Das „Q“: Vom Buchstaben zum Zeichen des Widerstands

In einem Gerichtsverfahren gegen den Soziologen Ismail Beşikçi in der Türkei erachtete die Staatsanwaltschaft den Buchstaben „Q“ als „Element des Verbrechens“.

Seit Mai diesen Jahres steht Ismail Beşikçi wegen „Verbreitung von Propaganda für die PKK“ in der Türkei vor Gericht. Sein Vergehen: Er hatte den Kampf der Kurden um Selbstbestimmung und Freiheit als einen „Widerstand gegen (…) Unterdrückung und Grausamkeit“ und aus diesem Grund ihr „legitimes Recht“ bezeichnet.

Zuletzt nahm der Prozess eher skurrile Züge an, als der Staatsanwalt seinen Vorwurf gegen Beşikçi damit untermauerte, dass dieser in einem Artikel das nordirakische Gebirge Qandil mit einem Q am Anfang geschrieben hatte (ebenso wie es die einheimische Schreibweise ist). Weil es im türkischen Alphabet, anders als im kurdischen, aber kein Q gibt, hätte Qandil nach Meinung des Staatsanwaltes mit K geschrieben werden müssen. Deshalb sei es ein „Element des Verbrechens“, das Q in einem türkischen Text zu benutzen. Dazu sei gesagt, dass es ansonsten in der türkischen Sprache sehr wohl möglich ist andere Buchstaben zu verwenden. So kommentierte der Verteidiger dies, indem er darauf verwies, dass New York doch auch nicht mit einem V geschrieben würde, weil es das W im Türkischen nicht gibt.

Dieses Vorgehen des türkischen Staates ist wohl ein erneuter Versuch, den ihm unbequemen Beşikçi zu schikanieren. Der Soziologe, der es als seine Pflicht als türkischer Staatsbürger erachtet, auf die Diskriminierung und Verfolgung seiner kurdischen Landsmänner aufmerksam zu machen, war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verhaftet und verurteilt worden. Für seine kritischen Publikationen, in denen er seit vier Jahrzehnten auf die Menschenrechtsverletzungen an der kurdischen Bevölkerung durch den türkischen Staat hinweist, wurde „das Gewissen der türkischen Nation“, wie er auch genannt wird, bereits zu insgesamt 100 Jahren Haft und horrenden Geldstrafen verurteilt. 17 Jahre hat er bisher im Gefängnis verbringen müssen. Darunter war eine Haftstrafe für die bisher absurdeste Anklage, er habe eine geheime Ein-Mann-Organisation gegründet. Bisher, denn der Streit um das Q hat durchaus Potential ihr diesen Rang streitig zu machen.

Hintergrundinformationen zu seinem Fall haben wir hier bereits zu Beginn des Prozesses veröffentlicht und auch seine Rede vor der 11. Strafkammer können Sie bei uns nachlesen.
Mehr zum Thema Menschenrechtslage in der Türkei können Sie in der Pogrom-Ausgabe Nr. 253 „Mit 3835 politischen Gefangenen, 4000 zerstörten Dörfern und 1700 Verschwundenen in die EU?“ oder in dem Kampagnenblatt der GfbV „Die Türkei: Nicht reif für Europa! Unterdrückung von Kurden und Christen endlich beenden!„ lesen.

Quelle: „Kurdish Letter `Q´ Constitues Element of Crime in Turkey“ von Berivan Tapan, erschienen am 15.11.10 in der engl. „Bianet“.

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