Christenverfolgung im Iran

Wie mit Blick auf den Weltverfolgungsindex der Open Doors- Organisation der vergangenen Jahre festzustellen ist, so zählt der Iran bereits seit Langem zu den radikalsten Christenverfolgerstaaten der Welt. In dem kürzlich veröffentlichten Index für das Jahr 2010 belegte Iran ein weiteres Mal – nach Nordkorea auf dem ersten Platz- den zweiten Rang der Auflistung.

Diese traurige Bilanz scheint sich auch für das Jahr 2011 fortzusetzen. Zu Beginn des neuen Jahres traf aus dem Iran eine Meldung über die Festnahme mehrerer christlicher Missionare ein, die nach Worten des Gouveneurs der Teheraner Provinz, Mortesa Tamaddon, einer „fehlgeleiteten“ Bewegung angehörten, welche einen „religiösen und kulturellen Angriff“ auf Iran in Planung hatte. Der Gouveneur zog in diesem Zusammenhang den ernst gemeinten Vergleich zwischen der christlichen Bewegung und der Taliban, da seinem Anschein nach beide die Eigenschaft eines „parasitären Charakters“ teilen würden. Ob die Inhaftierten nun tatsächlich Missionarsarbeit leisteten oder diese Aussage nicht der Wahrheit entspricht, ist noch immer unklar. Wesentlich ist jedoch, dass mit dieser Meldung ein zentrales Konfliktfeld in der Islamischen Republik Iran beleuchtet wird.

Fundament der Debatte ist die Tatsache, dass – obgleich Christen sowie auch Juden und Zoroastristen im Iran prinzipiell anerkannt und in die iranische Politik integriert werden, demnach ihren Glauben auch frei ausleben dürfen- Missionsarbeit im Lande unter Strafe gestellt wird. In Einklang mit dem auf der Scharia basierenden Strafrecht kann auf die durch Missionsarbeit erzielte Apostasie (Übergang vom Islam zu einer anderen Religion) lebenslange Haft oder die Todesstrafe stehen. Auch wenn ein im September 2008 vom iranischen Parlament verabschiedetes Apostasiegesetz noch immer nicht in Kraft getreten ist, so stellt es eine bedrohliche Aussicht auf die Zukunft der vom Islam zum Christentum konvertierten Iraner, wenn hierdurch gesetzlich geregelt auf jeden Apostasie-Fall zwingend mit der Todesstrafe reagiert werden würde.

Die Apostasiegesetze erscheinen im Kontext der iranischen Politik unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad als eine logische Maßnahme, um den Einfluss über die Bevölkerung des Landes aufrecht zu erhalten. Im Iran ist der Islam Staatsreligion. Alle Gesetze und Vorschriften werden in strikter Übereinstimmung mit den Grundlagen des Scharia-Gesetzes bearbeitet, wonach die Option den Islam zurückzuweisen, nicht existent ist. Seit dem Sieg der konservativen Parteien im Jahre 2004 und im darauf folgenden Jahr gestärkt durch die Wahl Ahmadinedschads als ein konservativer Hardliner Präsident, ist im Lande eine wachsende Betonung des „islamischen“ Staates nicht zu übersehen. Immer wieder aufkommende landesweite Proteste und große Unzufriedenheit mit der iranischen Regierung werden von vielen Seiten wahrgenommen, denn die Regierung entfremdet ihre Bürger durch zahlreiche Verbote und Gebote. Als daraus folgende Konsequenz wird der Islam immer häufiger mit Druck und Einschränkungen assoziiert, so dass sich viele Iraner in ihrem Unmut gegenüber der politischen Elite vom Islam abzuwenden versuchen. Die Iraner sehen sich zunehmend in ihrer Lebensweise gestört und suchen „freiheitlichere Religionen“ als Identitätsstifter auf, wenngleich nicht der Islam die Ursache des Problems ist. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. Januar 2011 berichtet, so ist die Verwirrung besonders bei der iranischen Jugend groß, welche die „Wahrheit des Islams mit der Wahrheit der Herrschenden gleichsetzen.“ Sie suchen aus diesem Grunde Zuflucht in anderen Religionsgemeinschaften, welche im Iran missionarisch aktiv sind, mehrheitlich im Christentum. Was Experten hier als ein neues Phänomen einstufen, nämlich die Zunahme der Konvertitenzahl vom Islam zum Christentum in einem Land, in dem 98 Prozent der Bevölkerung sich zum Islam bekennen, lässt sich daher in einen Zusammenhang mit der steigenden Zahl regimekritischer Iraner bringen.

Das Wachstum der Kirche durch konvertierende Muslime wird von der Regierung offensichtlich als Bedrohung wahrgenommen. Aus diesen Grunde wird versucht die Zahl der Konvertiten gering zu halten, und dies mit allen Mitteln: Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung, Verhaftung, Zwangsislamisierung, Folter und Mord. Ob ein Konvertit durch den Staat verfolgt wird hängt weitgehend davon ab, wie er selbst sich in der Öffentlichkeit präsentiert. Demnach heißt es entweder verheimlichen oder riskieren, in jedem Falle leidet die Freiheit des Individuums.
Mit Aussicht auf die kommenden Jahre bedeutet dieser Konflikt eine erhöhte Gefährdungssituation für alle iranischen Konvertiten und legt die Grundlage für den Staat, in noch größerem Maße Menschenrechtsverletzungen im Namen der Religion zu begehen und auf diese Weise seine eigene Bevölkerung zu bekriegen.

Carina Schlüsing

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