzt. Ich habe mich zum Beispiel heute mit dem Abgeordneten Sebastian Edathy (SPD) getroffen und mit ihm über die Wirtschaftsbeziehungen von Deutschland und Indien gesprochen. Auch in Deutschland muss bedacht werden, dass Entwicklung nicht auf Kosten des Anderen und der Umwelt stattfinden darf. Gerade der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundene Errichtung von Förderanlagen und Fabriken bedeutet oft die Vertreibung der Ureinwohner.

bedrohte Völker: Wie finanzieren Sie Ihre Filme?
Meghnath: Mein Team und ich haben einige Freunde, die unsere Arbeit finanziell unterstützen. Ein bisschen Geld bekommen wir durch den Verkauf unserer Filme. Eine gesicherte Unterstützung haben wir jedoch nicht. Ich arbeite hauptberuflich als Lehrer an einer Universität. Filme drehe ich als Auftragsarbeit. Allerdings nehmen mein Team und ich nur Aufträge an, die unseren Prinzipien entsprechen. Wir machen sozusagen Filme, um satt werden zu können, und Filme, die unsere Herzen sättigen. Leider sind Regisseure wie wir, die Filme nicht nur zur Unterhaltung machen, in der Minderheit.

bedrohte Völker: Wie würden Sie Ihr Zielpublikum beschrieben?
Meghnath: Ich mache Filme für Aktivisten, die sich für ihre Rechte einsetzen. Das sind nicht nur Adivasi, sondern auch Muslime und Hindus, die durch Wirtschaftprojekte ihre Heimat verlieren oder in anderer Weise leiden. Meine Filme sollen ihnen Mut machen. Grundsätzlich sind meine Filme, jedoch für jeden, der sich für das Engagement der Aktivisten interessiert. Meine Dokumentationen werden zwar nicht in den kommerziellen, sondern in „Independent-Kinos“ gezeigt, aber das Interesse in Europa zeigt, dass sie Wirkung haben. Das freut mich sehr!

bedrohte Völker: Wie sind die Reaktionen auf Ihre Filme?
Meghnath: Das sind sehr schöne Momente, die für mein Team und mich sehr bewegend sind. Vor einigen Monaten zeigte ich einen Film in einem abgelegenen Dorf in Indien, in dem ich gedreht hatte. Wir mussten einen Stromgenerator mitnehmen, um die Geräte betreiben zu können. Die Dorfgemeinschaft war sehr gerührt. Am nächsten Tag brachte jede Familie eine handvoll Linsen als Dank für unsere Arbeit. Bei unserer Abreise übergab man uns einen Beutel mit etwa fünf Kilogramm.

bedrohte Völker: Worauf achten Sie beim Dreh besonders?
Meghnath: Das Wichtigste für mich ist, dass die Personen in meinen Filmen ihre Würde behalten. Auch wenn ich die kärglichen Hütten der Dorfbewohner filme, wird ihre Stärke deutlich. Diese Menschen haben Stolz und brauchen kein Mitleid. Den Adivasi ist es sehr wichtig, dass jemand Ihre Lebensumstände aufrichtig dokumentiert und die Hintergründe ihres Kampfes erfasst – sozusagen das große Ganze beleuchtet.

bedrohte Völker: Was meinen Sie damit?
Meghnath: In den Medien werden Nachrichten oft aus dem Zusammenhang gerissen geschildert. Ich möchte im Gegensatz dazu die Hintergründe von Ereignissen erklären. Wenn in den Medien beispielsweise von Kindesentführungen berichtet wird, steckt oft viel mehr dahinter. Viele indische Kleinbauern müssen sich Geld für Geräte oder Saatgut von Unternehmen leihen. Im Gegenzug verpflichten sie sich dazu, den Kredit in den Unternehmen durch die Arbeitskraft ihrer Kinder auszugleichen. Wir nennen das in Indien „bonded labour“. Für die Kinder ist es eine Sisyphus-Arbeit. Sie müssen nicht nur den Kredit abarbeiten, sondern zusätzlich mit dem geringen Lohn ihre Nahrung und Unterkunft zahlen. Die Eltern schmerzt es natürlich sehr, ihre Kinder in eine solche Zwangslage zu bringen, doch sie haben meist keine andere Wahl. Auf Nachfrage von Medien behaupten manche, ihre Kinder seien entführt worden. Mit der Darstellung der Zusammenhänge möchte ich zum Nachdenken anregen – und damit zur Veränderung der Situation.

bedrohte Völker: Wie wollen Sie die Veränderungen vorantreiben?
Meghnath: Mit Diskussionen! Eine indische Filmvorführung besteht aus Film-Pause-Film. Die Pause ist gängig, da indische Filme meist sehr lang sind. Bei meinen Filmabenden folgt der Pause die Diskussion.

bedrohte Völker: Was ist die Ursache dafür, dass die Adivasi in der indischen Gesellschaft keine Stimme haben, obwohl einige von ihnen anscheinend Einfluss besitzen?
Meghnath: Ich bezeichne die Ursache als „colonial hangover“. Das Statusempfinden, das unter den britischen Kolonialherrschern etabliert wurde, setzt sich im heutigen Indien fort. Je höher Personen auf der Karriereleiter klettern, umso mehr entfremden sie sich von ihren ursprünglichen Werten und streben nach mehr Macht. So kommt es, dass Adivasi, die eine höhere Stufe im Gesellschaftssystem erreicht haben, sich nicht mehr für die Belange und Werte ihres Volkes einsetzen. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihre Herkunft besinnen. Auch die Ureinwohner können sich in eine moderne Gesellschaft integrieren, ohne ihre traditionellen Werte zu verraten. Das ist natürlich ein langwieriger Prozess. Aber ich glaube, die Aussichten sind sehr gut.

bedrohte Völker: Sie sind aber sehr optimistisch!
Meghnath: Man muss optimistisch sein, um das Leben zu überleben.

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