Shi Wu und die Kinderdiebe (Buchbesprechung)

Wußten Sie, dass jedes Jahr 70000 Kinder jährlich in China verkauft werden, auch von den eigenen Eltern? Es gibt aber auch Menschenhändler, die Kleinkinder einfach von der Straße weg entführen und verkaufen. Genau um so ein Schicksal geht es in Iris Lemanczyks „Shi Wu und die Kinderdiebe“. Hier wird keines der in China tagtäglich auftretenden Probleme ausgelassen: Armut auf dem Land, korrupte Polizeibeamte, das rasante Städtewachstum, fehlender Arbeitsschutz, Umweltverschmutzung, Bettelei, Prostitution, Wanderarbeiter und die gnadenlose Ausbeutung von Kindern. Man fühlt sich bei diesem Buch in die schlimmsten Auswüchse von Mittelalter und beginnender Industrialisierung zurückversetzt.

Mit diesem Band beschreibt Iris Lemanczyks ein trauriges Kapitel der modernen chinesischen Geschichte: Kinderraub steht in der Volksrepublik an der Tagesordnung. Jedes Jahr werden 30.000 bis 60.000 Babys, Kinder und Jugendliche entführt. Iris Lemanczyks neues Buch konfrontiert junge Leserinnen und Leser mit Themen, mit denen sie sich zuvor möglicherweise noch nie auseinandergesetzt haben, oder die sie schlichtweg bislang überhaupt nicht kannten.

Aus der Sicht des Mädchens Shi Wu und i hres blinden Freundes Zheng erzählt Iris Lemanczyks eine Geschichte einer Entführung, die die beiden Protagonisten in das Waisenhaus „Waisenhaus der glücklichen Kinder“ führt. Dort müssen sie betteln und hungern und werden unter unwüdigen Bedingungen festgehalten. Man merkt, dass es für Iris Lemanczyk wichtig ist, über den Tellerrand hinauszublicken und zu sensibilisieren für die vielen Probleme, die in anderen Ecken der Welt herrschen und eigentlich nur vor Ort richtig eingeschätzt und entsprechend relativiert werden können.

Mich erinnert dieses Buch an die englischen Kinderbücher von Charles Dickens, besonders „Oliver Twist„, der als Findelkind in die Klauen eines Verbrechers gerärt und zum Dieb ausgebildet wird. Allerdings habe ich nach Lektüre des Buches das Gefühl, dass Lemanczyk bei allem guten Willen etwas zu stark einige Klischees bedient – so ist ihre Protagonistin Shi Wu ein gut gebildetes Mädchen ist, dass von ihren Eltern geliebt wird (es ist aber überliefert, dass viele weibliche Föten aufgrund der chinesischen Ein-Kind-Politik und der Bevorzugung von Jungs abgetrieben werden; und selbst wenn nicht, werden Jungs ihnen besonders bei der Bildung vorgezogen). Ich fühlte mich auch an Willi Fährmanns Dokumentation „Es geschah im Nachbarhaus“ und Gudrun Pausewangs „Die Not der Familie Caldera“ erinnert – bei beiden Büchern hatte ich das Gefühl, dass sie es schaffen, einfühlsam und ausdrucksstark das Schicksal armer Menschen in den Vordergrund zu stellen. In diese Tradition strebt Lemanczyk.

Das Buch ist im Horlemann-Verlag erschienen und kostet 9,90 Euro. Empfehlenswert als Weihnachtsgeschenk!

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