Joe Saccos „Palästina“ – eine Comic-Besprechung

In diesem Blog besprach ich bereits Joe Saccos „Bosnien“-Band. Während ich diesen Band besprach, sah ich, dass es weitere Comics Saccos gibt – gerade zu einem doch sehr kontroversen Thema, dem Nahost-Konflikt. Ein guter Grund, sich auch mal diesen Band vorzunehmen und hier in diesem Blog zu besprechen.

Kann man mit Comics dem Nahost-Konflikt gerecht werden? Joe Sacco weist selber in seinen einführenden Worten auf schwerwiegende Kritik an diesem „Palästina“-Band: „Die schwerwiegende Kritik an diesem Buch ist, dass die Geschichte nur eine Seite des Nahost-Konflikts darstellt. (…) Es ist kein „objektives Werk“, wenn man unter Objektivität den amerikanischen Ansatz versteht, der beiden Seiten das Wort gibt, sich aber nicht um die Darstellung der Realität kümmert. In diesem Buch wollte ich nicht objektiv sein, sondern ehrlich.“

Diese fehlende Objektivität kann man als einseitige Israel-Kritik verstehen und das Buch entsprechend kritisieren. Man kann sich aber auch auf einen etwas unkonventionellen Ansatz einlassen, um den Nahostkonflikt neu zu erleben: den des Genre Comic- Journalismus (oder Graphic Novel). Er hat damit etwas sehr besonderes geschaffen: eine Form, die die Unmittelbarkeit eines Augenzeugenberichts mit dem Stilmittel einer Reportage verbindet. Darin schildert er das Leben in Palästina und Israel aus der Sicht eines jungen US-Amerikaners (ihm selber), der eine fremde, unbekannte Welt voller Gewalt, Demütigungen, Zorn und Wut betritt.

Mit diesem Comic versucht Sacco also, mit einfachen zeichnerischen Mitteln einen unmittelbaren Einblick in die palästinensischen Lebensbedingungen zu geben. Was mir an diesem Band besonders nach der Lektüre besonders gut gefällt: Es ist eine Sozialreportage, die Anteil nimmt am Schicksal „seiner“ Personenen, die sie beschreibt. Und was Joe Sacco besonders gut gelingt: er nimmt zwar dezidiert die Perspektive der Palästinenser ein, doch bleibt stets ein Abstand zu deren unversöhnlicher Sicht der Dinge spürbar. Dies merkt man gerade an seinen Bildern, die von erstaunlicher Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit sind und dennoch mit ständigen Persektiv-Wechseln lebendig sind und zeitgleich eine gewisse Distanz zu den jeweiligen Personen ausstrahlen. Denn Sacco beschreibt aus seiner eigenen Perspektive, einem Kriegsberichterstatter, mit Sympathie für die jeweiligen Akteure, mit Mitgefühl und Hingabe denen, deren Opfersein ihm während seines Aufenthaltes besonders deutlich wird. Sacco zeichnet sehr genau, seine Bilder sind ohne Pathos und ohne vordergründige Parteinahme. Die schwarz-weiß gezeichneten Bilder wirken sogar noch beeindruckender als ein Film oder Foto. Die akribisch ausgeführten Schraffuren und Punktierungen der schwarzweißen Zeichnungen legt ein Grau über die Szenerie, das den Schmutz und die Kälte des Intifada-Winters von 1991/92 heraufbeschwört.

Letztlich habe ich das Gefühl, dass Joe Saccos „Palästina“ mehr ist als eine Sozialreportage. Es ist eine ganz neue Art politischer Literatur, die den Konflikt auf eine ganz andere, neue, aßergewöhnliche Art und Weise zeigt und dem Leser einiges abverlangt. Letztlich erhebt dieser Band einen graphischen Authentizitätsanspruch, den ein Comic als prinzipiell subjektives, weil eben gezeichnetes Medium niemals einlösen kann. Darin liegt gerade dessen Stärke als Reportage-Instrument: Hier wird keine sachliche Schilderung erwartet, sondern ein individueller, lebendiger Blick auf die Welt. Ich hatte immer den Eindruck, ich sei in die Geschichte eingetaucht. Was mir noch fehlt: ein ähnlicher Band über Israel selbst, wo die Sicht israelischer Menschen angesichts des alltäglich erscheinenden Terrors geschildert wird.

Der Band „Palästina“ erschien im schweizerischen Verlag „Edition Moderne“ und kostet 22 Euro. Ein empfehlenswertes Buch für jene, die sich mit dem Nahost-Konflikt auf etwas unkonventionelle Art und Weise auseinandersetzen wollen.

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3 Gedanken zu “Joe Saccos „Palästina“ – eine Comic-Besprechung

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