Rutu Modans „Blutspuren“ – eine Comic-Besprechung

Mit grosser Begeisterung haben die Medien 2008 das Erscheinen von BLUTSPUREN aufgenommen. Vor dem Hintergrund des Alltags in Tel Aviv entwirft Rutu Modan in diesem Buch eine genauso ungewöhnliche wie glaubwürdige Liebesgeschichte. Jonas Engelmann (im „konkret“) führt in seiner Besprechung aus: „Ein solches Bild Israels wird in Deutschland selten vermittelt, in Form eines Comics schon gar nicht“. Ob sich überhautp ein Comic für die Darstellung des Nahostkonfliktes eignet? Ich habe mir diese Frage bereits bei Joe Sacco’s „Palästina“ gefragt (der auch über „Bosnien“ einen Comic lieferte).

Rutu Modan zeichnet mit einem sehr eindrücklichen Stil die Liebe zweier Menschen zwischen zwei Anschlägen. Der junge Taxifahrer Kobi Franco wohnt und arbeitet seit dem frühen Tod seiner Mutter bei Onkel und Tante in Tel Aviv. Eines Tages, als eine junge Soldatin aus wohlhabender Familie mit ihm Kontakt aufnimmt, wird Kobi mit der Vergangenheit seines Vaters konfrontiert. Die Soldatin Numi ist die Geliebte seines Vaters und behauptet, dieser sei beim Anschlag auf den Busbahnhof von Hadera getötet worden. Denn ein Opfer des Anschlages konnte nicht identifiziert werden. Daraus entsteht eine Liebesgeschichte einer etwas anderen Art.

Der Nahost-Konflikt leiht der Geschichte seinen Rahmen. Er zeigt vor allem, wie Israel mit Anschlägen angeht. Was mir an der Geschichte besonders gut gefällt, wie sehr Modan Krimi und Dokumentation mit ihren minimalistisch anmutenden Zeichenstil verknüpft und der Geschichte eine ganz eigene Dynamik gibt.

Man findet in diesem Band zum Glück keine Belehrungen, wer nun wie im Konflikt recht hat. Modan gelingt es, mit den beiden Hauptakteuren Kobi und Numi Einzelschicksale lebhaft werden zu lassen, an denen ersichtlich wird, was wirklich wichtig ist: wie sich der ganze Konflikt auf ganz normale Menschen auswirkt. Dabei fällt aber auf: Die Gründe für den Anschlag werden nie angesprochen, auch die Palästinenser werden kein einziges Mal erwähnt – es ist, als gäbe es sie nicht, und niemand scheint ernsthaft Antworten auf die vielen dringenden Fragen zu suchen. Man kann dies als einseitig empfinden. Es ist aber erst einmal konsequent, die Storyline würde auch überfordert. Wer sich für die arabisch-palästinensische Seite interessiert, sei Joe Sacco empfohlen (siehe oben).

Dem Leser mutet Rutu Modan jedenfalls einiges zu. Auch das Ende mag für manche sehr unbefriedigend verlaufen: denn das Rätsel um den Verbleib von Kobis Vater wird am Ende nicht restlos aufgelöst, er selbst tritt auch überhaupt nicht in Erscheinung. Das Verhältnis zwischen Kobi und Numi steht ebenfalls bis zum letzten Panel auf der Kippe. Rutu Modan überlässt es dem geneigten Leser, sich sein eigenes Ende auszumalen. Eine Offenheit, die sehr gut zu diesem Comic-Roman passt. Man wünscht sich jedenfalls sehr leicht eine Fortsetzung.

Das Buch ist in der schweizerischen Edition Moderne erschienen und kostet stolze 28 Euro – das hochwertig gestaltete Comic ist aber jeden Euro wert. Wer weitere Rezensionen lesen will, sei auf die Perlentaucher verwiesen.

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2 Gedanken zu “Rutu Modans „Blutspuren“ – eine Comic-Besprechung

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