Linda Polman: Die Mitleidsindustrie (Buchbesprechung)

Der Campus-Verlag hat eine Passage aus der Einleitung genommen und sie auf den Buchrücken übertragen, um die potentiellen Leser auf das vorzubereiten, was sie in dem Buch erwartet:

„Nehmen wir einmal an, es ist 1943. Sie sind Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. Das Telefon klingelt. Es sind die Nazis. Sie dürfen Hilfsgüter in ein Konzentrationslager bringen, aber die Lagerverwaltung darf bestimmen, wie viel davon ans eigene Personal und wie viel an die Gefangenen geht.

Was tun Sie?

Es ist ein jahrhundertealtes Dilemma. Humanitäre Helfer in Kriegs- und Katastrophengebieten möchten menschliches Leid lindern: unparteiisch und neutral, ungeachtet der Person oder der Umstände vor Ort. Doch kann Nothilfe in einem Kriegsgebiet überhaupt neutral sein oder verlängert sie automatisch den Konflikt und damit die Gewalt?“

Kann ein Buch gut sein, dass mit so einem Beispiel aufwartet? Kann das Flüchtlingsleiden in Darfur verglichen werden mit dem nationalsozialistischen Holocaust? Vergleiche hinken immer, könnte man sagen. die Frage ist: braucht die Autorin diesen Aufhänger? Nein. Denn Linda Polman könnte durchaus mit aktuellen Konflikten aufwarten, ein Bezug auf den Holocaust überfrachtet ihre Argumentation. Dieser Bezug wirkt auf den ersten Blick wie ein Totschlagargument, wie eine verfehlte Killerphrase einer erfahrenen Journalistin. Das hat sie aber gar nicht nötig. Denn ihr Buch behandelt das moralische Dilemma, in dem humanitärer Hilfsorganisationen heutzutage gegenüberstehen: Wie können NGOs neutral bleiben? Was, wenn die versprochenen Gelder nicht fließen? Wo beginnt und wo endet die Verantwortung unserer Hilfsorganisationen?

An Beispielen wie Goma, Afghanistan oder Darfur versucht Polman zu erklären, dass falsch verstandene humanitäre Hilfe Konflikte eher verschärfen denn zu lösen helfen. Kann eine humanitäre Hilfsorganisation politisch neutral sein (und damit in Polmans Logik politisch blind sein), wenn Milizen den Großteil des Geldes abzweigen und sich damit Waffen kaufen, wenn RegierungstruppenNahrungsmitteltransporte für die Ärmsten der Armen dazu benutzen, ihre kämpfenden Truppen zu versorgen? Linda Polman geht so weit, der „Hilfs-Industrie“ eine Mit-Schuld daran zu geben, daß Konflikte ausgedehnt und verschlimmert werden. In Einzelfällen kann sie das auch belegen. Wozu da also der Bezug auf nationalsozialistische Vernichtungslager?

Polman zeigt am Beispiel Afghanistans, wie sehr die humanitäre Hilfe in die militärische Strategie der NATO eingebunden wird. Allein dieser Teil macht das Buch lesenswert. Doch neigt Polman leider an einigen Stellen zu Pauschalurteilen. In ihrer grundsätzlichen Kritik an großen Hilfsorganisationen (deren bürokratisches Hinterland zu kritisieren ein anderer diskussionswürdiger Punkt wäre) mag sie recht haben, doch passt diese nicht so recht auf kleinere Hilfsorganisationen wie zum Beispiel Darfur Peace Camp in Darfur, die im kleinen Solakocher organisieren (und mit denen die GfbV seit Jahren gut zusammenarbeit und für die Anke Culemann ihr Frauenprojekt betreibt).

Was können nun Hilfsorganisationen tun, um den von Polman skizzierten moralischen Dilemma zu engtehen? Sie entwirft einen Kriterienkatalog, nach dem humanitäre Organisationen dieses Dilemma begegnen können. Ihrer Meinung nach müssten die Hilfsorganisationen übereinkommen, unter welchen Bedingungen sie Aufträge übernehmen. Dies setzte auch voraus, dass der Wettbewerb um Hilfsaufträge beendt wird. Doch so lange ein organisatorisches Interesse (aka Selbsterhaltungstrieb) im Vordergrund steht, wird dieses moralische Dilemma auch weiterhin bestehen – und überspitzt formuliert als „Kollateralschaden“ hingenommen. Die eigentlichen Profiteure? Die marodierenden Banden über Bürgerkriegsparteien. Wieso daher der anfangs zitierte Bezug auf Ausschwitz? Eine Überspitzung ja. Aber eine grenzwertige, die die Autorin eigentlich nicht bräuchte. Aber das ist wiederum Geschmacksfrage.

Erschienen ist dieses Buch im Campus-Verlag, kostet €19,90 und ist durchaus gut geeignet, dass sich die Entwicklungs- und Hilfs-Industrie einmal selbstkritisch reflektiert. Übersetzt wurde das Buch von Marianne Holberg.

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4 Gedanken zu “Linda Polman: Die Mitleidsindustrie (Buchbesprechung)

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