Ayşe Kulin: Der schmale Pfad (Buchbesprechung)

Dieser Roman berührt ein durchaus sensibles Thema, das in den letzten Jahren in zarten Ansätzen einen Tabu-Bruch erfahren hat: den türkisch-kurdischen Konflikt. Das Vorbild für die Figur der Kurdin Zeliha Bora ist übrigens die türkische Politikerin und kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana, für die wir uns in diesem Blog bereits häufiger engagierten (siehe auch unseren Artikel „Das „Q“: Vom Buchstaben zum Zeichen des Widerstands“). Als die ihre Einwilligung zu einer von Kulin geplanten Biografie zurückzog, entschloss sich die Autorin zu einem fiktiven Roman über eine starke kurdische Frauenfigur.

Letztlich geht es in diesem Roman um das Schicksal zweier starker Frauen, denen das Leben schwer zusetzte. Als die beiden Frauen aufeinander treffen, prallen auch zwei politische Weltanschauungen aufeinander. Nevra, die Intellektuelle, spricht sich für Integration, Bildung und ein friedliches Miteinander aus, die Kämpferin Zeliha redet von der Zwei-Klassen-Gesellschaft, dem Befreiungskampf ihres Volkes und den unüberbrückbaren kulturellen Unterschieden.

Eigentlich besteht dieser Roman nur aus einem einzigen intensiven Dialog – über unterschiedliche Lebensvorstellungen, Weltsichten, Glaubensansätze und die Rolle der Frau. Doch all diese Unterschiede werden wie in einem Brennglas gebündelt und auf das angespannte Verhältnis zwischen Türken und Kurden übertragen. Hier wird an zwei sehr persönlichen Schicksalen der beiden Frauen besproche, wie die ungenügenden Bildungschancen für kurdische Kinder und Frauen den Konflikt anheizen, wie sehr archaische Traditionsreste wie Blutrache und Ehrenmord die Rolle der Frau schwächen, aber auch um die restriktiven Methoden des türkischen Staates, um unbarmherzige Haftmethoden und offene Fälle von Folter. Manchmal hatte ich bei der Lektüre den Eindruck, dass fast schon zu viele Themen angesprochen, zu sehr Klischees abgehandelt werden.  Doch weit gefehlt! Ich habe das Buch schätzen gelernt als eines, dass viele Parallelen mit Tallar Ben Jelloun hat und durchaus einen – publizistisch-intellektuellen, weniger praktischen – Beitrag zur Verständigung zwischen Türken und Kurden leisten kann. Es wäre zu begrüßen, wenn gerade betroffene Frauen ins Gespräch kommen könnten.  Ob es dem Buch gelingt, zur Brücke der Verständigung zu werden? Zu hoffen wäre es.

Das Buch ist im Union-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro. Großer Verdienst des Verlages ist es meines Erachtens, die Türkische Bibliohtek aufgebaut zu haben: diese präsentiert Meilensteine der türkischen Literatur von 1900 an bis in die unmittelbare Gegenwart. Das Schwergewicht liegt auf Werken, die trotz ihrer Bedeutung der deutschsprachigen Leserschaft noch nie zugänglich gemacht wurden. Da redet die große Politik in ihren Sonntagsreden über Völkerverständigung und bedient unter der Woche Stammtisch-Niveau bei der Diskussion über einen möglichen türkischen EU-Beitritt – und vergißt darüber, dass es exzellente Initiativen wie eben diese türkische Bibliothek gibt, die ich absolut unterstützenswert finde.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ayşe Kulin: Der schmale Pfad (Buchbesprechung)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s