Der Südsudan vor der Unabhängigkeit

Es ist soweit. Nach mehr als fünf Jahrzehnten Unterdrückung durch die Regierung in Khartoum haben die Menschen des Südsudan die Möglichkeit, ein Leben in Freiheit zu wählen. Am 9. Januar begann das bis zum 15. Januar dauernde Referendum, in dem die Menschen des Südsudan darüber abstimmen, ob sie einen eigenen Staat gründen wollen. Ungefähr die Hälfte der acht bis zehn Millionen Südsudanesen haben sich registrieren lassen, um zur Stimmabgabe berechtigt zu sein. Gestern bildeten sich bereits lange Schlangen vor den Wahllokalen. Man geht davon aus, das eine überwältigende Mehrheit der Abstimmenden für die Unabhängigkeit stimmen wird.

Der Abstimmungszettel bietet zwei Möglichkeiten: Einheit und Trennung. Unter eines der beiden müssen die Menschen ihren Daumenabdruck setzen. Mehr als dreiviertel der Südsudanesen können nicht lesen können und sind auf die Symbole angewiesen. Damit das Ergebnis der Abstimmung gültig ist, müssen 60 Prozent der für die Abstimmung registrierten ihre Stimme abgegeben haben.

Viele Fragen sind noch ungeklärt: Zum Beispiel: Wie sollen die Öleinnahmen zwischen Nord und Süd aufgeteilt werden? Was wird aus der ölreichen Region Abyei, die in einer künftigen Volksabstimmung ihre Zugehörigkeit zu einer der beiden Seiten festlegen soll? Wird es für Südsudanesen im Norden und Nordsudanesen im Süden die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft geben? Wird der Südsudan ein Land, in dem Menschenrechte geachtet werden, oder wird aus ihm ein zweites Eritrea? Das Afewerki-Regime des Landes am Horn von Afrika, dessen Mitglieder jahrzehntelang für die Freiheit des Landes gekämpft hatten, entwickelte sich nach der Unabhängigkeit von Äthiopien 1993 innerhalb weniger Jahre zu einem der konsequentesten Menschenrechtsverletzer weltweit.

Das Referendum findet sechs Jahre nach dem Friedensvertrag zwischen der Regierung in Khartoum und den südsudanesischen Rebellen statt. Der Drang nach Freiheit wird durch den Rückblick auf die letzten Jahrzehnte verständlich: Drei Generationen der Dinka, Nuer, Schilluk und Anuak, der Bari, Zande und anderer schwarzafrikanischer Völker haben Frieden so gut wie niemals kennen gelernt. Von 1955 bis heute fielen im Südsudan, in den Nuba-Bergen und zuletzt in Darfur bis zu vier Millionen Schwarzafrikaner Völkermordverbrechen zum Opfer. Nachdem die britische Kolonialmacht den Süden des Landes der Herrschaft des arabischen Nordsudan ausgeliefert hatte, ließ das Regime in Khartum schon in den 50er und 60er Jahren dort ganze Dorfgemeinschaften auslöschen. Christliche Gemeinden wurden in ihren Kirchen eingesperrt und verbrannt, südsudanesische Führungskräfte liquidiert und unzählige Südsudanesen zu Tode gefoltert. Nach einem kurzen Frieden wurde von 1983 an der Vernichtungskrieg mit Massakern, Massenvertreibungen, der gezielten Bombardierung von Schulen, Krankenhäusern und anderen zivilen Einrichtungen fortgeführt. Auch Hunger wurde gezielt als Waffe eingesetzt und große Teile des Landes wurden systematisch verwüstet. Millionen Schwarzafrikaner mussten fliehen.

Was kann Deutschland zu einem erfolgreichen Staatsaufbau des Südsudan beitragen?

Deutschland sollte eine repräsentative diplomatische Vertretung in der südsudanesischen Hauptstadt Juba errichten. Bei der Entwicklung einer Verfassung könnte das Max-Planck-Institut für Völkerrecht in Heidelberg wertvolle Unterstützung leisten. Die südsudanesische Exilgemeinde in Deutschland wünscht sich außerdem Hilfe bei der Errichtung des Universitäts- und Schulsystems sowie von Einrichtungen für die handwerkliche und technische Ausbildung. Die Entwicklungshilfe für den Süden sollte wesentlich verstärkt werden. Außerdem sollten Gelder für die Wiedereingliederung südsudanesischer Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden, die aus dem Nordsudan und den Nachbarstaaten zurückkehren könnten.

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